Was ist das Besondere an anthroposophischer Architekur, Herr Ermel?

John C. Ermel: Sie unterscheidet sich für mein Verständnis massgeblich von dem, was heute unter Mainstream-Architektur verkauft wird. Dahinter steckt ein anderes Natur- und Menschenbild. Ein Aspekt ist beispielsweise, dass wir uns bemühen, unsere Bauten in die bestehende Umgebung einzufügen. Weil die Umgebung aber nicht überall rechtwinklig ist, darf man auch andere Formen und Winkel verwenden, um sich einzupassen. Gerade, wenn man in der freien Natur baut, gibt es ja nirgendwo rechte Winkel, zumindest nicht im Grundriss.

Und was bringt das?

Dass sich für die Bewohner und das Publikum ein harmonischeres Gesamtbild ergibt. Ich kann so aber auch besser auf die inneren Nutzungsbedingungen eingehen. Die wenigsten Funktionen sind prädestiniert, rechtwinklig umrahmt zu werden. Beispielsweise ist die Aula der Waldorfschule Schopfheim, die ich entworfen habe und die auch in der Ausstellung zu sehen ist, ein rundgeschwungener Raum und der passt viel besser für das, was dort geschieht. Die Plätze sind so angeordnet, dass die Zuschauer alle gut sehen und gut hören können. Der rechte Winkel wäre für diese Funktion völlig ungeeignet. Wenn wir für die verschiedenen Aspekte einer Nutzung ganzheitlich bauen wollen, müssen wir über das hinausgehen, was wir normalerweise an der Hochschule lernen.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich Maler werden will, beschränke ich mich auch nicht auf schwarz und weiss. Um bestimmte Stimmungen auszudrücken, benötige ich auch Farben. Genauso nehme ich als Architekt verschiedene Formen und Winkel zu Hilfe, um dem gerecht zu werden, wofür ich baue. Neben dem Material und der Konstruktion sind es vor allem die anderen Formen, die zunächst ins Auge springen - und die sind für manche halt etwas ungewohnt.

Ich habe auch gehört, dass es keine Flure im ursprünglichen Sinne gibt. Stimmt das?

Der Gang ist für mich nicht nur ein Durchgangs- sondern ein Erschliessungsraum, der für sich eine Qualität haben sollte und wo man sich auch aufhalten kann. Er hat eine zentrale und nicht nur eine nebensächliche Funktion.

Was bauen Sie zur Zeit?

Am Juraweg in Dornach entsteht derzeit ein Ensemble von sieben Gebäude, unter ihnen eines mit der Stiftung Trigon für eine sozialtherapeutische Wohngemeinschaft, das im Januar fertig werden soll. Wir verwenden dort natürliche Materialien wie Stein und Holz. Es gibt keine Styropor-Aussenisolation und auch keine Plastikfenster. Für die Energiegewinnung müssen wir weder auf Öl noch auf Gas zurückgreifen. Die einzige Energie, die wir nutzen, ist die Sonnenenergie. Die Solarkollektoren sind in die Dachgauben eingelassen und von unten nicht zu sehen - nur vom Kran aus. An laufenden Kosten fallen dann lediglich ein paar Hundert Franken im Jahr für die Wärmepumpe an. Das ist grüner Strom, den wir einkaufen, der durch Photovoltaik dort produziert wird, wo mehr Sonne scheint als hier. Das ist das umweltfreundlichste, was ich im Moment kenne. Wenn ich sehe, was heute noch an Energieschleudern gebaut wird, ist das nicht sehr kompatibel mit meinem Verständnis von Ökologie.

Was unterscheidet Ihre Architektur von anderen Niedrigenergiehäusern? Die Form?

Der Unterschied ist, dass wir es ganzheitlich betrachten. Material- und Umweltfreundlichkeit sind der eine Aspekt: Ich kenne wenige Beispiele, die so wenig Energie brauchen wie wir hier. Da sind wir sicherlich Pioniere und an der Spitze der Entwicklung. Der Energiesparaspekt ist natürlich wichtig, aber ebenso wichtig sind die Formen und Farben, in denen sich die Menschen wohl fühlen sollen. In alle meine Räume hier fällt durch mindestens zwei Fenster Licht von zwei Seiten, in manchen auch durch drei - das ergibt eine ganz andere Raumatmosphäre, als wenn ich ein Fenster zwischen zwei parallele Wände klemme. Die Farben für die Böden, Wände und Decken bestimmen wir mit Hilfe einer Farbberaterin, welche diese Raumwirkung aufgreift und das Ganze steigert.

Kommt es auch vor, dass Sie für jemanden bauen, der von Anthroposophie keine Ahnung hat?

Das gab es auch schon, ist aber eher die Ausnahme. Ich denke, man muss schon ein gewisses Wohlwollen und Verständnis für das anthroposophische Menschenbild haben, um so etwas zu wollen.

Was haben Sie neben der Aula in Schopfheim noch gebaut?

Die Waldorfschule in Otterberg bei Kaiserslautern und verschiedene Wohnhäuser und Siedlungen, darunter die Siedlung Lolibach zwischen Aesch und Dornach. Die 42 Wohnungen sind um einen kleinen Park mit Spielplatz gebaut, und so von innen erschlossen, um dort ein Gemeinschaftsleben zwanglos zu ermöglichen. Obwohl die Häuser zwischen der Kantonsstrasse und der Bahnstrecke liegen, stört dies im Innenhof nicht. Alle Wände haben Vor- und Rücksprunge; das macht die Gebäude lebendiger. Es sind Mietwohnungen von der 1-Zimmer- bis zur 6-Zimmerwohnung durchmischt. Sie sind sehr gefragt. Wir hatten noch nie Leerstand in der Siedlung.

Wie stehen Ihre Berufskollegen zu Ihnen?

Ich bin zwar im Berufsverband organisiert, aber trotzdem unter Architekten eher ein Aussenseiter. Ich habe nur wenige Kollegen, die wirkliches Verständnis dafür haben, was ich hier versuche.

Woran reiben sich Ihre Kollegen?

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass wir rückwärtsgewandt seien. Aber was ist am Projekt Juraweg rückwärtsgewandt? Über das wegweisende Energiekonzept hatte ich ja schon gesprochen. Ausserdem finde ich es absolut zeitgemäss, sich in das Bestehende, hier das Goetheanum-Ensemble, einzufügen. Natürlich würde ich neben dem Hilton nicht so bauen. Aber hier ist es anders. Wie der Ausstellungstitel sagt, denken, leben und bauen wir etwas anders. Aber ich denke, dass wir auch als Minderheit das allgemeine kulturelle das allgemeine kulturelle Leben damit etwas bereichern können.

Im Dreiland gibt es 585 anthroposophische Einrichtungen. Das klingt nicht nach Minderheit. Hat Sie die hohe Zahl überrascht?

Ja, das schon. Ich kannte bisher auch nur einen Bruchteil davon.

Wie erklären Sie sich diese erstaunliche Zahl?

Dass dieses Ausmass an Kleinsteinrichtungen nicht so im Bewusstsein ist wie die Labels Demeter und Weleda hängt wohl damit zusammen, dass die Anthroposophen nicht gross Werbung machen für sich und ihre Ideen. Sie haben genug damit zu tun, tagtäglich das umzusetzen, was oft gegen den Mainstream anrennt. Das ist schwierig genug. Etwas Neues und Andersartiges umzusetzen, ist nirgendwo einfach. Deshalb sind oft keine Kräfte mehr übrig, um gross Öffentlichkeitsarbeit zu machen.

Sie setzen sich für gemeinnütziges Eigentum an Grund und Boden ein. Warum?

Wir sehen oft, dass durch Vererbung und Verkauf Preise zustande kommen, die für gemeinnützige Organisationen dann nicht mehr tragbar sind. Um Boden-Spekulation auszuschliessen, sollten Grund und Boden generell in gemeinnützigem Besitz und nicht weiter verkäuflich sein. Es ist ja in Basel die Initiative «Boden behalten - Boden gestalten» zustandegekommen, welche einen wichtigen Schritt in diese Richtung bedeutet. Und ohne das Engagement der gemeinnützigen Stiftung Edith Maryon für das Unternehmen Mitte in Basel wäre dort wohl stattdessen wohl ein weiteres Einkaufszentrum entstanden.