Fotografie

Antikenmuseum: Das Reiseziel verfehlt

Das Antikenmuseum Basel lädt zur Grand Tour in den Orient. Das Versprechen wird jedoch nur teilweise eingelöst.

Es sind erschütternde Zeiten für das Antikenmuseum Basel. ­Wegen der privaten Baustelle am Kunstmuseum-Parking ­wackelt das Gebäude am St. Alban-­Graben derart, dass die antiken Vasen verpackt werden mussten und die oberen Stöcke gesperrt sind. Zugänglich sind derzeit nur die Skulpturenhalle im Parterre und Räume im Untergeschoss.

Ein Zustand, der bis Herbst 2021 andauern wird. Für Januar 2021 ist trotzdem eine Neuinszenierung der altägyptischen Sammlung geplant. Diesen Monat hat das Museum die Schau «Oriental Grand Tour» eröffnet.

Reflektion der Orientfotografie findet kaum statt

Angekündigt ist eine Ausstellung, die sich «dem Thema der Orientfotografie im 19. Jahrhundert widmet». Parallel zur grossen Sonderausstellung «The Incredible World of Photography» der Sammlung Ruth und Peter Herzog im Kunstmuseum Basel sowie zur Ausstellung «Mittelalter und Moderne» im Historischen Museum, ebenfalls mit Fotografien aus der Sammlung Herzog.

Diese ist mit einem Bestand von rund 500'000 Bildern eine der grössten und bedeutendsten Fotosammlungen weltweit. Die Chance, auf Basis dieser Sammlung die Geschichte der Orientfotografie zu reflektieren, haben die Kuratoren Laurent Gorgerat und Claudia E. Suter leider nicht genutzt.

Die Grand Tour findet nur lesenderweise statt

Die Grand Tour ist eines der ersten touristischen Labels Europas. Die Reise rund ums Mittelmeer, an die Wiege der griechischen Antike, die damals noch geheimnisumwitterten Länder des Orients und an die biblischen Stätten Palästinas wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Verkaufsschlager, vor allem für die französische und englische Upperclass, angetrieben von Anbietern wie dem britischen Reiseveranstalter James Cook.

Mit François-René Chateaubriands «Itinéraire de Paris à Jérusalem» in der Tasche oder ins­piriert von Napoleons und Gustave Flauberts Reiseberichten nahmen immer mehr Europäer die abenteuerliche Grand Tour auf sich. Parallel zur Tourismusindustrie entstand die industrielle Fotografie. Einige Reisende liessen sich von Fotografen begleiten. Wie auch in Schweizer Kurorten wurden entlang der Grand Tour zahlreiche Fotoateliers eröffnet.

Das Booklet zur Ausstellung im Antikenmuseum beschreibt diese reiche Geschichte des Orienttourismus und der Orient­fotografie auf ansprechende Weise. Peter Herzog schreibt darin von Tausenden von Bildern in seiner Sammlung, die Zeugnis dieser Kulturgeschichte ablegen. Deshalb verwundert es doch sehr, dass das Antiken­museum gerade mal 25 dieser Fotografien aus dem 19. Jahrhundert zeigt.

Menschen sind darin kaum zu sehen

Inspiriert von der Lektüre malt sich der Besucher aus, was hier alles möglich gewesen wäre: Beispielsweise eine Serie von Bildern, die zeigt, wie die Atelierbetreiber Modelle engagierten, um je nach Bedarf, den exotischen Wasserträger, den Melonenverkäufer, den Rabbiner oder Haremswächter zu mimen. Gerne sähe man Fotografien dieser frühen Reisenden, wie sie sich vor den Kulturschätzen des Orients inszenieren.

Es gäbe die Chance, eine kritische Auseinandersetzung mit dem herablassenden oder zumindest folkloristischen Blick der Europäer auf die Menschen des Orients zu führen. Es könnte gezeigt werden, mit welch umständlichen und schweren Apparaturen die Urahnen der Generation Instagram die Hotspots ihrer Reisen abgelichtet haben. Fotoalben, die in Europa verkauft wurden und wiederum mehr Touristen in den Nahen Osten lockten, könnten als frühe Zeugnisse des globalen Tourismus thematisiert werden.

Die Ausstellung verzichtet jedoch weitgehend auf all dies. Menschen sind darin kaum zu sehen. Ein einziges Foto eines Reiseführers, ein Bild einer Reisegruppe in Judäa müssen reichen. Ansonsten sehen wir: den Südabhang der Akropolis, das Dionysostheater während der Ausgrabung, die Galatabrücke von Konstantinopel, den Innenraum der Hagia Sophia, Ansichten von Beirut, Jerusalem und Bethlehem und Jericho. Die Stadtmauer von Damaskus, die Grabtempel von Palmyra, das «Tor aller Länder» in Persepolis, die erwähnten Sujets des Neapolitaners.

Keramik und Skulptur, anstatt Fotografie

Weit mehr als Fotografie zeigen die Kuratoren Bestände aus ihrer Antikensammlung, die aus den Ländern der Grand Tour stammen. Also vor allem Vasen, Schalen, Amulette oder Statuen aus Keramik, Marmor, oder Bronze. Die Gegenstände sind in Vitrinen unter Bildschirmen, deren Slideshows aktueller Bilder aus dem Orient an profane Tourismuswerbung erinnern. Drei didaktische Stationen zu den Themen «Mensch und ­Natur», «Kultur lebt vom Austausch», «Religion ist allgegenwärtig» runden das Ganze ab.

Zweifellos: Es ist verständlich, dass ein Antikenmuseum vor allem mit seinen Beständen arbeiten will. Die gezeigten Schätze sind wunderbar, die ­Keramik selten schön, die Skulpturen frühe Zeugnisse menschlicher Abstraktionskraft. Nur ­haben diese Kunstwerke eben nur assoziativ und deshalb recht wenig mit dem angekündigten Thema zu tun: der Orientfotografie.

«Oriental Grand Tour» - Fotografien aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog. Bis 13. Dez., Antiken­museum, Basel. www.antikenmuseumbasel.ch

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