Kaserne Basel

Antje Schupp: Auf leichtem Fuss über den Abgrund

Die Performerin tritt in der Kaserne Basel auf.

Die Performerin tritt in der Kaserne Basel auf.

Die Performerin Antje Schupp zeigt in der Kaserne Basel ihre neuste Arbeit «Loss & Luck». Ein Requiem auf ihre Eltern.

Wie bringst Du Gott zum Lachen? Erzähl ihm von Deinen Plänen. Dieser jüdische Witz passt fürs Leben, aber auch für Theaterprogramme. Dasjenige der Kaserne Basel beinhaltet einen Themenschwerpunkt, den Theaterleiter Sandro Lunin so gar nicht beabsichtigt hatte: Eine Vielzahl der Stücke dieser Saison beschäftigen sich mit Tod und Sterben. Es sind Koproduktionen, Uraufführungen, bei welchen die Künstlerinnen und Künstler die Stoffe bestimmen.

Da ist die dokumentarische Installation «Death and Birth in My Life» des Schweizers Mats Staub. Eine Arbeit, die vom Tod seines Bruders inspiriert ist. Nach einer ausgedehnten Tournee kehrt sie im Januar nach Basel zurück. Oder Tabea Martin: Die Basler Choreografin hat nach dem Tod ihres Partners eine Trilogie zum Thema Sterben kreiert.

Antje Schupp performt ihr Requiem «Loss & Luck» in der Kaserne Basel

Antje Schupp performt ihr Requiem «Loss & Luck» in der Kaserne Basel

Dann war da die Eröffnung der Saison. Boris Nikitin präsentierte seinen «Versuch über das Sterben», ein theatrales Essay, das er dem letzten Lebensjahr seines Vaters widmet. Und nun Antje Schupp. Die Basler Regisseurin und Performerin verarbeitet den Tod ihrer Eltern in ihrem Solostück «Loss & Luck». Die Tänzerin und Künstlerin Sigal Zouk hat mit Schupp das Konzept dazu entwickelt.

Lunin meint: «Die Ballung des Themas ist vielleicht auch gar nicht zufällig. Diese Künstlerinnen und Künstler sind alle zwischen 35 und 50 Jahre alt. Spätestens da kommt es ja zur ersten Begegnung mit dem Tod nahestehender Menschen.»

Ein auf das Nötigste reduziertes Trauerritual

«Loss & Luck» (Verlust & Glück). Der Neonschriftzug hängt im Hintergrund. Vorne baumelt ein üppiger Blumenstrauss von der Decke, als ob er hier getrocknet würde. Da steht ein Piano, und da stehen ein paar Scheinwerfer. Das reduzierte Setting entspricht dem Stück. Es ist eine Art Essenz des Themas, ein auf das Nötigste reduziertes Trauerritual, das Antje Schupp ganz alleine vollzieht. Die Choreografie besteht aus den Elementen Tanz, Musik und Sprache, die sich in einer rund einstündigen Schlaufe abwechseln und ineinandergreifen.

Schupps Tanz besteht aus wenigen reduzierten Figuren: Niedersinken, sich in Zeitlupe über den Boden wälzen, einen Weg finden, sich aufzurichten, der Wand entlang taumeln, sich Aufbäumen gegen Schmerz und Verzweiflung, im Kreis rennen, wieder Niedersinken.

Schupp erzählt, weit hinten in der Ecke der Bühne kauernd, von ihrem Vater. Darüber, was in der Erinnerung von ihm bleibt: seine Stimme, gewisse Sätze, seine immer wache Lebensart. Er habe sich eine Klezmer-Band zur Beerdigung gewünscht.

Und sie spricht eine Abdankungsrede für ihre Mutter, vorne an der Rampe stehend, mit dem Rücken zum Publikum. Die Mutter ist ziemlich genau ein Jahr nach dem Vater gestorben. Zwei Dinge hätten sie ausgezeichnet: das Schmieden von Zukunftsplänen und das Leben mit Pflanzen. Sie, die Wissenschafterin, habe immer gesagt, es gebe im Leben viele Wege, man müsse sie nur konsequent gehen.

Nach ihrem Tod findet die Tochter im Haus der Mutter einen Zettel mit einem Zitat von Søren Kierkegaard: «Wir müssen das Leben vorwärts leben. Verstehen können wir es nur im Rückblick.»
Und dann ist da noch die Musik: Ludwig van Beethovens letzte Pianosonate. Schupp spielt sie selbst. Der Musiker und Komponist Martin Gantenbein, verantwortlich für das Sounddesign, durchsetzt diese melancholische Suite mit feinen Störgeräuschen. Und er ermöglicht ein Sinnbild für den ganzen Abend: Das Piano klingt weiter, auch wenn die Pianistin längst nicht mehr dransitzt.

So geht es uns mit den Toten: Sie sind weg – ihr Echo ist aber immer noch da, solange wir weiterleben. Schupp und ihrem Team gelingt in dieser konsequenten Reduktion ein schöner, zarter Abend. Was hält uns am Leben, wenn die Liebsten gegangen sind? Die Schwere dieser Frage löst sich auf in leichtfüssigem Klang.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1