Abschiedsinterview
Antonio Loprieno: «Ich teile diesen Kultur-Pessimismus nicht»

Zehn Jahre lang war Antonio Loprieno Rektor an der Uni Basel. In seinem Abschiedsinterview erklärt er, wieso er das viel gescholtene Bologna-Modell verteidigt.

Matthias Zehnder
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Noch geniesst Uni-Rektor Antonio Loprieno den Blick aus dem Fenster seines Büros gegenüber dem Kollegiengebäude. In anderthalb Monaten wird er es räumen.

Noch geniesst Uni-Rektor Antonio Loprieno den Blick aus dem Fenster seines Büros gegenüber dem Kollegiengebäude. In anderthalb Monaten wird er es räumen.

Kenneth Nars

Antonio Loprieno – sind Sie jetzt eher erleichtert oder eher traurig, dass Sie in wenigen Wochen nicht mehr Rektor der Universität Basel sind?

Antonio Loprieno: Ich habe mir diese Frage selbst gestellt und ich komme zu keiner richtigen Entscheidung. Es ist halb-halb. Ich freue mich sowohl auf die Erleichterung, als auch auf die Traurigkeit.

Seit der Bolognareform geht es an der Uni nicht mehr um Testate, sondern um Punkte. Sind die Studenten zu Punkte-Sammlern geworden?

Zur Person

Der 60-jährige Antonio Loprieno ist in Bari geboren. Er studierte Ägyptologie, Sprachwissenschaft und Semitistik in Turin. In den 80er-Jahren arbeitete er an einigen Unis als Dozent, unter anderem in Perugia. Dort wurde er später zum ausserplanmässigen Professor für hamito-semitische Sprachwissenschaft ernannt. 1989 bis 2000 war er Professor für Ägyptologie an der University of California in Los Angeles, danach Professor und Studiendekan der Phil.-hist. Fakultät an der Uni Basel. Ab Juli 2005 bis Juli dieses Jahres ist er hier als Rektor tätig.

Ticken heutige Studierende anders, als die Studenten vor 20 Jahren getickt haben?

Ich meine schon, dass ein junger Mensch heute anders tickt. Aber nicht wegen Bologna. Wir haben die Tendenz, Bologna verantwortlich zu machen für Entwicklungen, die viel grösser und komplexer sind als eine Studienarchitektur. Wir finden Kausalität, wo es keine gibt. Die studentischen Biografien kennen heute viel weniger eine klare Zäsur zwischen Studienzeit und Arbeitszeit. Man kennt eher einen fliessenden Übergang. Das ist ein Epiphänomen der gleichen gesellschaftlichen Entwicklung. Es geht darum, dass das Studium nur eine Komponente eines vielschichtigen, auf individuelle Bedürfnisse ausgerichteten Lebensplans ist. Während meiner Studienzeit habe ich mich immer gefragt, ob ich mich auf Ägyptologie oder semitische Philologie konzentrieren soll. Von beiden Seiten wurde es aber als Verrat angesehen, wenn ich mit der jeweils anderen Seite in der Bibliothek sass. Für mich war das eine oder andere Fach die Alternative, heute ist es das eine Fach oder die Arbeitswelt.

Jetzt widmen Sie sich bald wieder ganz der Ägyptologie.

Ägyptologie ist ein enzyklopädisches Studium: Es vermittelt umfassendes Halbwissen. Es ist nicht wirklich ein intellektuelles, methodisch besonders raffiniertes Fach. Es ist zusammengesetzt aus Sprache, Religion, Kunst und Geschichte. Es ist ein sehr offenes Fach. Es ist also eigentlich ein superpraktisches Studium, viel praktischer als Ingenieurwissenschaft.

Auf was freuen Sie sich?

Die Ägyptologie hat sich in den letzten zehn Jahren verwandelt und ich mich auch. Ich freue mich auf die Spannung, die mit Sicherheit in mir entsteht, wenn ich mich mit Dingen wieder beschäftigen darf, die zugleich identisch und anders sind. Ich freue mich auf die Kollisionen, die das erzeugt, so wie im Cern. Ich bin gespannt, was dabei entsteht.

Das ganze Interview lesen Sie morgen Donnerstag in der bz.

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