Viel braucht ein Schneider nicht: eine Nadel, Faden, eine Schere, eine Nähmaschine, ein Stoff. Und schon kann er loslegen. So hat wohl auch Oliver Häberli sein erstes Stück Stoff zusammengenäht. In seiner Schneiderei sieht es heute allerdings ganz anders aus. Ein Kittel im Grauton und einer aus braunem Manchester hängen an Büsten. Der Erste ist erst provisorisch zusammengenäht, der Zweite ist noch ärmellos. Auf einem der Tische liegen Skizzen von Schnittmustern übereinander, vier Nähmaschinen und ein blauer riesiger Bügeltisch stehen im Raum, Scheren und Fadenrollen hängen an der Wand. Man findet in Häberlis Atelier kein Chaos vor, wie man sich das bei Handwerkern vorstellt. Es herrscht eher ein geordnetes Durcheinander.

Oliver Häberli ist der einzige Herrenschneider in Basel. Massanzüge zu schneidern ist eine Aufgabe, die intensive Vorarbeit braucht, erklärt er. Oftmals komme ein Kunde mit einer konkreten Vorstellung zu ihm ins Geschäft. Manchmal bringt dieser gar ein Magazin mit, in dem ein Herrenmodel den gewünschten Anzug trägt. Während des ersten Gesprächs versucht Häberli herauszuspüren, was der Kunde für ein Typ Mensch ist. Denkt er modisch, mag er klassische oder eng anliegende Kleiderschnitte? Braucht er einen Kittel für offizielle Anlässe oder fürs Büro? Um diese Formabklärung zu definieren, werden mehrere Termine festgelegt. «Dadurch entsteht zum Kunden eine Beziehung und ich lerne ihn und seinen Geschmack kennen.» Zum Schluss gebe er Empfehlungen ab, sollte die Idee des Kunden nicht funktionieren.

Keine Stoffe mehr auf Lager

Nun geht es um die Stoffwahl. Rund 9000 Stoffproben hat Häberli im Schrank verstaut. «Früher haben die Schneider den Stoff auf Lager gehabt. Heute macht man das nicht mehr, das wäre zu teuer.» Die Stoffproben sind je nach Saison, Stil und Herkunft getrennt in Stoffbündeln abgelegt. Sie kommen aus Italien oder England – und unterscheiden sich klimabedingt. «Die italienischen Stoffe sind leichter verarbeitet, eher dunkel und elegant. Die Englischen dagegen sind währschaft und farbig. Zudem werden dickere Garne verwendet.» Nach dem Stoff werden die Knöpfe und der Stoff für das Futter ausgesucht. Dann nimmt der Schneider Mass.

Auch das ist keine einfache Angelegenheit, denn jede Person hat eine andere Körperhaltung. Ist der Mann athletisch gebaut, hat er breite Schultern oder etwa ein Buckeli? «Ich prüfe den Körperbau sowohl visuell, als auch mit dem Massband und taste ihn mit der Hand ab», erklärt er. Mit seinem geübten Auge fallen ihm dabei ausschlaggebende Kleinigkeiten auf, wie, ob beide Arme des Herrn wirklich dieselbe Länge haben. Ist auf dem Papier klar, wie das Endresultat des Anzugs aussehen soll, erstellt Häberli den Schnitt, eine erste Anprobe folgt, wenn nötig werden Änderungen vorgenommen.

Tuchfühlung bei der Grossmutter

Dass sich Häberli für das Schneider-Handwerk interessiert, ist beinahe genetisch bedingt. Seine Grossmutter und deren Tochter waren Damenschneiderinnen. Seine ganze Familie hat damals unter einem Dach gelebt, und er hat viel Zeit bei seiner Grossmutter und ihrer Arbeit verbracht. «Ich habe ihr geholfen und meine ersten Stoffe zusammengeschnurpft.»

Eigentlich hat der 45-Jährige auch die Ausbildung zum Damenschneider absolviert. Doch bald merkte er, dass ihn nicht nur das Handwerk der Schneiderei, sondern auch Modedesign interessiert. «Für mich ist das ein Gesamtpaket.» Also studierte Häberli an der Kunstgewerbeschule Modedesign und lernte danach autodidaktisch Herrenschneiderei. «Ich fand plötzlich die Herrenschneiderei spannender.» Grund: «Es ist schwieriger, Anzüge herzustellen als Kleider für Frauen.» Die Damenmode entwickle jedes Jahr einen Trend, sie explodiere an Farben. Aber sie werde industrialisiert, die Stoffe sind nur zusammengeklebt. «Der Stil von Herrenanzügen ist zeitlich zwar stehen geblieben. Aber sowohl die Formgebung als auch die Stützen und die Innenverarbeitung müssen individuell gemessen und genäht werden.»

Die Männer lieben es dezent

Häberli arbeitet nicht nur in seiner Werkstatt, er führt im Vorderhaus noch einen Laden mit eingekaufter Ware. Er wollte nie nur Schneider sein, sagt er. Sein Geschäft in der St. Alban-Vorstadt 66 liegt nicht gerade zentral. Das ist kein Problem, haben es Männer doch lieber dezent, weiss er. «Die Männer fühlen sich nicht wohl, wenn sie einen Laden betreten, in dem schon andere anstehen.»

Einen massgeschneiderten Anzug bei Häberli zu bestellen, ist keine günstige Angelegenheit. Unter 6000 Franken bekommt man keinen – an einem Anzug arbeiten er und sein Mitarbeiter rund 80 Stunden. Über zu wenig Kunden klagt er keinesfalls, denn mit etwa 12 Stammkunden und weiteren Interessierten hat er genug, die ihren Weg zu ihm finden. Und obwohl bei Männermode schlecht ein Trend auszumachen ist, kann er sagen, dass dieser dieses Jahr dunkel und fein ist.