Riehen
Apokalyptische Diskussion mit Phillip Löpfe in Riehen

Während sich über dem Riehener Himmel apokalyptisches Wetter zusammenbraut, verbreitet Wirtschaftsjournalist Phillip Löpfe Weltuntergangsthesen.

Moritz Kaufmann (Text)und Henry Balaszekul (Fotos)
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Versprüht wenig Optimismus: Wirtschaftspublizist Philipp Löpfe.

Versprüht wenig Optimismus: Wirtschaftspublizist Philipp Löpfe.

Henry Balaszekul

«Die Geister, die ich rief» ist der Titel der ersten Runde der Wenkenhofgespräche am Donnerstagabend in Riehen, die heuer nichts Geringeres als den Kapitalismus zum Thema machten. Gerufen wurden aber keine Geister, sondern eine illustre Runde an profilierten Persönlichkeiten. An erster Stelle zu nennen: Elisabeth Kopp, erste Bundesrätin der Schweiz, die 1988 nach einer beispiellosen Schmutzkampagne der Medien gegen ihre Person zurücktreten musste.

In diesem Zusammenhang interessant ist die Anwesenheit von Philipp Löpfe, eines der führenden Wirtschaftspublizisten der Schweiz. 1988 war er Chefredaktor des «SonntagsBlicks» «und ganz und gar nicht auf Frau Kopps Linie», wie Löpfe auf Nachfrage etwas verstohlen zugibt. Tempi passati. Ein Vierteljahrhundert später versteht man sich bestens auf der Bühne des schmuck hergerichteten Reitstalls des altehrwürdigen Wenkenhofs. Mit 42 Jahren der jüngste Gast ist die quirlige, wortgewandte Wirtschaftsprofessorin und Unternehmerin Sita Mazumder. Der Ökonom Kaspar Müller, der als Präsident der Anlagestiftung Ethos den Wirtschaftsführern auf die Finger klopft, sorgt mit seinem breiten Baseldeutsch für den lokalen Anstrich der Veranstaltung. Die Runde komplettiert der gewohnt souveräne ehemalige SF-Moderator Patrick Rohr.

Die Männer malen schwarz

Während sich über dem Riehener Himmel apokalyptisches Wetter zusammenbraut, verbreitet Wirtschaftsjournalist Löpfe Weltuntergangsthesen. «Die Weltwirtschaft ist heute ähnlich globalisiert wie vor dem Ersten Weltkrieg», sagt er in seinem Einführungsreferat, «auch damals konnte sich niemand einen Krieg vorstellen.» Volkswirt Müller doppelt in der Diskussion nach: «Alle ökonomischen Gesetze, die wir gekannt haben, funktionieren nicht mehr.» Geradezu erfrischend ist da der Optimismus der beiden Damen in der Runde. «Das Bild ist gerade sehr schwarz, ich würde für ein bisschen mehr grau plädieren», hält die vollständig in schwarz gekleidete Sita Mazumder entgegen. Und Elisabeth Kopp versprüht sogar so viel gute Laune, dass Moderator Rohr ungläubig fragt: «Sie glauben wirklich daran, dass sich das System wieder korrigiert?» Kopp antwortete schlagfertig «Ich bin nicht Optimistin, ich bin Realistin.»

«Es braucht mehr Kapitalismus»

Moderator Rohr bemüht sich darum, die Diskussion der vier Topexperten auf einem verständlichen Niveau zu halten. Seine Lieblingsformulierung ist «Die hässliche Fratze des Kapitalismus», die er gleich mehrmals verwendet. Sita Mazumder kontert: «Kapitalismus tönt so negativ. Wir sollten von Marktwirtschaft sprechen.» Daraufhin sorgt Kaspar Müller für die Überraschung: «Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Kapitalismus.» Wie bitte? Noch mehr? Müller erklärt: «Bis jetzt dachten wir nur an das finanzielle Kapital. Es gibt aber auch noch das ökologische und das soziale Kapital.»

Im Grunde sind sich alle einig: Wie es ist, kann es nicht bleiben, doch wie es weitergehen soll, kann man nicht wissen. «Wir müssen ehrlich sein: Wir haben keine Antworten», hält Mazumder fest und entlässt die Diskussionsteilnehmer sowie das Publikum ans Apéro-Buffet.

«Es war eine Diskussion, die mich wirklich interessiert hat», resümiert Rohr zufrieden. Derweil kümmern sich seine Gäste bereits um die Heimfahrt. «Sita, Du fährst doch nach Zürich», fragt Journalist Löpfe Professorin Mazumder, «hats noch einen Platz frei?» «Ja, auf der Rückbank neben dem Blumenstrauss», antwortet Mazumder, «auf dem Beifahrersitz ist schon Elisabeth Kopp.»