Rückblick

Applaus, Applaus! Die Kulturredaktion der bz feiert die Glanzmomente des Basler Kulturjahrs 2019

Hände hoch! Beifall (und zuweilen Kritikerlob) sind des Künstlers Brot.

Hände hoch! Beifall (und zuweilen Kritikerlob) sind des Künstlers Brot.

Eine «Unvollendete» in der Synagoge

Klassik: Es war ein besonderer Novemberabend, als die Basler Synagoge im Rahmen der Martinu-Festtage ihre Tore für ein klassisches Konzert öffnete. Nicht weil ganz besonders gut gespielt oder gesungen wurde, das zwar auch, die Männer des WDR-Chors brillierten unter der Leitung von Nicolas Fink. Noch eher aber, weil mit «Die Weissagung des Jesaja» das letzte Werk von Bohuslav Martinu auf dem Programm stand. 1959 hatte er dieses schwer krank in der Nähe von Liestal komponiert – und nicht mehr vollenden können. Geboten wurde eine enorm vielschichtige, ausdrucksstarke Musik, die gleichermassen die endzeitlichen Schrecknisse schildert, aber auch in strahlendem Dur das Lob Gottes verkündet. Speziell war zudem der Spielort: Nie zuvor war das jüdische Versammlungshaus in Basel für ein klassisches Konzert geöffnet worden. (Reinmar Wagner)

Ausdrucksstarke Musik in einmaligem Setting: «Die Weissagung des Jesaja».

Ausdrucksstarke Musik in einmaligem Setting: «Die Weissagung des Jesaja».

Drei Musketiere rocken das Theater

Theater: Ohrwürmer sind selten komplex. Nach «Die drei Musketiere» verfolgte mich: «Jupiduu, jupiduu, jupiduu!» Erstens betreten die vier Schauspieler diese Worte singend die Bühne. Zweitens, weil mir nach der Komödie wirklich zum Jubeln war. Nicola Mastroberardino, Michael Wächter, Elias Eilinghoff und Vincent Glander setzen ihrem Talent die Krone auf.

Jeder verkörpert einen Ritter, dessen Diener, und, besonders witzig: sein Pferd. Für Vergnügen sorgten etwa das Pferdeballett zum Radetzkymarsch und die Fechteinlagen. Grossartig war Mastroberardino als trauriges viertes Pferd, das sich neben den andern drei fühlt wie das fünfte Rad am Wagen. So heiter der Abend war: «Die drei Musketiere» handelt auch von philosophischen Themen. Wenn es eine Inszenierung schafft, gleichzeitig so klug, sinnlich und lustig zu sein, bleibt mir dafür nur: «Jupiduu!» (Iris Meier)

«Die drei Musketiere» sorgten am Theater Basel für Furore.

«Die drei Musketiere» sorgten am Theater Basel für Furore.

Das Seemonster und die Vorschusslorbeeren

Pop: Es gibt wenig Problematischeres in der Popmusik als den Hype. Kaum wird eine Band mit Lobeshymnen und Superlativen eingedeckt, traut man ihrer Musik nicht mehr. Black Sea Dahu stehen an diesem Punkt: Das Sextett um Songschreiberin und Frontfrau Janine Cathrein wird als grösste Pophoffnung des Landes gefeiert. Im November bewiesen die Zürcher im ausverkauften Rossstall der Kaserne, dass die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind. Die Songs sind einnehmend, die vielschichtigen Arrangements schlicht (und) grossartig. Hier steckt viel Liebe und Arbeit drin, und die Band dürfte in naher Zukunft noch deutlich mehr von sich hören machen. Sucht man bei Black Sea Dahu nun nach Vorsätzen fürs neue Jahr, so könnte man sich vornehmen, an der englischen Aussprache zu feilen und die Ansagen zu straffen. Auch Hoffnungsträger können noch besser werden. (Stefan Strittmatter)

Sängerin Janine Cathrein steht im Zentrum von Black Sea Dahu.

Sängerin Janine Cathrein steht im Zentrum von Black Sea Dahu.

Einsatz im Dienst der Menschlichkeit

Kino: Den schonungslosesten und gleichzeitig hoffnungsvollsten Satz sparen sich die Baselbieter Regisseurin Anna Thommen und Lorenz Nufer für das Ende ihres Dokumentarfilms «Volunteer» auf. Vielleicht, so sinniert eine Landwirtin nach ihrem Freiwilligen-Einsatz, bei dem sie Bootsflüchtlinge aus dem Wasser zog: Vielleicht fühle sie sich nach ihrer Rückkehr in die Schweiz nur deshalb so fremd, weil sie sich selbst und ihre Menschlichkeit wiederentdeckt habe. «Volunteer» zeigt Schweizer Freiwillige aller Schichten, darunter ein Bauernpaar, eine wohlhabende Tessinerin oder ein frisch verheiratetes Paar. Warum aber lässt der Filmtitel die Freiwilligen im Singular? «Es ist das englische Verb», erklärt Nufer, «für ‹sich freiwillig melden›» – «Volunteer» ist eine mitreissende Hommage an den Imperativ der Verantwortlichkeit, die auch ohne Ausrufezeichen auskommt. (Hannes Nüsseler)

«Volunteer» erzählt packend vom Einsatz der Schweizer Flüchtlingshilfe.

«Volunteer» erzählt packend vom Einsatz der Schweizer Flüchtlingshilfe.

Diese Ausstellung hallt lange nach

Ausstellung: Das Gastspiel von William Kentridge im Kunstmuseum Basel war eine kleine Offenbarung. Wie der südafrikanische Künstler, Performer, Bühnengestalter und Theatermacher unterschiedlichste künstlerische Medien über Jahre fortschreibt, ist einzigartig. Seit 1985 produziert der Pionier Animationsfilme, in welchen er mit einfachsten Effekten arbeitet. Wiederkehrendes Thema ist bei dem politischen Künstler die Situation in seiner Heimat. Die Ausstellung in Basel richtete einen Fokus auf sein gesamtes Schaffen und präsentierte die ganze Spannweite dieses Ausnahmekünstlers. Zu mehrmaligem Besuch der Ausstellung luden die grossformatigen Videos, in welcher die Form der Prozession aufgegriffen wird. Allen voran das Meisterwerk «More Sweetly Play the Dance». Ein betörendes Schattenspiel, dessen Figuren und Klänge noch lange nachhallen. (Mathias Balzer)

William Kentridge zeigt sein Meisterwerk «More Sweetly Play the Dance».

William Kentridge zeigt sein Meisterwerk «More Sweetly Play the Dance».

Martyna Bunda weckt Kindheitserinnerungen

Literatur: Das Erlebnis, das mir Martyna Bunda mit ihrer Familiensaga «Das Glück der kalten Jahre» geschenkt hat, kam der Leseerfahrung meiner Kindheit nahe: fiebrig, nachts, heimlich unter der Decke. Oft fragte ich mich, was die Figuren wohl gerade machen. Ähnlich ging es mir mit den drei kaschubischen Schwestern. Welche ihre Favoritin sei, wollte ich nach Bundas Lesung im Literaturhaus Basel wissen. Gerta, die praktisch begabte? Oder Truda mit ihrer Vorliebe für das Sinnlich-Übersinnliche? Oder Ilda, die Motorrad fahrende Romantikerin? «Ich fürchte, es ist Truda», antwortete Bunda. Ich vergass, ihr zu sagen, dass dank Gerta meine Bewunderung für die praktischen Talente meiner Mutter gewachsen ist. «Das Glück der kalten Jahre» ist ein zuweilen erschütterndes Buch über die Kraft der Familie in Zeiten des Krieges. Aber Bunda begegnet dem Schmerz – mit Humor und Liebe. (Iris Meier)

Die polnische Autorin Martyna Bunda begeistert im Literaturhaus.

Die polnische Autorin Martyna Bunda begeistert im Literaturhaus.

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