Ein kleines Mädchen rennt durch einen langen Unterwassertunnel. «Wow! Schau mal Mami, ein Hai!» Ihre Mutter macht stolz ein Foto. Es ist Donnerstagmorgen. Das «Sea Life» in Konstanz ist erst seit ein paar Minuten geöffnet, schon strömen unzählige Besucher in die Hallen. So ähnlich könnte es bald auch in Basel aussehen. Am 19. Mai stimmt die Basler Stimmbevölkerung nämlich über den Bau des Ozeaniums ab. Die «Schweiz am Wochenende» hat in zwei Aquarien im Umkreis von Basel einen Augenschein genommen.

«Hey, pass doch auf!», tönt eine Stimme, die sich als Schildkröte vorstellt, aus den Lautsprechern. Die automatische Tür schwingt auf und das Abenteuer Unterwasserwelt kann beginnen. Seit zwanzig Jahren kann man nun schon einheimische Fische, Haie, Pinguine und andere Meerestiere im «Sea Life» in Konstanz bestaunen. Mit etwas über 3500 Tieren in mehr als 35 Becken gehört das Aquarium jedoch eher zu den kleineren seiner Sorte.

«Cléo!», ruft Michel Ansermet, Kurator im «Aquatis» in Lausanne. Langsam schwimmt das Krokodilweibchen in Richtung der Scheibe, welche die Besucher vom Raubtier trennt. Mit den Krokodilen Cléo und Farouche pflegt Ansermet eine spezielle Beziehung. Er kennt sie schon von seiner Zeit als Direktor des Vivariums.

Der ehemalige Spitzensportler (Schnellfeuerpistole) hat eine lange Karriere hinter sich, Über Jahre machte er Reptilien und Amphibien in der Wildnis für wissenschaftliche Projekte ausfindig. In den 46 Aquarien des Grossaquariums befinden sich mehr als 10'000 Fische sowie hundert Reptilien und Amphibien aus den verschiedensten Süsswasserökosystemen. Eröffnet wurde das grösste Süsswasseraquarium Europas im Oktober 2017.

Aquarien als Botschafter

Sowohl die Verantwortlichen bei «Sea Life» als auch bei «Aquatis» werben damit, sich aktiv für die Artenvielfalt und den Schutz der Meere einzusetzen. Sensibilisierung und Aufklärung werde bei ihnen grossgeschrieben. «Das Ziel der zoologischen Institutionen hat sich geändert. Es geht hauptsächlich um den Schutz der Ökosysteme», erklärt Jean-Marc Meylan, Geschäftsführer des «Aquatis».

«Uns ist es wichtig, eine Botschaft zu überbringen. Wenn die Besucher rausgehen, soll etwas hängen bleiben», meint auch Julia Schuhwerk, Marketing Managerin bei «Sea Life» in Konstanz. «Wenn man die Tiere mit eigenen Augen sieht, ist man sich der Thematik viel mehr bewusst.» Aus diesem Grund finden sich in Konstanz auch überall Hinweistafeln, was man tun kann, um zu helfen. «Diese Sensibilisierung ist unser oberstes Ziel», sagt Schuhwerk. «Kinder sollen spielerisch an die Thematik herangeführt werden.»

Im «Aquatis» wird die Klimadebatte gleich zu Beginn aufgegriffen. Der Rundgang fängt beim Rhonegletscher an, wo auf die Konsequenzen des Klimawandels und auf die Artenvielfalt aufmerksam gemacht wird. Danach folgen wir dem Fluss entlang bis zum Genfersee, wo sich Barsche, Plötze und Forellen tummeln. In den dunklen Räumen des Gebäudes wechseln sich Aquarien mit Grossbildschirmen ab.

Filme und weitere Hilfsmittel vermitteln Hintergrundinformationen zu den gezeigten Tieren und ihrem oft auch gefährdeten Lebensraum. In einer Tropenhalle, die der Masoala-Halle des Zürcher Zoos nachempfunden ist, kann man neben Vögeln aus Madagaskar auch Rotbauchpiranhas und Süsswasserrochen sehen. «Bald sollen da auch Affen frei herumspringen», sagt Ansermet. Der Star sei aber der Komodowaran Naga, der mit dem Privatjet von Christian Constantin von Prag eingeflogen wurde.

Im «Sea Life» entdecken unterdessen zwei kleine, mit Plüschtierschildkröten herumwedelnde Jungs den Wrackbarsch Werner. «Jou jou ihr Seeräuber!», steht auf der Tafel neben dem Becken geschrieben. «Werner ist eigentlich eine Sie aber wir haben sie blöderweise Werner getauft», meint die General Managerin des «Sea Life» in Konstanz, Sonja Ruedinger, schmunzelnd.

Von einem Piratenschiff läuft man an einem plätschernden Wasserfall vorbei durch den Regenwald. Ein Gefühl, als wäre man im Disneyland. Und siehe da: Vor einer der runden Öffnungen, an denen man immer wieder vorbeikommt, tummeln sich auffällig viele Kinder. «Schau mal, hier wohnt Nemo!», kreischt ein kleiner Junge ganz aufgeregt und drückt seine Nase an die Scheibe.

Tierwohl als oberstes Gesetz

Hätte das einer der Betreuer gesehen, die in Konstanz die Besucher im Auge behalten und mit Informationen füttern, wäre der Junge bestimmt zurechtgewiesen worden. «Vor allem die Handys sind das Problem. Wir müssen den Leuten immer wieder sagen, dass man nicht mit Blitz fotografieren darf», sagt David Garcia, der Kurator im «Sea Life». «Das Wohl der Tiere steht für uns immer an erster Stelle», meint Julia Schuhwerk.

Die Becken sollen so gestaltet werden, dass sich die Tiere wohlfühlen. Das heisse natürlich auch, dass die Besucher manchmal die Tiere nicht so gut sehen könnten, sagt Garcia. Der Oktopus, welcher sich gerade in einem der Becken versteckt, ist im Moment jedenfalls nicht auf den ersten Blick zu sehen.

«Reduziert, aber natürlich»

Ebenso werde den Tieren im «Sea Life» immer wieder neue Anreize geboten. «Wir füttern von oben, da gewöhnen sich die Tiere dran», so Garcia. Sie würden deshalb immer wieder spielerisch versuchen, das natürliche Verhalten zu trainieren.

Auch im «Aquatis» sollen die Tiere ihre Instinkte nicht verlieren. Die beiden Wüstenkrokodile Cléo und Farouche beispielsweise leben in der gleichen Anlage wie die Erdmännchen. «Das ist wichtig für das Erhalten der natürlichen Instinkte», sagt Michel Ansermet. Nennenswerte Unfälle habe es trotzdem noch keine geben, versichert er. «Die Erdmännchen sind viel zu schnell.»

«Roaaaar!», brüllt ein kleiner Junge und zeigt aufgeregt auf den Hai, der unten in der Ecke liegt. In diesem acht Meter langen Unterwassertunnel in Konstanz schwimmen neben Haien und Schildkröten auch kleinere Fische über die Köpfe der Besucher hinweg. «Wir sind zwar ein kleines Aquarium, aber wir haben es hingekriegt, dass hier unterschiedliche Tiere von unterschiedlicher Grösse zusammen gehalten werden können», sagt General Managerin Ruedinger. «Ein Hai hat auch schon mal einen kleinen Fisch gefressen. Aber das war ein Unfall», fügt Garcia hinzu.

Dies Eselspinguine sind ein Hingucker 

Neben dem Clownfisch-Guckloch sind es wohl die Eselspinguine, die in Konstanz die meisten Besucher anziehen. So auch an diesem Morgen. Hier stauen sich die Besucherströme, die alle einen Blick auf die Pinguine erhaschen wollen. «Schau mal wie süss», sagt eine junge Frau zu ihrem Freund und kneift ihn dabei in die Seite.

Richtige Beziehungsgeschichten spielen sich hinter den Scheiben ab. «Es gibt sogar ein schwules Pinguin-Pärchen», sagt Garcia. Ebenso wird den Pinguinen jeden Morgen ein Sonnenaufgang simuliert. Das künstliche Licht werde dabei der Antarktis und somit ihrem natürlichen Lebensraum nachempfunden.

Auch bei den Amphibien und Reptilien in Lausanne sorgen UV-Lampen für so natürliche Verhältnisse wie möglich. Ebenso wird von oben geheizt, als würde die Sonne scheinen. Saisonale Änderungen sowie Tag und Nacht werden simuliert. So können auch die Reptilien und Amphibien ihren Winterschlaf ausüben.

Keine Tierschutz-Kontroverse

Probleme mit Tierschützern haben die Verantwortlichen bei «Sea Life» nicht. «Wir arbeiten mit ihnen zusammen», sagt Ruedinger. «Wir haben alle das gleiche Ziel. Wir wollen alle die Unterwasserwelt schützen», so Garcia. Erst vergangenes Jahr habe «Sea Life» Konstanz mit Greenpeace zusammengearbeitet.

Auch in Lausanne traf das «Aquatis» kaum auf Gegenwind. Weniger als fünfzig Aktivisten mobilisierte der «Verein zur Gleichstellung der Tiere» bei der Eröffnung 2017. Auch die Stiftung Franz Weber, die sich wesentlich im Abstimmungskampf gegen das Basler Ozeanium einsetzt, kämpfte nicht gegen das Projekt. «Die Problematik mit Süsswasserfischen ist eine andere», sagt Vera Weber. «Diese Fische können besser gezüchtet und transportiert werden.» Andererseits habe die Stiftung das Ausmass des Projektes zu spät realisiert. «Sonst hätten wir ebenfalls Kampagne geführt.»

Das geplante Ozeanium-Projekt in Basel sehen die Verantwortlichen bei «Sea Life» nicht als Konkurrenz. «Das dürfen und sollen sie gerne machen», so Ruedinger. Ihre Besucherzahlen in den vergangenen Jahren seien stabil geblieben. Interessant sei, dass Basel überhaupt nicht zu ihrer Zielgruppe gehöre, aber trotzdem viele Leute aus der Stadt nach Konstanz kämen. «Das heisst ja, dass das Interesse an einem solchen Aquarium da ist», so Ruedinger. Ob dieses Interesse die vom Zolli erwarteten Besucherzahlen erfüllen wird, muss sich noch zeigen. Das «Aquatis» verzeichnete jedenfalls im letzten Jahr tiefere Besucherzahlen als erwartet.

Die Schlange vor dem Merchandise-Shop ist aber gross. Denn obwohl die Aufklärung im Zentrum steht, sind die angebotenen Nemo-Plüschtiere mindestens genauso spannend.