Art Basel

«Diese Messe ist wie Weihnacht – die Geschenke muss man aber selber bezahlen»

Jeder dritte Dollar im milliardenschweren Kunstmarkt wird an Messen umgesetzt. Für Sammler wie Michael Ringier ist die Art Basel – die weltweit grösste – das Highlight des Jahres.

Dienstag. 11 Uhr. Das Frühstücks-Cüpli fest in der Hand. Die VIPs drängen sich vor dem Eingang der Art Basel. Es ist Preview-Tag. Wie jedes Jahr ist auch Verleger Michael Ringier dabei. «Die Art Basel ist wie Weihnachten», sagt er. «Wenn um 11.00 das Glöcklein klingt, rennen alle los, um zu staunen. Die Geschenke müssen sie aber selber bezahlen.»

Seit einem Vierteljahrhundert sammelt Ringier Kunst. Mit über 1000 Werken besitzt er eine der grössten Kunstsammlungen überhaupt. Für ihn wie für die meisten kunstbeflissenen Wirtschaftsführer der Schweiz ist die Art Basel ein Pflichttermin. Kunst einzukaufen ist Chefsache, die nicht an einen Beraterstab delegiert wird. «Ich habe seit 25 Jahren jedes Bild bisher persönlich gekauft – aber selbstverständlich oft vorher mit der Kuratorin Beatrix Ruf darüber gesprochen.»

Es riecht nach Geld

Die Stimmung ist in den Messestunden tatsächlich aufgekratzt wie vor Heiligabend. Nirgends riecht es intensiver nach Geld als bei der Spitzengalerie Hauser & Wirth. Am Stand treten sich die VIPs buchstäblich auf die Füsse. Eine rote Leinwand mit 24 Einschnitten von Lucio Fontana wird für 17 Millionen Franken angeboten, wie ein Verkäufer einer Zürcher Sammlerin diskret zuflüstert. Daneben eine Arbeit von Cy Twombly – der US-Künstler ist gerade sehr angesagt –, die leider schon verkauft ist. Sie ging weg für 7,5 Millionen Franken.

Impressionen der Unlimited:

Untröstlich ist eine Basler Unternehmerin, die sich für eine Holzplastik von Louise Bourgeois interessiert: 2,4 Millionen Franken verlangt Hauser & Wirth dafür. Sie könnte sich das leisten, doch der Preis für zwei weiss bemalte Holzlatten schien ihr zu hoch. Sie solle ihm doch einfach ein Angebot machen, sagte der Verkäufer und drängte auf einen Abschluss. Pikiert verliess die Dame den Stand. Der Grat zwischen Euphorie und Depression verläuft schmal an der Art.

Laut einer Studie der UBS wuchs der weltweite Kunstmarkt im letzten Jahr um sechs Prozent auf 67,4 Milliarden Dollar. Die Schweiz kommt auf einen Anteil von zwei Prozent und liegt hinter den USA (44%), Grossbritannien (21%), China (19%) und Frankreich (6%) an fünfter Stelle. Gemäss der UBS wird jeder dritte Dollar an Messen umgesetzt. Mit knapp 300 Ausstellern bleibt die Art Basel eine der wichtigsten Drehscheiben im internationalen Kunsthandel.

Selten entwickelt sich bei Art-Basel-Besuchern eine echte Kunst-Leidenschaft wie bei Michael Ringier oder dem früheren Roche-Chef und Zurich-Lenker Fritz Gerber. Gerber sammelte aber nicht nur aus persönlichem Interesse, er tat dies auch für die Unternehmen, für die er arbeitete. In vielen Sitzungszimmern der Zurich hängen immer noch die von Gerber angekauften Werke. Er war treibende Kraft hinter der unternehmenseigenen Kunstsammlung von Roche und Initiant des Tinguely Museums.

Privates und Business verknüpft

Privates und geschäftliches Kunstinteresse verknüpft auch Walter Kielholz, der Präsident der Swiss Re, selber im Galerie-Geschäft und einer der wichtigsten Köpfe hinter der Unternehmenssammlung mit 4200 Werken. Doch das Wachstum im Kunstmarkt stammt längst nicht mehr von den sogenannten Corporate Collectors wie Roche oder Swiss Re. «Insgesamt gehen wir davon aus, dass unsere Sammlung im Grossen und Ganzen stabil bleibt und nur sehr selektiv erweitert wird», sagt ein Swiss-Re-Sprecher. Bei Roche tönt es ähnlich.

Weit über die Hälfte aller Verkäufe wird von Privatpersonen getätigt. Zum Beispiel von der Sammlerin Nicola Erni, die ausserhalb der Kunstwelt kaum bekannt ist. Sie sammelt Fotoporträts von Künstlern wie Mick Jagger oder Marlon Brando. Mutmasslich finanziert wird die Fotosammlung von ihrem Ehemann Marcel Erni, dem milliardenschweren Mitbegründer der Partners Group.

Das Fachmagazin «Artnews» listet Nicola Erni als eine der weltweit 200 aktivsten Kunstsammlerinnen auf. Die Rangliste wird von einem gewissen Roman Abramowitsch angeführt. Roche-Erbin Maja Hoffmann und Ernesto Bertarelli befinden sich ebenfalls weit vorne.

Realitätsfremde Preise

Michael Ringier war vor ein paar Jahren noch Stammgast im Ranking von Artnews, in der aktuellen Ausgabe fehlt sein Name. Er hat seine Kaufaktivitäten heruntergefahren, wie er im Gespräch sagt. Das hat auch mit horrenden Preisentwicklung zu tun. «Heute kaufe ich viel weniger als früher – die Preise sind oft realitätsfremd», sagt er.

Eine Reise nach Basel an die Art lässt er sich auch dieses Jahr nicht nehmen. «Als Tennisspieler würde ich sagen: Art Basel ist wie Wimbledon, Roland Garros und US Open zusammen.» Es sei die mit Abstand wichtigste Messe mit der «besten Kunst und den interessantesten Besuchern, seien es Kuratoren, Sammler, Museumsdirektoren oder Künstler».

Autor

Beat Schmid

Meistgesehen

Artboard 1