Es riecht ein bisschen nach Urin. Vor dem Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel stehen Toi Tois. Man muss vorbei an muskelbepackten Securitas, die ebenso breit sind wie die Baustellenklos und welche Schusswesten tragen. Fremdsprachige Stimmen rufen durch den Gang des Empfangszentrums beim Zoll an der Freiburgerstrasse. Im Esssaal herrscht bereits um 7.45 Uhr emsiger Betrieb: Die Asylsuchenden laufen umher, wirken nervös und reden laut miteinander. Aber als Thomas Haug, Betreuer des Zentrums, in den Saal eintritt, kehrt Stille ein.

Der ganze Trubel dreht sich um den anstehenden Arbeitseinsatz. 24 Arbeitskräfte werden gebraucht. Insgesamt haben sich etwa 50 Asylbewerber gemeldet. Sie wollen arbeiten. Als Haug hinter einer Theke steht und die Namen der gewählten Arbeitskräfte vorliest, stürmen sie alle nach vorne. Haug probiert es zunächst mit den Namen. Erfolglos. Sie verstehen ihn nicht. Dann schreit er bloss noch «Afghanistan» oder «Senegal», also die Herkunftsländer der Arbeiter.

Dieses Szenario gibt es praktisch jeden Morgen im Empfangszentrum. Jeden Tag geht es darum, beim Arbeitseinsatz dabei sein zu können. Als Belohnung erhalten die Asylbewerber 30 Franken pro Arbeitstag. Der dauert von etwa 9 Uhr bis 15 Uhr. Das sei aber nicht der Hauptbeweggrund, sagt Haug. «Die Asylbewerber wollen vor allem mal aus dem Camp raus und einer Beschäftigung nachgehen», sagt er. Ihnen gefalle auch, dass sie Basel so kennen lernen würden.

Ein Asylbewerber aus Äthiopien bestätigt das. Es ist sein erster Einsatz überhaupt. «Im Zentrum ist es sonst so langweilig und das Taschengeld kann ich gut brauchen», sagt er. Seine Frau und seine Tochter hätten eine Aufenthaltsbewilligung und hielten sich derzeit in Aarau auf. Dort wolle er auch hin. Mangschid, ein anderer Bewerber, sagt, dass er aus Neu-Delhi komme. Innerhalb von fast drei Monaten habe er viele Einsätze gemacht. Die Arbeit würde ihm guttun. Durchschnittlich verbringt ein Asylbewerber zwei Monate im Empfangszentrum.

Kein «WC-Ämtli», keine Arbeit

Wer im Zentrum gegen die Hausordnung verstösst, darf nicht arbeiten. «Wenn sie die Frauen begrapschen, zu spät oder betrunken nach Hause kommen und sich prügeln, werden sie gesperrt», sagt Haug. Eine Sperrung bedeutet Hausarrest. Prügeleien kämen oft vor, das Gewaltpotenzial sei «abscheulich» hoch. «Immerhin kooperieren rund 90 Prozent der Asylbewerber.» Die Regel besagt auch, dass der Asylsuchende mindestens sechsmal freiwillig die Küche oder das Klo geputzt hat und 16 Jahre alt sein muss, um für einen Einsatz zugelassen zu werden. Weitere Kriterien gebe es nicht. «Wir achten auf eine gute Mischung der Geschlechter und wir sind auch um Leute froh, die gut übersetzen können», sagt Haug.

Um 8.45 Uhr steigen die Arbeitskräfte in einen Mini-Van, nachdem sie ihr Taschengeld bekommen haben und mit Arbeitskleidern ausgerüstet wurden. Ihr bevorstehender Auftrag: Unkraut jäten in den Meriangärten. Haug leitet eine Gruppe von acht Personen. Die andere übernimmt Dagi, ein Betreuer, der einst selbst ein Asylbewerber im Empfangszentrum war. 2008 kam er aus Äthiopien in die Schweiz, besuchte neun Monate lang einen Deutschkurs und arbeitete fleissig bei Einsätzen und im Zentrum.

Er erhielt schliesslich eine Aufenthaltsbewilligung und wohnt heute in einer eigenen Wohnung. Als Übersetzer und als Vorbild ist er eine wertvolle Arbeitskraft für das Zentrum. Er spricht nicht gerne über seine Fluchtgründe. «Ich würde zwei Stunden brauchen, um dir die Geschichte zu erzählen. Alle hier würden so lange brauchen», sagt er. Aus politischen Gründen sei er geflüchtet. Für ein Foto will er nicht hinstehen. «In Äthiopien werde ich noch gesucht», sagt er. Zwinkern kann er dennoch.

Die Christoph-Merian-Stiftung (CMS) ist als Auftraggeberin sehr zufrieden mit den Asylsuchenden. Nach der Meinung von Bettina Hamel, Leiterin der Abteilung Natur, ziehen beide Seiten einen Nutzen daraus. «Wir haben gepflegtere Gärten und das Empfangszentrum kann seine Asylbewerber beschäftigen», sagt sie. Laut Hamel erhält das Zentrum kein Geld von der CMS. Die Einsätze würden das Kleingewerbe nicht konkurrieren, sagt sie. «Es sind einfache Arbeiten, die ansonsten liegen bleiben.» Laut Haug darf nur gemeinnützige Arbeit von Asylsuchenden verrichtet werden.

Wer sie im Einsatz sieht, weiss, dass sie motiviert sind: Die Asylbewerber lächeln, greifen zur Hacke und plaudern dazwischen. Es riecht nach Schweiss, aber die Arbeit macht Spass.