Landkreis Lörrach
Asylsuchende in Weil-Haltingen: «Die Kölner Täter beschmutzen uns»

Der Landkreis Lörrach hat 2015 rund 2000 Asylsuchende aufgenommen. Das ist mehr als eine Verdreifachung gegenüber 2014. Nach Köln fürchten sich Bewohner der neu eröffneten Notunterkunft in Weil-Haltingen vor Pauschalisierungen und wollten deshalb Blumen an Passanten verteilen.

Annika Bangerter (Text)Und Kenneth Nars (Fotos)
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Notuntekunft in Weil-Haltingen
11 Bilder
Eingang in eines der beiden Zelte.
Innenbereich eines der beiden Zelte.
Innenbereich eines der beiden Zelte.
Kleiderausgabe
Gespräch mit Heimleitung und Bewohnern.
Junia Folk, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit & Kreistag, und Heimleiter Bernhard Heyl im Gespräch mit der Presse.
Junia Folk, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit & Kreistag, und Heimleiter Bernhard Heyl im Gespräch mit der Presse.
Küche
Waschküche
Notunterkunft Haltingen

Notuntekunft in Weil-Haltingen

Kenneth Nars

Die Zahlen sind eindrücklich: Im vergangenen Dezember hat der Landkreis Lörrach mit 593 Asylsuchenden so viele Menschen aufgenommen wie im ganzen Jahr 2014. In den deutschen Nachbarsgemeinden an der Grenze zu Basel werden deshalb fast monatlich neue Notunterkünfte eröffnet. Eine davon liegt in Weil-Haltingen und ging einen Tag vor Heiligabend auf. Gegenwärtig leben 161 Menschen in dieser Unterkunft. Sie sind so lange hier untergebracht, bis ihr Asylgesuch bewilligt ist und sie in eine Anschlusslösung in den Städten oder Gemeinden wechseln.

Die Notunterkunft besteht aus zwei grossen Messebauhallen, wo jeweils kleinere Wohncontainer angedockt sind. Durch deren Türe gelangen die Asylbewerber in den grossen Gemeinschaftsraum. Zu viert teilen sie sich jeweils einen Container, der Platz für zwei Kajütenbetten und abschliessbare Schränke bietet. Da die Unterkunft oberirdisch ist, fällt Tageslicht durch die Fenster. Vor den Hallen beherbergen weitere Container Küchen mit insgesamt 20 Herdplatten, Duschen und Toiletten.

Begegnung mit Pegida verhindern

Das Kernstück der Halle ist jeweils der grosse Aufenthaltssaal. Einige Kleinkinder sausen herum, ducken sich unter den Tischen hindurch, wo Erwachsene in Kleingruppen Tee trinken. Die meisten der Stühle um die weissen Tische sind unbesetzt. «Vormittags ist bei uns nicht viel los. Die Kinder gehen in die Schule, die Erwachsenen besuchen Sprachkurse, und ein paar Jungs schlafen noch», sagt Bernhard Heyl. Er ist der Leiter der kürzlich eröffneten Notunterkunft. Er zieht eine positive Bilanz der ersten vier Wochen: Das Zusammenleben klappe gut, der Sicherheitsdienst sei lediglich als Back-up da, von den Anwohner sei keine einzige Klage eingegangen.

Alle zehn Tage organisiert Bernhard Heyl mit den Bewohnern eine Versammlung, um allgemeine Fragen oder Regeln der Hausordnung zu besprechen. Bei einem dieser Treffen hat der Leiter der Notunterkunft die Asylsuchenden über die Vorfälle in Köln informiert. Denn in der Unterkunft gibt es noch keinen Fernseher, kein Internet. Sie reagierten bestürzt, wie Bernhard Heyl sagt: «Es herrschte eine grosse Betroffenheit.»

Um sich von den Übergriffen zu distanzieren, planten die Asylsuchenden, Geld zusammenzulegen, Blumen zu kaufen und diese an Passanten in Weil am Rhein zu verteilen. Mit Transparenten wollten sie ihre Ablehnung sichtbar durch die Strassen tragen. Da griff die Heimleitung ein: «Wir befürchteten, dass es zu Auseinandersetzungen mit Sympathisanten von Pegida kommen könnte. Das wollen wir den Flüchtlingen ersparen», sagt Heyl. Damit ihr Anliegen dennoch Gehör findet, hat er gemeinsam mit dem Landkreis Lörrach die Medien eingeladen.

Angst vor Pauschalisierung

Es sind vor allem Männer, die ihr Unverständnis über die Geschehnisse in Köln ausdrücken. Einer von ihnen ist der 52-jährige Mohammed Bassam Abdullah. Der Syrer floh aus Damaskus, fand in Deutschland Schutz vor Krieg und Terror. Dafür sei er dem Land enorm dankbar. «Wir flohen vor Bomben und wollen nach all dem Erlebten unser Leben hier wieder in Griff bekommen. Doch nun ziehen uns die Täter von Köln in den Schmutz», sagt Abdullah. Er sorgt sich, dass seine Landsleute unter Generalverdacht geraten: «Werft nicht alle Syrer in ein und denselben Topf. Auch uns empört, was in Köln passiert ist», sagt er. Ali Ghazal, geflüchtet aus Homs, pflichtet ihm bei: «Was passiert ist, ist inakzeptabel – in Deutschland wie in Syrien», sagt er. Ein Satz zieht sich wie ein roter Faden durch all die Wortmeldungen: Wie konnten diese jungen Männer so etwas tun?

Die Antwort hierzu kennt Radhouane Farhat auch nicht. Der Tunesier lebt seit 18 Jahren in Deutschland, hilft in der Notunterkunft in Haltingen ehrenamtlich, übersetzt die Gespräche. Er sei froh, dass nach Köln die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung nicht abgebrochen ist. Denn dieser direkte Kontakt sei zentral für die Integration der geflüchteten Menschen: «Die zahlreichen Spenden von Kleidern und Spielsachen helfen, aber am wichtigsten ist die Vernetzung mit der Bevölkerung», sagt Farhat. Diese dürfte weiterhin wachsen: Für 2016 erwartet der Landkreis Lörrach mehr als 4000 neue Asylsuchende.