Die Luft ist erfüllt vom Geruch nach Leim und Leder. Ein stumpfes Hämmern erklingt, die Nähmaschine surrt, im Hintergrund plätschert Radiomusik. Konzentriert näht ein Mann einen schwarzen Klettverschluss an ein Lederstück, eine junge Frau zeichnet mit einem Stück Kreide einer Schablone nach. «In der Vorweihnachtszeit haben wir viel zu tun», sagt Süleyman Demirel, Leiter der Lederwerkstatt Rehovot. Dort lernen Asylsuchende Ledertaschen, Portemonnaies oder Gürtel zu nähen und Sandalen anzufertigen. Daneben reparieren sie kaputte Reissverschlüsse oder nähen Lederjacken nach Mass. Handwerkliche Kenntnisse müssen sie nicht mitbringen. Seit 27 Jahren führt Süleyman Demirel regelmässig neue Menschen in die Arbeit ein.

Jeweils um halb sieben Uhr morgens schlüpft er in seinen blauen Anorak und bereitet den Tag vor. Er verteilt, koordiniert und überwacht die Arbeiten – und gibt sein Wissen weiter. «Es ist immer wieder eine Herausforderung, jemand Neuen einzuführen», sagt Demirel. Da das Leder teuer ist, üben die Anzulernenden zuerst auf Papier die ersten Schnittmuster anzufertigen. Um die Aufgaben erklären zu können, müsse er häufig Hände und Füsse einsetzen, sagt der Werkstattleiter. Damit die Verständigung besser klappt, hängen an den Wänden Bilder der Werkzeuge mit den entsprechenden Begriffen.

Grosse Nachfrage

Neun Monate lang bleiben die Beschäftigten in diesem Programm, wo sie 20 Franken pro Tag verdienen. Zugewiesen werden sie von der Sozialhilfe. «Es gibt Phasen, wo wir eine Warteliste führen», sagt Philippe Waegeli, Präsident des Vereins Rehovot. Das Spektrum der Teilnehmenden ist breit: «Immer wieder kommen Fachleute zu uns», sagt Waegeli. Daneben beschäftigt Rehovot aber auch traumatisierte Menschen, die in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. «Es geht darum, einen Ort für Asylsuchende zu schaffen, wo sie Aufmerksamkeit und Achtung erhalten. Zu oft sind sie sich selber überlassen und werden angefeindet», sagt Philippe Waegeli.

Zurzeit nähen um den grossen Tisch im Zentrum der Werkstatt vor allem Asylsuchende aus Syrien, Eritrea, Tschetschenien und dem Irak. Früher seien es mehr Menschen aus Afrika und Ex-Jugoslawien gewesen, sagt Demirel. Als ehemalige Asylbewerber aus der Türkei kennt er ihre Ängste, Sorgen, aber auch Hoffnungen. Mehr als 500 Menschen hat er bei Rehovot betreut. Immer wieder besuchen ihn Ehemalige. «Die handwerkliche Grundausbildung brachte ihnen auf ihrem beruflichen Weg viel», sagt der Werkstattleiter – und eilt an den Tisch, um einem jungen Mann beim Stanzen eines roten Lederstückes zu helfen. Der nächste Weihnachtsmarkt steht vor der Tür.