Mehr Asylsuchende
Asylsuchender: «Bin traurig, aber es ist besser hier als zu Hause»

Bis zu 2000 Gesuche werden in Basel monatlich eingereicht. Im letzten Jahr waren es noch 1200. Vor der Glastüre des Empfangs- und Verfahrenszentrums Basel (EVZ) stehen über ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder.

Muriel Mercier
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So leben Asylsuchende im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel
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So leben Asylsuchende im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel
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So leben Asylsuchende im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel

So leben Asylsuchende im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel

bz Basellandschaftliche Zeitung

Sie warten, bis die Tür von einem der rund 30 Securitas geöffnet wird. Kaum drin, reihen sie sich am Empfangsschalter erneut ein. Sie müssen ihre Ausweise oder einen Ausgangsschein abgeben, auf dem ihre Namen notiert sind.

Und dann heisst es wieder warten, bis die nächste Tür aufgeschlossen wird. Es geht zur Körperkontrolle: Die Asylsuchenden werden abgetastet, die Frauen müssen ihre Taschen leeren. «Wir untersuchen, ob die Leute unerlaubte Gegenstände wie Waffen oder Handys dabei haben», erklärt Roger Lang, der stellvertretende Leiter des Zentrums. Dann endlich können die Männer und Frauen ihr vorübergehendes Zuhause in Kleinhüningen betreten – zurzeit wohnen rund 300 Personen durchschnittlich für 20 Tage im EVZ.

Im Flur und in den Aufenthaltszimmern sitzen sie an Tischen, erzählen sich von ihrer Heimat, machen Witze, beobachten ihre Mitbewohner. Der Flüchtlingsstrom habe in den letzten Monaten massiv zugenommen, erklärt Lang die momentane Situation. Kamen im 2010 in Basel monatlich rund 1200 Personen im EVZ an, sind es seit März monatlich rund 2000. Dies hänge mit den aktuellen politischen Entwicklungen in Nordafrika – namentlich Libyen, Ägypten und Tunesien – zusammen.

Im Zimmer neben dem Eingang sitzen zwei junge Tunesier, die sich auf dem Personalienblatt einschreiben – sie sind heute neu angekommen. Damit die Asylsuchenden verstehen, wonach auf den Informationsblättern gefragt wird, verteilt das Zentrum diese in 50 Sprachen – auch auf Amharisch oder Suaheli.

Identität vertuschen

Weiter gehts mit einem Gesundheitscheck und dem Abgeben der Fingerabdrucke. Gar nicht einfach, denn: «Einige Flüchtlinge schürfen sich ihre Fingerbeeren auf, sodass man keinen richtigen Fingerabdruck machen kann», sagt Lang. Grund: «Möglicherweise haben sie bereits in einem anderen Land ein Asylverfahren hängig und wollen nicht erkannt werden.»

Für die Flüchtlinge ist wichtig, dass jeder Tag eine Struktur hat. Der Tag beginnt um 6.45 Uhr, Frühstück gibts zwischen 7.15 und 7.45 Uhr. Die Regeln sind streng: «Wer zu spät kommt, erhält kein Essen», betont Verena Lenzi, Chefin der Betreuung. Zudem gebe es ein Animationsprogramm: Joggen, Boxen und Nähen. Wer wolle, könne einen Deutschkurs besuchen. «Es gibt Leute, die gerne beim Waschen oder Kochen helfen.» Vor der Mittagspause hat jeder zwischen 9 und 12 Uhr und auch am Nachmittag ein paar Stunden Ausgang. «Sie können hingehen, wohin sie wollen», sagt Lenzi.

Im grossen Aufenthaltsraum sitzen fünf Männer in einer Gruppe und diskutieren lautstark. Sie kommen aus Marokko, Algerien und Tunesien. Der Marokkaner erzählt, dass er im Zentrum niemanden anrufen könne und viel Aggression unter den Bewohnern herrsche. Dennoch sei das Leben besser als zu Hause. Eine Mazedonierin mit ihrer kleinen Tochter an der Hand fügt an: «Wenn wir zurückgehen, werden wir getötet.» Warum, wird aus dem Gespräch nicht klar.

Keine Frauen in Zivilschutzanlage

Durch den Anstieg der Zuwanderung musste neben dem EVZ noch eine Zivilschutzanlage geöffnet werden. Dort sind 82 Männer untergebracht. Nur Männer: «Aufgrund der sanitären Anlagen ist eine Geschlechtertrennung nicht möglich», betont der stellvertretende Zentrumsleiter Lang. Aus der einzigen Dusche zum Beispiel fliesst nur kaltes Wasser.

Es ist Mittagspause. Die Bewohner schöpfen sich ihre Portion selber und putzen nach dem Essen die Tische ab. Ein Nigerianer, der sein Geschirr wegräumt, sagt, sein einziges Problem sei, dass er unter dem Boden keine frische Luft habe. Ansonsten sei er froh, seit zwei Wochen hier sein zu können. Aber: «Ich bin traurig, dass meine Familie nicht bei mir ist. Ich würde gerne in mein Land zurück, aber das Leben dort ist schlimm.»