Zwischennutzung

Atelierhaus Flatterschafft: Hier kann man sich hemmungslos austoben

Den Künstlern der «Flatterschafft» konnten die Besucher am Wochenende bei der Arbeit zusehen.

Den Künstlern der «Flatterschafft» konnten die Besucher am Wochenende bei der Arbeit zusehen.

Seit einem Jahr gedeiht im Gundeli ganz ungeniert vielfältige Kunst — in einem Abrisshaus der SBB. Am Wochenende stieg die Geburtstagsfeier.

Kurz nach 18 Uhr: Ein junger Mann streicht Buttermilch an das Fenster im Erdgeschoss. «Ein alter Omatrick», meint er zwinkernd. So könne ein Bild an das Fenster projiziert werden. Im Atelierhaus hinter dem Bahnhof werden die letzten Vorbereitungen für das zweitätige Fest vom Freitag und Samstag getroffen: Die Kunst-Zwischennutzung «Flatterschafft» wird einjährig. Sie hat das SBB-Gebäude neben den Gleisen zu neuem Leben erweckt — bevor es planmässig 2016 abgerissen wird.

«Jetzt fangen wir erst richtig an, das Haus zu spüren. Ein Jahr lang mussten wir erst alles aufbauen», erklärt der Buttermilch-Mann und Mitgründer Steven Schoch. Tatsächlich brauchte die «Flatterschafft» viel Geduld in der Anfangszeit: Ein Jahr lang warteten die Initianten auf den Entscheid der SBB, und während sechs Monaten bauten sie das Haus um. Erst dann konnten die 16 Ateliers und neun Bandräume bezogen werden. Die Nachfrage war so gross, dass auch jetzt noch viele auf der Warteliste stehen. Doch wer eines der Ateliers bekommen hat, der gibt es wohl nicht mehr so schnell her.

Plattform für den Austausch

Preiswerte Atelierräume sind nicht das Einzige, was die «Flatterschafft» ausmacht. Die Vernetzung untereinander und mit der Öffentlichkeit ist zentral. «Es ist wirklich für Leute, die den Austausch wollen. Wer nur für sich alleine im Atelier sein will, ist bei uns nicht richtig,» sagt Sanja Lukanovic, die gemeinsam mit Schoch das Projekt in die Wege geleitet hat.

Und nicht nur Know-how wird geteilt, sondern auch die Infrastruktur. Im Erdgeschoss befinden sich zwei Gemeinschaftsräume, im einen können die Mieter gratis ausstellen. Architekten, bildende Künstler, Fotografen aber auch Handwerker arbeiten Tür an Tür. Das Atelierhaus beherbergt bewusst verschiedenste Disziplinen. Gemeinsam haben die Mieter, dass sie ihre Kunst nicht hauptberuflich ausüben, sondern meistens als Nebenerwerb.

Steigt man die Treppe hoch in den ersten Stock, gelangt man in ein Siebdruck-Atelier. Hier ist das Reich von Silas Heizmann und Fabian Pfeil. Hunderte Farbtauben reihen sich auf den Regalen, und der Boden ist mit Tupfern gesprenkelt. «Die Farbe riecht stark, in einem Wohnhaus wäre das ein Problem. Wir brauchen auch einen separaten Raum für Wasser, ausserdem Elektrizität und viel Licht», erklärt Heizmann und zeigt auf die grosse Fensterfront. Pfeil ergänzt: «Du kannst hier drin hemmungslos sauen, es ist wirklich eine Werkstatt und egal, wenn etwas dreckig wird.» Für die Künstler ist der Abriss des Hauses Fluch und Segen zugleich: ein zeitlich begrenzter Ort des Austobens. Wo könnte Kunst besser gedeihen? «In anderen Atelierhäusern hat man oft Angst zu stören, hier ist das nicht so», sagt auch Lukanovic. Einzig etwas bedauert sie: «Mein Traum wäre eine öffentliche Café-Bar im Erdgeschoss, was hier leider nicht möglich ist.» Trotzdem ist das Haus einen Besuch wert: Zu jedem Jahreszeitwechsel findet ein Rundgang statt, und der Ausstellungsraum wird regelmässig bespielt. In erster Linie bleibt die «Flatterschafft» aber ein einzigartiges Atelierhaus, in dem ohne Hemmungen kreativ gearbeitet wird.

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