Er hat sich darauf eingestellt, in ein oder spätestens zwei Jahren Basler Nationalrat zu werden. Nun muss Mustafa Atici seine Politkarriere wohl neu planen. Die amtierende SP-Nationalrätin Silvia Schenker hat am Dienstag angekündigt, die Legislatur zu Ende zu politisieren und nicht vorzeitig zurückzutreten. Somit bleiben Atici als erstem Nachrückenden die Türen zum Nationalratssaal verschlossen. Auf Anfrage sagt der Grossrat: «Das ist eine grosse Enttäuschung. Silvia Schenker hält sich nicht an die Abmachung.»

In einem Gespräch vor den eidgenössischen Wahlen 2015 habe sie gesagt, sie werde Hand bieten für eine gute Nachfolgelösung. Dass sie ihm nun nicht Platz machen will, kann Atici nicht verstehen. «Sie schadet der Partei enorm», ist er überzeugt. Als Grund nennt er die wieder aufflammenden Zweifel der Migrationsbevölkerung an der Glaubwürdigkeit der SP.

Zweifel wegen Wasserträger-Image

Atici geniesst viel Rückhalt bei Einwanderern und Secondos und präsidiert die Migranten-Sektion der SP. Er war schon 2011 erster Nachrückender der SP, als Schenker in ihre dritte Legislatur startete. Obwohl SP-intern bis 2015 eine Amtszeitbeschränkung auf drei Legislaturen galt, trat Schenker nicht vorzeitig zurück. «Damals kam bei mehreren Parteigenossen mit Migrationshintergrund erstmals die Vermutung auf, dass ich nur Wasserträger in der Partei sei», sagt Atici. Diese Zweifel verstärkten sich jetzt noch weiter.

Er wirft Schenker ein falsches Spiel vor: Sie gehöre zu jenen Politikern, die sich mit Integration brüsteten, die reelle Teilnahme von Migranten am politischen Prozess aber verunmöglichten. Und er geht noch weiter: «Die Migrationsbevölkerung soll für gewisse Politiker doch bloss die Opferrolle übernehmen, damit sie ihre Mandate behalten können.» Atici stellt klar: «Migranten brauchen keine Paten.»

Gemäss Atici teilen viele seiner Parteifreunde seine Enttäuschung. Er bekomme dauernd SMS, Mails und Telefonanrufe, auch von Migrantenvereinen. Ob er 2019 nochmals für den Nationalrat kandidieren wird, sagt er jetzt noch nicht. Man werde intern Schenkers Nachfolgeregelung sicher nochmals diskutieren.

Rückhalt in Gefahr

Diese Diskussionen könnten ziemlichen Zoff verursachen. Denn: Schenker denkt nicht daran, von ihrer Nichtrücktrittsankündigung abzuweichen, wie sie am Mittwoch bestätigte: «Ich habe mir das sehr gut überlegt. Ich sehe keinen Grund, meinen Entscheid zu überdenken.» Auf die Frage, ob sie um ihren Rückhalt in der Partei fürchte, ringt sie um eine Antwort – und sagt schliesslich: «Ich schliesse nicht aus, dass ich den Rückhalt verliere.» Das wäre schmerzlich, sei aber nicht das einzige, was zähle: «Ich habe auch eine Wählerschaft, die mir das Vertrauen geschenkt und einen Auftrag gegeben hat.» Schenker stellt klar, sie habe nicht nur negative Reaktionen auf ihren Entscheid erhalten.

Dass sie ihrer Partei schadet, glaubt Schenker nicht. Sie würde es bedauern, wenn Migranten nicht mehr SP wählten. Sie glaubt aber nicht, dass das Vertrauen in die Partei von nur einer Person abhängt. «Der Schaden wäre erst da, wenn wir den zweiten Sitz 2019 verlieren würden. Das kann ich mir aber nicht vorstellen», sagt Schenker.

Alle gegen Schenker

Die seit 2003 in Bern politisierende Schenker erhält derzeit kaum Unterstützung in ihrer Partei. Beatriz Greuter, Präsidentin der SP-Grossratsfraktion, sagt: «Atici täte unserer Bundeshausfraktion gut.» Die Juso forderten Schenker auf «Radio Basilisk» zum vorzeitigen Rücktritt auf. Basels SP-Präsidentin Brigitte Hollinger sagte am Mittwoch in der bz über Schenkers Entscheid: «Er ist ein falsches Signal an die Jungen, die sich sehr engagieren. Man muss auch mal Platz machen können.»