Ein Zwischenfall vom 28. Februar im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim erweist sich im Nachhinein als gravierender als vom Betreiber EDF kommuniziert. Statt eines Risses war es zu einem Wasserrohrbruch im nichtnuklearen Teil des AKW gekommen, bei dem über 100 Kubikmeter Wasser austraten. Dies ist einem Brief der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN zu entnehmen, der auch auf der Seite des Trinationalen Atomschutzverbands einzusehen ist.

Demnach gelangte bei der Überschwemmung Wasser auf die elektrischen Einrichtungen, wodurch 40 Minuten nach Entdeckung des Lecks im Maschinenraum Alarm ausgelöst wurde. EDF teilte der ASN zwar mit, dass der Block eins erst nach mehreren Wochen wieder hochgefahren werden könne, machte aber beim Besuch der Inspektoren, die am 5. März in das AKW kamen, das Gegenteil.

Drei Minuten später neuer Riss

In Gegenwart der ASN-Mitarbeiter wurde die Anlage wieder in Betrieb genommen, obwohl die Ursache für den Rohrbruch nicht ermittelt werden konnte. Nur drei Minuten später kam es einen Meter vor der reparierten Stelle zu einem erneuten Rohrbruch, der im Maschinenraum einen Evakuierungsalarm auslöste. Dies geschah an einem Donnerstag, den 5. März, um 12.28 Uhr. «Da die Sirenentests immer jeden ersten Donnerstag des Monats um 12 Uhr stattfinden, haben die Mitarbeiter das Werk nicht vollständig evakuiert, da sie an einen neuerlichen Sirenentest statt an einen wirklichen Alarm glaubten», schreibt die ASN.

Die elsässische Tageszeitung «L'Alsace» kritisierte in einem Artikel zur Sitzung der Überwachungskommission zum AKW, die regelmässig tagt, die Informationspolitik der AKW-Leitung und auch der Atomaufsichtsbehörde. Beide hatten an der letzten Sitzung vom 10. März nur unvollständig über die Zwischenfälle berichtet. Der zitierte Brief der ASN stammt vom 12. März.

Sehr kritisch reagierten die elsässischen Anti-AKW-Organisationen in einem offenen Brief an Thierry Rosso, dem Direktor des AKW Fessenheim. Sie warfen ihm vor, auf der ganzen Linie versagt zu haben – ob dies nun seine Informationspolitik, die Entscheidung, den Reaktor wieder anzufahren, ohne die Gründe für die Probleme zu klären, oder die mangelnde Transparenz betreffe. «Ihre Entscheidung, den Betrieb des Kraftwerks wichtiger einzustufen als die Sicherheit führt dazu, dass wir keinerlei Vertrauen mehr in die Fähigkeiten von EDF haben, dieses alte Atomkraftwerk korrekt zu betreiben.»

Auch Kritik aus Stuttgart

Die «Badische Zeitung» zitierte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). Für ihn «sind die wiederholten Pannen im Kernkraftwerk Fessenheim und die Hinweise auf einen mangelhaften Umgang mit ihnen ein weiteres Argument dafür, den Meiler eher früher als später, spätestens aber, wie von der französischen Regierung versprochen, bis Ende 2016 stillzulegen.»

Ähnlich dezidiert äussert sich Jürg Stöcklin, Präsident des Trinationalen Atomschutzverbands, der seit Jahren auf juristischem Weg das Abstellen von Fessenheim durchzusetzen versucht. Stöcklin kommentiert die Ereignisse so: «Das bestätigt das, was wir immer wieder festgestellt haben, nämlich, dass die Sicherheitskultur in Fessenheim schlecht ist.» Stöcklin fährt fort: «Das Ausmass der Schlamperei in diesem konkreten Fall führt dann ja auch zu der deutlichen Stellungnahme der Aufsichtsbehörde. EDF hat der ASN keinen klaren Wein eingeschenkt und aus dem Brief lässt sich erkennen, dass auch die Behörde dies ziemlich deftig findet.» Stöcklins Fazit: «Es ist endlich Zeit, dass man Fessenheim schliesst.»