Es sind ausgestopfte Tiere, die in der alten Universität am Rheinsprung in einem Kämmerchen in Vergessenheit geraten. Ein Kuhschädel, der, wahrscheinlich von Charles Darwin persönlich veranlasst, den Weg in den Keller des Naturhistorischen Museums fand. Eine Pflanzensammlung des Botanikers Caspar Bauhin aus dem 16. Jahrhundert, die im Botanischen Institut vor sich hinaltert.

An der Universität und in den Basler Museen lagern, weitgehend unerschlossen und damit unbemerkt von der Öffentlichkeit, etliche schützenswerte Objekte. Viele Sammlungen der Uni gingen einst an Museen über. Wer für deren Betreuung verantwortlich ist, blieb aber ungeklärt. Ein interner Bericht «über die Situation der wissenschaftlichen Sammlungen der Universität Basel» zeigt nun: Die wertvollen Objekte-Lager wurden jahrelang stark vernachlässigt.

Zuständigkeit nicht definiert

In der Analyse , die der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, heisst es, es gebe «keine verbindlichen Richtlinien», wie mit entsprechenden Gütern umzugehen sei. «Weniger als ein Viertel der Sammlungen» hätten ein Inventar, oft seien die vorhandenen Objekte «nicht ausreichend dokumentiert». In vielen Fällen seien «gute bis optimale konservatorische Verhältnisse nicht gewährleistet». Und: Die «Zuständigkeit und Verantwortung» sei «nicht definiert».

Das soll sich nun ändern. Der Bericht enthält Empfehlungen für verschiedene Massnahmen, von denen eine bereits umgesetzt wurde: die Definierung der Verantwortlichkeit. Universitätsarchivarin Susanne Grulich ist neu zuständig für die Koordination der wissenschaftlichen Sammlungen. Weiter raten die Autoren des Berichtes zur Erfassung, Erschliessung und Inventarisierung der Objekte. Es solle verhindert werden, dass «ganze Sammlungsbestände» verschwinden oder zerstört werden, wie dies «in der Vergangenheit schon mehrfach» vorgekommen sei.

«Dringenden Handlungsbedarf»

Den Bericht verfasst hat Archivarin Grulich zusammen mit Michael Kessler-Oeri, dem Leiter des Pharmazie-Historischen Museums, sowie dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Flavio Häner. Der Historiker schreibt seit dem Frühjahr 2011 an einer Dissertation über wissenschaftliche Sammlungen. Dabei sind ihm viele Mängel aufgefallen.

Häner begann sich national und international zu vernetzen. Am 11. September des vergangenen Jahres organisierte der Forscher in Basel ein Treffen für Vertreter der Uni und der Museen, um über den aktuellen Zustand der Sammlungen zu sprechen. Man stellte gemäss Bericht «dringenden Handlungsbedarf» fest. Es war derselbe Tag, an dem der «Tages-Anzeiger» die Affäre Mörgeli ins Rollen brachte. Der Zürcher SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker musste sich massiver Kritik aussetzen; unter anderem aufgrund der Lagerung und Pflege seiner Objektsammlung. Mörgeli verteidigte sich und verwies auf die knappen Ressourcen und die verhältnismässig aufwendige Pflege der umfassenden Sammlung.

Häner sagt, er könne Mörgelis Argumentation in fachlicher Hinsicht gut nachvollziehen. Objekte hätten seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Forschung an Bedeutung verloren, erklärt der Historiker. Deshalb seien sie vor allem im Bereich der Naturwissenschaften nicht mehr genügend gepflegt worden. Das sei an allen Schweizer Universitäten ein grosses Problem.

Einige Bestrebungen für bessere Pflege

Die Universität Zürich will nun eine Million Franken in die Inventarisierung der medizinhistorischen Sammlung investieren, wie Ende April bekannt wurde. Auch in Basel hat das Rektorat den Handlungsbedarf offiziell anerkannt. Eine ähnlich grosse Summe wie in Zürich hat das Rektorat aber nicht bewilligt: 10 000 Franken wurden für Inventurarbeiten und die Organisation einer Tagung im September gesprochen.

Der Austausch unter den Unis ist aus Häners Sicht allerdings nur der erste Schritt. «Auf internationaler Ebene gab es in jüngster Vergangenheit einige Bestrebungen, wissenschaftliche Sammlungen besser zu pflegen», sagt er. Um auch in der Schweiz den Schutz der Objekte langfristig zu gewährleisten, sei eine gesetzliche Regelung auf nationaler Ebene notwendig. «Die Sammlungen müssen als schützenswerte Kulturgüter gesichert werden», betont Häner.

Vorläufig ist der Historiker aber zufrieden. Noch bevor seine Dissertation fertig ist, hat sie etwas bewirkt.