Basel

Auf dem Claraplatz sollen Passanten bekehrt werden – diese fühlen sich belästigt

Auf dem Basler Claraplatz tummeln sich Infostände von Religionen und Sekten – oft dringen sie in Grauzonen vor. Und die Passanten fühlen sich von den aufdringlichen Bekehrern belästigt.

Was der Marktplatz für Gemüsebauern, Metzger und Käsehändler ist, ist der Kleinbasler Claraplatz für Religionen, religiöse Splittergruppen und Sekten. Fast täglich kann man sich an einem Stand über irgendeine Glaubensrichtung «informieren». An gewissen Samstagen tummeln sich bis zu vier verschiedene Gruppierungen zwischen der Clarakirche und dem «Schiefen Eck». Christliche Glaubensgruppen, Islamischer Zentralrat, Scientologen, Rael-Bewegung und viele weitere stehen sich gegenseitig auf den Füssen.

«Wirklich mühsam wirds, wenn sie auf einen zukommen», sagt der Kleinbasler Walter F. Studer, «wenn sie aktiv Werbung machen.» Benjamin Zeuggin, der als Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Kleinbasel (IGK) das Kleinbasler Gewerbe vertritt, meint: «Aus Sicht der IGK habe ich noch keine Beschwerden gehört. Aus Sicht einer Privatperson glaube ich aber schon, dass man sich belästigt fühlt.»

«Gehen in Grauzonen rein»

Genau das sollte eigentlich nicht möglich sein. «Direkte Mitgliederwerbung ist nicht gestattet», heisst es in den kantonalen Richtlinien für Infostände im öffentlichen Raum. Erlaubt ist bloss, «über religiöse, politische, gemeinnützige oder präventive Inhalte zu orientieren.»

«Gewisse Religions- oder Glaubensgemeinschaften gehen manchmal schon in Grauzonen rein und betreiben versteckte, direkte Mitglieder- oder Produktewerbung», sagt Patrick Solèr, Leiter Bewilligungen bei der Basler Allmendverwaltung. Etwa, indem sie Bücher verteilten und darin Adressen und Angebote versteckten. «Wir können keine hundertprozentige Kontrolle am Samstagnachmittag gewährleisten», bedauert er.

Warum ausgerechnet der Claraplatz für religiöse Infostände so beliebt ist, darüber kann Solèr nur spekulieren. Laut den Richtlinien dürfen Infostände nämlich an elf verschiedenen Orten in der Stadt aufgestellt werden. «Ich nehme an, dass die Standbetreiber den Claraplatz aussuchen, weil das Kleinbasel so dicht besiedelt ist.»

«Wir bleiben hinter dem Stand»

«Auf dem Claraplatz hat es Platz für zwei oder drei Stände nebeneinander. Vom Stadtbild her, wirkt das manchmal schon massiert», meint Solèr. «Wir haben gute Erfahrungen auf dem Claraplatz gemacht. Er ist sehr zentral», sagt Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS). Der IZRS-Infostand ist in der ganzen Schweiz unterwegs, immer wieder auch in Basel. Man wolle über islamische Themen aufklären, sagt Illi. «Etwa über die Stellung der Frau, das Kopftuch, oder wie Muslime beten. «Wir bleiben hinter dem Stand. Wir werben die Leute nicht an», versichert er. «Wir wollen Vorurteile abbauen.» Qaasim Illi betont, dass der IZRS-Stand stets viele Interessierte anlocke.

Publikum muss sortiert sein

«Wenn es querbeet Laufpublikum auf der Strasse hat, ist der missionarische Erfolg einer Standaktion relativ klein», sagt der Sektenexperte Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle Relinfo. Damit man Leute missionieren könne, müsse das Zielpublikum «ein bisschen sortiert sein». Etwa, indem man den Infostand vor einer Esoterikmesse aufstelle.

Es geht um die eigenen Mitglieder

Dass die Glaubensgruppen mitten in der Stadt «informieren» wollen, habe andere Gründe. Etwa, dass man den eigenen Mitgliedern zeigen könne, dass man aktiv sei. «Viele dieser Gruppierungen haben einen missionarischen Anspruch. Da wollen die Mitglieder sehen, dass etwas geht.» Zudem stärke das am Stand stehen die eigene Überzeugung. Und er fügt an: «Gewisse Gruppierungen gehen davon aus, dass, wenn die Leute bereit sind, man sie findet.» Da sei es sekundär, ob man effizient sei oder nicht, erklärt Religionswissenschafter Schmid.

So ist nicht zu erwarten, dass die Glaubensgruppen vom Claraplatz wieder wegziehen werden. «Das ist Selbstzweck auf Kosten der Passanten», ärgert sich IGK-Geschäftsführer Zeuggin. «Machen dagegen kann man sowieso nichts», bedauert auch Berufskleinbasler Studer.

Er mache es deshalb wie die allermeisten, die einem religiösen Infostand begegnen: «Höflich ‹Danggschön› sagen und vorbeilaufen.»

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