Terror
Auf dem Markt in Saint-Louis spielt Angst keine Rolle

Trotz Terror arbeiten Muslime und Elsässer am Markt in Saint-Louis gut nebeneinander – der Maghreb-Bezug verbindet.

Martina Rutschmann
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Der Hipster-Fischverkäufer und die Kundin aus Tunesien sind sich einig: Rassismus ist keine Lösung.

Der Hipster-Fischverkäufer und die Kundin aus Tunesien sind sich einig: Rassismus ist keine Lösung.

Martin Toengi

In ganz Strassburg patrouilliert bewaffnetes Militär. Ausnahmezustand. Die Stadt mit den vielen europäischen Einrichtungen versteht sich als mögliches Terrorziel. Die Erfahrung zeigt ja auch: Terroristen schlagen meistens in Städten zu. Saint-Louis gilt als Stadt, ist aber eher Dorf. Hier lebt weniger als ein Zehntel der Einwohner von Strassburg.

Das Elsass hier ist ein anderes Elsass als jenes dort. In Saint-Louis marschiert kein Militär, jedenfalls nicht ständig. Ausnahmezustand herrscht aber auch. Ein Grossteil der Bewohner hat nordafrikanische Wurzeln. Wie viele? Ungewiss. Frankreich darf keine ethnischen Daten erfassen. Spielt in Saint-Louis auch keine Rolle: Auch wer hell und blond ist, hat einen Bezug zum Maghreb. Cecile Peter ist eine Bilderbuch-Elsässerin. Eine Bäuerin, die trotz überschrittenem Pensionsalter ihren Marktstand aufbaut und Johannisbeeren und Zucchetti anbietet. Sie ist im Elsass geboren, hat immer hier gelebt. Blaue Augen, die Haut von der Sonne gebräunt.

«Böse Menschen gibt es überall»

Auf der Mauer gegenüber sitzen zwei Marokkaner. Cecile Peter kennt sie vom Sehen. Der Kontakt zu allen Menschen hier hält sich in Grenzen. «Man hat kaum Zeit, zu plaudern. Wir arbeiten schliesslich.» Mit Nordafrika oder dergleichen habe das nix zu tun. «Sehen Sie nur», sie zeigt auf die Elsässer Bäuerin am Nachbarstand, «auch sie hat keine Zeit für einen Schwatz.» Cecile Peters Verbindung zu Nordafrika? Ihr Mann kämpfte als Soldat in Algerien.

Ausnahmezustand gilt auch hier

Im Gegensatz zu anderen Männern hier trinken die Herren auf der Mauer kein Bier. «Peace? Yes, peace!», steht auf dem Tschäppi des einen. Beide sind Mitte 60 und seit der Jugend in Frankreich. Angst? Der mit der Kappe lacht. «Sie sehen doch, es ist ruhig hier!» In Mulhouse sei die Stimmung kritischer, das sei eine Stadt, aber in Saint- Louis? «Das Leben ist überall härter geworden.» Sein Kumpel zuckt mit den Schultern. Über Terror sprechen sie ungern. Den Markt besuchen sie oft, samstags gibt es Halalfleisch, dienstags Fisch.

Der Fischverkäufer ist der jüngste Marktfahrer. Eine der ältesten Marktbesucherinnen kauft immer bei ihm ein. Er ist halber Holländer, sie ganze Tunesierin. Er trägt eine Hipster-Frisur, sie ein Kopftuch. Zwischen ihnen liegen 40 Jahre. Sie haben die gleiche Meinung.

«Was in Nizza und Paris passiert ist, hat mit dem Islam nichts zu tun. IS-Anhänger sind Terroristen», sagt sie. Verkäufer Kevin Harens reicht ihr den Fisch. «Mein Nachbar ist Muslim, soll ich jetzt plötzlich Angst vor ihm haben?», fragt er. «Sicher nicht!» Auf einer Australienreise habe er festgestellt: «Dort gibt es keinen Rassismus.» Die Kundin hört aufmerksam zu, sie selber habe auch in Frankreich nie Rassismus erlebt. Sie wisse aber, dass es ihn gebe. Wie auch den Terrorismus. Aber hier?

Saint-Louis hat keine Angst. Und kaum Patrouillen. Wie lange noch? Frankreich verlängert den Ausnahmezustand – und will ihn verschärfen. Auch hier.