Noch elf Tage, dann läuft die Frist ab. Bis zum 31. März können frühere Verdingkinder, Fremdplatzierte und Zwangsversorgte ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag stellen. Die erste Anlaufstelle für die Betroffenen in Basel-Stadt und Baselland ist die Opferhilfe beider Basel. Dort laufen derzeit die Drähte heiss.

«Wir erhalten viele Anfragen. Vor allem in den letzten Wochen ist die Zahl nochmals stark gestiegen», sagt Esther Stich, Geschäftsführerin der Opferhilfe. «Nicht wenige Anspruchsberechtigte zögerten wohl zu Beginn, ein Gesuch zu stellen. Aber jetzt, wo die Frist ausläuft, haben sich viele einen Ruck gegeben.»

Von Interessierten überrannt

Die Zahlen der Beratungen widerspiegeln das gestiegene Interesse: Das Bundesgesetz über die «Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» trat per 1. April 2017 in Kraft. Jedoch war es bereits per 1. Januar desselben Jahres möglich, Gesuche einzureichen. Im vergangenen Jahr berieten die Mitarbeiter der Opferhilfe beider Basel 156 Personen. Im noch jungen Jahr 2018 zählte die Stelle bereits 88 Beratungen.

In den kommenden Tagen dürfte es nochmals zu einem Ansturm kommen – und die Interessierten kommen nicht vergebens. «Um das Gesuch zu stellen, benötigen wir zunächst lediglich ein ausgefülltes Formular mit der Unterschrift der potenziell anspruchsberechtigten Person», sagt Stich. «Die materielle Prüfung des Gesuchs kann auch nach dem 31. März 2018 geleistet werden.»

Nach der Opferhilfe gelangen die früheren Verdingkinder und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen meist an eines der beiden kantonalen Staatsarchive. Dort finden sich die Dokumente und Unterlagen, mit denen sich die Biografien der Betroffenen rekonstruieren lassen. Zu den so genannten Schlüsseldokumenten gehören etwa Akten von Vormundschaftsbehörden, Heimen, Schulen sowie von Psychiatrischen Kliniken.

Eigene Stelle eingerichtet

Das Staatsarchiv Basel-Stadt hat per April 2017 eine 90-Prozent-Projektstelle geschaffen, um Rechercheaufträge zu bearbeiten. Drei Angestellte kümmern sich während eines grossen Teils ihrer Arbeitszeit um Anfragen von Menschen, die staatlich angeordnetes und legitimiertes Leid erfahren haben.

Laut Projektleiter André Buob wurden 2017 insgesamt 128 Fälle bearbeitet. In den ersten knapp drei Monaten des laufenden Jahres waren es bereits wieder über 60 Fälle. Man habe bereits seit 2013 einen Anstieg derartiger Rechercheaufträge verzeichnet, sagt Buob zur bz. Ab jenem Jahr war es Verdingkindern möglich, Soforthilfe zu beantragen. «Wir hatten also schon etwas Erfahrung mit dieser Sorte Dossiers. Das kam uns entgegen.»

Die Baselbieter Staatsarchivarin Regula Nebiker bestätigt die Beobachtungen der Kollegen in Basel. «Vor etwa fünf Jahren haben die Anfragen angezogen.» Die Rechercheaufträge seien meist anspruchsvoll, denn die benötigten Dokumente seien nicht selten über die halbe Schweiz verteilt. «Man wollte ja die Kinder aus schwierigen Verhältnissen bewusst auch aus ihrem sozialen Umfeld herauslösen. So kamen viele an einen neuen Ort, meist weit weg von ihrer Familie.»

Es handle sich bei den Nachforschungen um eine «Riesengeschichte», sagt Nebiker. Das Staatsarchiv habe «enorm viel gelernt» mit der Rekonstruktion der oft tragischen Biografien. «Nicht zuletzt haben wir auch ein gewaltiges Stück Schweizer Sozialgeschichte aufgearbeitet.» Das vielfach kolportierte Bild der heilen, schönen Schweiz, wo Recht und Ordnung herrscht und jede und jeder sein Plätzlein habe, könne angesichts des erlittenen Leids nicht aufrechterhalten werden.

Ein Land zeigt Reue

Der Bundesrat rechnet mit 12'000 bis 15'000 Anspruchsberechtigten. Für die Opfer stehen 300 Millionen Franken zur Verfügung. Alle erhalten einmalig denselben Betrag. Die Höchstgrenze liegt bei 25'000 Franken pro Fall.

Das Bundesgesetz geht aber über die finanziellen Zuwendungen hinaus. Es anerkennt auch, dass den Opfern Unrecht angetan worden ist, «das sich auf ihr ganzes Leben ausgewirkt hat». Zu den Opfern werden all jene gezählt, die seelische oder körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlitten haben, dann auch Kinder und Jugendliche, die für keinen oder einen schlechten Lohn arbeiten mussten. Eine dritte Gruppe bilden Mütter, die zu einer Abtreibung oder einer Sterilisation gezwungen wurden, ebenso Eltern, die ihr Kind unter Zwang weggeben mussten. Im Gesetz genannt sind auch Stigmatisierung und Medikamentenversuche.

Die Kommission für Rechtsfragen des Nationalrates beriet darüber, die Frist zu verlängern. Der Antrag blieb chancenlos. Die Kommission schreibt jedoch, sie habe «mit Befriedigung» festgehalten, dass die Behörden «bei der Bearbeitung der Gesuche keinen überspitzten Formalismus walten lassen.» Gesuche könnten auch dann eingereicht werden, wenn noch nicht alle Unterlagen beisammen seien.

Mühe damit, etwas zu fordern

Die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer ist Präsidentin der Opferhilfe beider Basel. «Wir von der SP befürworteten eine Fristverlängerung», sagt sie zur bz. «Wir haben aber auch eingesehen, weshalb man an der Frist festhalten will: Die Auszahlungen sollen nicht verzögert werden, viele der Anspruchsberechtigten sind in einem hohen Alter.»

Regula Nebiker macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Frühere Verdingkinder und Fremdplatzierte würden zögern, etwas für sich zu fordern. «Sie haben diese Einstellung derart verinnerlicht, dass es für sie ein Hinderungsgrund ist, ein Gesuch zu stellen.» Die Frist habe einen mobilisierenden Effekt: «Es kam schon vor, dass Verdingkinder eigentlich nur bei uns vorbeikommen wollten, um ein paar Unterlagen einzusehen – am Ende hatten sie uns aber ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Das war jedes Mal äusserst bewegend.»