Langweilig wird es Stevie Fiedler dieser Tage nicht. Was dieser jugendlich wirkende 41-Jährige nicht alles unter einen Hut, besser gesagt unter seine Mähne, kriegt: Vor wenigen Wochen feierte er als Live-Gitarrist der Mundartrap-Band Brandhärd das gemeinsame Album «1997» in der ausverkauften Kaserne Basel. Am vergangenen Samstag folgte die Albumtaufe von «Fear No Giant» von The Amber Unit, einer Indie-Band, die es seit 20 Jahren gibt und die auf stimmige Weise atmosphärische Sounds mit griffigen Vocals vereint. Heute Samstag kann man sich beim Basler Festival «Pärkli Jam» ein Bild von ihrem eindrücklichen Klangbild machen.

Als wäre dies nicht genug der Nebenbeschäftigungen für einen Familienvater, steht Fiedler mit einem weiteren Talent im Rampenlicht. Der Grafiker hat für das «Tschuttiheftli» die Schweizer Nationalmannschaft gezeichnet.

Ein idealistisches Projekt

Tschutti-was? «Tschuttiheftli»! Ein Helvetismus, der eingefleischten Fussballfans vertraut ist. Beim «Tschuttiheftli» handelt es sich um das alternative Pendant zum Sammelalbum von Panini. Ein Vereins-Projekt, vor 12 Jahren in Luzern ins Leben gerufen, das Stevie Fiedler bislang voller Bewunderung mitverfolgt hat.

Das Konzept sieht vor, dass jede Fussballmannschaft mit einer eigenen Note versehen gezeichnet oder gemalt wird. Ein Kunstprodukt, mit dem die Macher in Zeiten vollkommen durchkommerzialisierter Grossanlässe die Liebe zum Fussball hochhalten. Das «Tschuttiheftli» besticht nicht nur durch die grafische Leidenschaft und Individualität, sondern auch durch die eigene Handschrift, die bei jeder einzelnen Mannschaft auszumachen ist.

Für das «Tschuttiheftli» zur WM in Russland bewarben sich 523 Zeichnerinnen und Zeichner aus 60 Ländern. Die Bewerbungs-Aufgabe war für alle Teilnehmenden dieselbe: Sie mussten ihre Interpretation von Diego Armando Maradona auf Papier bringen.

Stevie Fiedler juckte es in den Fingern. Und er hatte eine Idee: Er zeichnete mit den Kreidelinien, die ein Fussballfeld umrahmen, die Gesichtszüge und Haare Maradonas nach. «Ich wollte etwas machen, das sehr nah ist an den Spielern, den Fans, am Fussballplatz», erzählt er. Dass er für diese Konturen mit einem Vektorspiel arbeiten konnte, kam ihm, dem Grafiker, der täglich mit dem Illustrator-Programm arbeitet, entgegen.

Mit Maradona die Quali bestanden

Fiedlers Maradona kam bei der Jury, der etwa Snowboard-Olympiasieger Iouri Podlatchikov oder Pussy-Riot-Frontfrau Nadeschda Tolokonnikowa angehörten, sehr gut an. So gut, dass er den Zuschlag erhielt, eine der 32 Nationalmannschaften zu zeichnen. Nicht irgendeine, sondern die Schweiz. «Das hat mich enorm glücklich gemacht, gerade weil ich die aktuelle Mannschaft grossartig finde. Sie verkörpert ein wunderbares Abbild der aktuellen Schweiz», schwärmt er. «Es ist ein beeindruckendes Team, das Vladimir Petkovic an diese WM geführt hat.» Man spürt Fiedlers Stolz, dass seine Spielerköpfe tausendfach als Sticker gedruckt wurden, für die Sammler des «Tschuttiheftlis».

Doch damit nicht genug: Seine ursprüngliche Idee zog in seinem Kopf weitere Kreise. Nachdem er die Schweizer Mannschaft für die Abziehbilder porträtiert hatte, peilte er die nächste Stufe an: das Stadionformat.

Denn eigentlich, das wusste Fiedler schon früh, gehörte die Umsetzung seiner Idee auf einen echten Fussballplatz, mit der gleichen Kreide gezeichnet, wie man sie für die Seitenlinien verwendet.

Die Möglichkeit dazu ergab sich im Frühling, zur Lancierung des «Tschuttiheftli»-Albums. Die Macher des Non-Profit-Sammelhefts – der Erlös der Stickerverkäufe geht an Terre des Hommes Schweiz – ermunterten Fiedler, eine seiner Strichzeichnungen im Grossformat umzusetzen. Auf dem Fussballplatz Sursee, dort, wo der Schweizer Stürmer Haris Seferovic als Junior seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellte, sprühte Fiedler dessen Antlitz mit weisser Farbe in den Rasen.

Mitarbeiter seiner Werbeagentur Eyeloveyou assistierten auf dem Feld und in der Technik: Zwei Drohnen begleiteten die Aktion, eine sandte aus 250 Meter Höhe in Echtzeit eine Aufnahme aufs Tablet, sodass sich Fiedler wie ein Adler ein Gesamtbild der bisherigen Schritte machen konnte. Da war Fingerspitzengefühl angesagt, denn aus dieser Distanz konnte eine kleine Abweichung auf dem Feld einen grossen Fehlstrich bedeuten.

«Das Ganze erforderte eine minuziöse Vorbereitung», sagt Fiedler. Wie ein Skifahrer hatte er die Strecke verinnerlicht. Jeder Zeichenstrich, jede Abzweigung musste sitzen. Es gab nur einen Versuch, einen Take.

Die zweite Drohne filmte den ganzen Prozess und hielt ihn für die Nachwelt fest. Wie Fiedler mit der weissen Farbe übers Feld schritt, im Wissen, dass er sich keinen Fehltritt erlauben konnte, wie aus Hunderten meterlangen Strichen Seferovic entstand, das kann man seither im Internet mitverfolgen. Ein gelungener Promostunt, ein Kunstwerk auch, das im Netz tausendfach angeschaut worden ist.

Ein viraler Hit

Seit der vergangenen Woche ist diese Technik auch in Österreich bekannt. Denn das «Tschuttiheftli» ist in mehreren europäischen Ländern erhältlich, auch in unserem östlichen Nachbarland, das zwar die WM-Teilnahme verpasst hat, aber trotzdem mitfiebert. «Und zwar mit der Schweiz», erzählt Fiedler, der kürzlich in Wien weilte und feststellte, dass die Österreicher voller Enthusiasmus hinter dem Schweizer Team stehen.

Weil sie mit Marcel Koller einen der unseren als Nationaltrainer hatten? Weil wir gemeinsam die Euro 08 über die Bühne brachten? Weil wir Nachbarn sind? Vielleicht aus all diesen Gründen.

Jedenfalls ist das «Tschuttiheftli» in Wien an 30 Orten erhältlich und beliebt, so beliebt, dass Fiedler mit Unterstützung des Radiosenders FM4 für eine weitere Aktion ins Stadion des Wiener Sport-Clubs eingeflogen wurde. Er zeichnete Ernst Happel, den österreichischen Kult-Spieler und Trainer, in den Rasen. Auch das wurde im Netz zum viralen Hit.

Unterlegt hat er die Videofilme mit einem Song seiner Band The Amber Unit. «The Gathering», ein Titel, der zur WM passt. Und erst recht zur Schweizer Nati, kommt darin doch die Textzeile «Fear no Giant» vor. Man soll sich nicht vor Giganten fürchten.

Die grösste Furcht, die Fiedler dieser Tage begleitet, ist die Leere nach diesen ereignisreichen Wochen. «Ich weiss noch nicht, was mit mir passiert, wenn Konzerte und WM vorbei sind», sagt er. Gegen die drohende Leere schützt er sich mit neuen Ideen. «Ich möchte die Idee auf andere Sportarten übertragen», sagt er. «Basketball oder Hockey etwa würden sich eignen, das sind Sportarten, deren Feldlinien ebenfalls eine eigene Ästhetik haben.»