Der Brexiter
Auf eine Zigarre mit Churchill

Eine Causerie mit dem Urenkel von Winston Churchill wird rasch politisch. Die legendäre Europa Rede müsse man in ihrem historischen Zusammenhang Betrachten, so der Brexit-Befürworter

Stefan Schuppli (Text und Foto)
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Randolph Churchill trägt gewisse Züge seines Urgrossvater: Zigarrenraucher, politisch, konservativ. Gestern besuchte er Basel.

Randolph Churchill trägt gewisse Züge seines Urgrossvater: Zigarrenraucher, politisch, konservativ. Gestern besuchte er Basel.

70 Jahre ist es her, dass Sir Winston Churchill in Zürich seine berühmte Rede hielt und frenetischen Beifall erntete. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, es galt, wieder zur Normalität zurückzukehren und Perspektiven für eine friedliche Zukunft zu entwickeln. Churchill hielt ein flammendes Plädoyer für ein geeintes Europa, ein Kontinent, auf dem die Nationen miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. «Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten», sagte er damals. Visionär meinte er: «Der erste praktische Schritt wird die Bildung eines Europarates sein.»

70 Jahre später stehe ich vor seinem Urenkel Randolph Churchill (61) in Basel in der Smoker’s Lounge am Rhein. Und tatsächlich: Da sind Ähnlichkeiten vorhanden, zumindest äusserliche. Auch die Zigarre darf nicht fehlen.

Was würde Sir W. sagen?

Churchill jr. jr. jr. ist EU-Kritiker und befürwortete den Brexit, den Ausstieg Grossbritanniens aus der EU. Ob sich sein Urgrossvater im Grab umdrehen würde? «Ich weiss nicht, was der Urgrossvater zur heutigen Situation in Europa gesagt hätte», formuliert der Urenkel in gepflegtem English. Doch dann wird er deutlich: «Wenn sie Europa anschauen, besteht dieses aus fantastischen individuellen Staaten. Ich glaube, er hätte die demokratischen, individuellen Rechte der einzelnen Nationen hervorgehoben. Und wenn Grossbritannien die EU verlässt, werden wir noch immer Europäer sein. Aber Grossbritannien teilte nie diesen EU-Föderalismus.»

Sir Winston Churchill

Sir Winston Churchill

Zur Verfügung gestellt

Eine schillernde Figur

Sir Winston Churchill

Der 1874 geborene Winston Churchill gilt als bedeutendster britischer Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Er war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister und führte Grossbritannien durch den Zweiten Weltkrieg. Zuvor hatte er bereits mehrere Regierungsämter bekleidet, unter anderem als Erster Lord der Admiralität, als Innen- und Finanzminister. 1953 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er war eine schillernde Figur. In jungen Jahren war er Kriegsberichterstatter im Burenkrieg. Er war überzeugter Imperialist und trat gegen verschiedene Unabhängigkeitsbewegungen ein. Unter anderem war er Gegner von Mahatma Gandhi in Indien. 1926 wollte er einen Generalstreik in England gewaltsam beenden. Er starb 1965.

«Historischer Zusammenhang»

Man müsse seine Rede auch im historischen Zusammenhang sehen. Es war nach dem Krieg. Deutschland eine gespaltene Nation. Deutschland und Frankreich waren nicht so stark. Russland unter Stalin hätte die Ostgrenze weiter nach Westen versetzen können. «Wir brauchten ein starkes Frankreich und Deutschland.» Ohne dass Randolph Ch. dies wörtlich gesagt hätte: Frankreich und Deutschland waren Bollwerke gegen die Kommunisten.

Der grösste Moment in seinem Leben sei denn auch der Fall der Berliner Mauer gewesen. Und natürlich die Tatsache, dass die beiden Deutschland wieder zusammen seien, und dies unter der Leitung einer Frau, die aus dem Osten Deutschlands stamme. In Europa habe es einfach zu viele Regulierungen. Und die souveränen Staaten müssten mehr Macht zurückerhalten. «Das Europa, in dem wir leben, braucht einen sehr viel weiteren Spielraum», sagt er. «Man kann diesen Club nicht zentral kontrollieren. Europa muss die Sehnsucht seiner Bewohner nach Demokratie aufnehmen.»

Ob er seinen Urgrossvater noch gekannt hat? «Ich war gerade drei Tage alt, als er starb. Es ist ein Privileg, dass ich so viele Kontakte mit Menschen hatte, die ihm nahe standen, die ihn noch erlebt haben. Aber auch von diesen gibt es immer weniger. In Zürich habe ich den Fotografen getroffen, der damals als 23-Jähriger die fantastischen Fotos schoss. Er ist jetzt 93.»

Ein Genussraucher

Randolph Churchill hat vier Kinder und wohnt in Chartwell, Kent, südlich von London. Ganz in der Nähe übrigens, wo auch Sir Winston wohnte. Nach einer Karriere bei der Marine ist er heute im Finanzsektor tätig. Er steht ausserdem verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen vor.

Und natürlich ist er ein Genussraucher. Aber täglich eine oder mehrere Zigarren, nein, das sei nicht sein Ding, meint er.

Ja, «Churchill» ist seit 15 Jahren auch eine Zigarrenmarke, unter dem Dach von Davidoff. Im März vergangenen Jahres gab es einen Relaunch der Marke. Die Tabake stammen aus Nicaragua, Mexiko, Ecuador und der Dominikanischen Republik.