Kreist das Flugzeug aus Basel über die Rollfelder des Ben Gurion-Flughafens, blicken die Basler Auswanderer nicht zum ersten Mal auf die Skyline von Tel Aviv. Sie kennen die Stadt und Israel von früheren Besuchen bei Verwandten, aus den langen Ferien im Sommer. Die flirrende Hitze, das brandende Meer, die engen Gassen: All das ist ihnen vertraut, wenn sie ihren Lebensmittelpunkt von Basel ins gelobte Land verlegen.

Dazu kommt es immer häufiger. Wohnten im Jahr 2010 gegen 15 000 Schweizerinnen und Schweizer in Israel, waren es im vergangenen Jahr bereits mehr als 19 000 – die meisten wohl jüdischen Glaubens. Heute zählt Israel mehr Einwohner mit einem roten Pass als die Schweiz Jüdinnen und Juden.

Knapp 18 000 Menschen bekennen sich hierzulande zum Judentum. Was zieht Schweizer mit jüdischem Glauben ins gelobte Land? Was versprechen sie sich vom dortigen Leben und erfüllen sich ihre Erwartungen? Das wollte die «Schweiz am Wochenende» exakt 120 Jahre nach dem Basler Zionistenkongress wissen – einem der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte des jüdischen Staats.

Ein spezieller Moment für die Beziehung zwischen Basel und Israel. Beim Champions-League-Spiel zwischen dem FCB und Maccabi Tel Aviv ehren die Israeli Zionismus-Begründer Theodor Herzl mit einer Choreo.Keystone

Ein spezieller Moment für die Beziehung zwischen Basel und Israel. Beim Champions-League-Spiel zwischen dem FCB und Maccabi Tel Aviv ehren die Israeli Zionismus-Begründer Theodor Herzl mit einer Choreo.Keystone

Obwohl die Auswanderer unterschiedliche Gründe für ihre Emigration nennen, kristallisieren sich einige Hauptmotive heraus. Ein Beweggrund ist die Suche nach einem jüdischen Ehepartner. Sie wird in der Schweiz als schwierig empfunden. Die Zahl der Gleichaltrigen ist überschaubar. Auf die Verheirateten folgen zu einem späteren Zeitpunkt häufig deren Eltern. Als Rentner wünschen sie sich, nah bei ihren Kindern und Enkeln zu sein. Als weitere Gründe nennen Gesprächspartner auch Abenteuerlust sowie die Alija, die zionistisch motivierte Einwanderung nach Israel.

Mit diesem Aufruf kam der Basler Schmuel Kahn früh in Berührung. Als Teenager war er in der zionistischen Jugendorganisation Bnei Akiwa; eine Erfahrung, die der heute 29-Jährige als prägend bezeichnet. Der Verband vertritt unter anderem die Haltung, dass es ein Gebot des Judentums sei, nach Israel auszuwandern. Kahn kannte das Land von zahlreichen Besuchen, auch besuchte er als 19-Jähriger einige Monate eine dortige Talmudhochschule. Er spürte damals: Israel wird seine neue Heimat. «Hier kann ich mich mit der reichen jüdischen Geschichte vor Ort auseinandersetzen. Auch mit dem hiesigen Leben identifiziere ich mich», sagt er. Inzwischen führt Kahn in breitem Basler Dialekt durch Jerusalem. Nach seinem Uni-Abschluss in Israelstudien arbeitet er als Reiseleiter. Eine Rückkehr nach Basel schliesst er aus.

FCB als verbindendes Element

Anders der gebürtige Basler Sven-David Rueff. Für den 30-Jährigen ist Israel das dritte Land, in dem er abseits der Heimat Wurzeln schlägt. Nach seinen Aufenthalten in den USA und England habe es ihn gereizt, das jüdische Leben besser kennenzulernen. «Es war kein Entscheid aus einer zionistischen Haltung heraus, sondern viel mehr das Interesse am Land. Ich wollte das südländische, dynamische und teils auch chaotische Leben Israels besser kennenlernen», sagt er. Vor drei Jahren traf er dort ein.

Momentan arbeitet er als Tennistrainer. Rueff fühlt sich mit der jüdischen Religion verbunden. Die Feiertage halte er ein, besuche aber nicht jede Woche die Synagoge: «Das hat sich durch den Aufenthalt in Israel nicht verändert», sagt er. Bevor Rueff nach Tel Aviv aufgebrochen war, hatte er sich bei Freunden und Verwandten vor Ort erkundigt. Dabei machte er die Erfahrung, dass Israel den Immigranten den Neuanfang sehr leicht mache. «Die Menschen heissen Neuankömmlinge sehr willkommen», sagt er. Zudem zeigt der Staat grosses Engagement bei der Integration von Juden.

Die «Jewish Agency for Israel» bewirbt bis heute die Übersiedlung nach Israel und berät die Rückkehrer bei der Ankunft im neuen Land. Rueff sagt: «Es ist spürbar, dass Israel seine Einwanderer langfristig behalten will.» Die Einbürgerung sei einfach und bringe gratis Sprachkurse und Beratungen mit sich. Rueff selbst setzte mehr auf die zwischenmenschlichen Kontakte. «Es hat mir den Start erleichtert, dass ich in Israel Freunde von früher traf», sagt er. Mit anderen Baslern verfolgt der FC Basel-Fan auch in Tel Aviv die Matchs seiner Mannschaft. Es scheint, als wäre der FCB ein verbindendes Element der Basler Diaspora. Spielt der FCB, schaltet auch Schmuel Kahn in Jerusalem die Live-Übertragung ein. Ebenso der Rentner Peter Lyssy.

Der frühere Basler Rechtsanwalt zog vor zweieinhalb Jahren mit seiner Partnerin in die Heilige Stadt. Hier will er seinen Ruhestand verbringen. Ihm gefällt am Leben in Israel, nicht mehr einer Minderheit anzugehören. «Obwohl meine Familie seit Generationen in der Schweiz lebt, habe ich mich immer ein bisschen als Fremdkörper gefühlt», sagt Lyssy. Als Beispiel nennt er die Koscher-Thematik: «Hierfür wird der Tierschutz oft nur als Vorwand benutzt, um Befindlichkeiten gegenüber Juden kundzutun.» In jüngster Zeit habe sich die Anti-Haltung jedoch mehr gegen die Muslime verschoben, sagt Lyssy.

Zu Besuch beim früheren Rabbi

Anders als die Basler Auswanderer kannte Yaron Nisenholz den Alltag in Israel aus eigener Erfahrung. Der frühere Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel hat beide Wege vollzogen: Aufgewachsen in Tel Aviv zog er mit seiner Familie ans Rheinknie. Dass sie in die Heimat zurückkehren würden, sei von Anfang an klar gewesen, sagt Nisenholz. Nach 13 Jahren war es soweit. Weil es in der Schweiz kein jüdisches Gymnasium gibt, haben sich Nisenholz und seine Frau entschieden, mit ihren Kindern zurück nach Israel zu kehren. «Wir wollten, dass die Familie wieder zusammen lebt», sagt er. Das war 2015.

Heute steht er einer Gemeinde in Tel Aviv vor. Ab und an besuchen ihn Basler Auswanderer. Eine eigentliche Community von Ex-Baslern gäbe es jedoch nicht, sagt Nisenholz. Das bestätigen auch andere Gesprächspartner. Freundschaften, die in der Schweiz geknüpft wurden, würden zwar in Israel weiter gepflegt. Die Konstellationen in den Freundeskreisen änderten sich jedoch rasch. Es sei ein «Kommen und Gehen». Nicht selten kehren Schweizer Auswanderer zurück. Sie schaffen es nicht, beruflich Fuss zu fassen oder kommen mit der israelischen Mentalität nicht zurecht.

Der Rückkehrer Eytan Rothschild sagt, es gäbe einfachere Pflaster als Israel: «Das Arbeitsumfeld ist fordernd. Es wird mehr von einem abverlangt und der Lohn ist deutlich geringer als in der Schweiz.» Beruflich fand er als Hotelier zwar eine Stelle; auch habe ihn das Leben in Israel in seinem jüdischen Leben und Glauben bestärkt. Doch nach zehn Jahren sehnte er sich nach der Pünktlichkeit und der Infrastruktur in der Schweiz.