Heute wird in der ganzen Stadt laut vorgetragen, aber auch leise gelesen, Seite um Seite geblättert und stillschweigend zugehört. Denn heute geht der Tag der Poesie in die vierte Runde — zumindest mit der neuen Leiterin Alisha Stöcklin; der Anlass ist nämlich älter als seine jetzige 25-jährige Initiantin.

Vor rund 36 Jahren gründete der Basler Autor, Verleger und Buchhändler Matthyas Jenny den Poesietag und führte ihn von 1979 bis 1988 jährlich durch. Seither hat sich wenig verändert. Der Grundsatz ist immer noch derselbe: Poesie, als Form des nichtalltäglichen Sprechens, solle die Konfrontation mit der Sprechweise des Alltags, der Politik, der Wirtschaft und der Industrie suchen. Die Lyrik erhält an einem Tag im öffentlichen Raum eine lebendige Präsenz und zeigt so die Vielfalt verschiedener Ausdrucksformen auf.

In den Fussstapfen der Tradition

Ganz im Sinne der Tradition beteiligt sich auch die bz am Anlass. Dafür haben wir den Basler Regisseur Laurent Gröflin, die Schriftstellerin Simone Lappert und den Schriftsteller Rudolf Bussmann gebeten, uns ihr Lieblingsgedicht zu schicken. Warum sie ausgerechnet diese Texte besonders schätzen, erläutern sie selber in einem kurzen Kommentar im Anschluss an das Gedicht. Der Poesietag ist für jedermann und kostenfrei von 11 bis 20 Uhr an verschiedenen Orten in Basel zugänglich.

«Zweimal im September» von Nicolas Born

Es hat aufgehört zu regnen
die Markisen des Cafés tropfen
Decken und Klappstühle sind
eingeholt.

Wir können ja hineingehen.

Wasser spritzt von den Autoreifen
und den breiten Schuhen alter Männer.
Lautlos fallen die Vorhänge
lautlos schliessen die Strassen.
Alle Häuser sind erleuchtet.
In einer der nassen Bahnen
fahren wir nach Hause.

Kommentar von Rudolf Bussmann

Nicolas Borns Gedicht bewegt sich zu Beginn hart an der Grenze zur simplen Beschreibung. Hauptsätze, aneinandergereiht wie die Häuser einer Strasse, übersichtlich und auf Anhieb verständlich. Mit dem ersten Abschnitt sind wir mittendrin: Ein Wolkenbruch, der soeben vorbeizog und dessen Folgen noch zu sehen sind.

Dann jedoch folgt ein Nachsatz, der einen unerwarteten Schwenker macht. Menschen stehen vor dem Café, einer von ihnen schlägt vor einzukehren. Das Café wird durch seinen Vorschlag sogleich gastlich und einladend: «Wir können ja hineingehen.»

Im Schlussabschnitt bezeichnet das «Wir» Personen, die zusammen nach Hause gehen. Die städtische Dämmerungsszene um sie herum ist unfreundlich, ja abweisend. Mit dem letzten Satz aber setzen sie sich aus der Einsamkeit der Strasse ab. «Fahren wir nach Hause» klingt wie eine Rettung. Wieder ist es ein «Wir», das die Wende einleitet.

Zwei Regentage im September, beide verlaufen praktisch gleich: Es herrscht eine unfreundliche Stimmung – ein «Wir» meldet sich zu Wort — von ihm geht ein Hauch Wärme und Menschlichkeit aus. Hinter dem «Wir» dürfte sich ein Paar verbergen.

Für mich ist es ein Liebesgedicht. Nicht ein gewöhnliches — gerade weil es so nahe beim Gewöhnlichen ist. Es beschreibt das feine Leuchten, das von zweien ausgeht, die sich mögen, nichts als dieses kaum wahrnehmbare Licht, das sie in die Düsternis tragen, einfach und selbstverständlich. So ist auch die Sprache dieser Zeilen: betont kunstlos. Wie denn die Liebe zur grossen Kunst wird, wenn sie etwas Kunstloses an sich hat.

«Erinnerung an Las Vegas» von Jan Wagner

plötzlich konnten wir sie hören.
in der pause zwischen applaus und dem nächsten stück,
in der kurzen stille, gross und still: die wüste.
plötzlich konnten wir sie hören.

hoch über dem revuetheater hing
der rostende colt des mondes in seinem halfter.
die limousinen glitten lautlos vorüber –
langgestreckte, weisse labyrinthe.

die kalten haifischaugen der swimming-pools…
noch heute sehen wir mit geschlossenen augen
die leuchtreklamen und die bunten lichter
der stadt, die blinkt und blinkt, um nicht schlafen
zu müssen.

die nacht ist in uns.

Kommentar von Simone Lappert

Wenn ich Jan Wagner lese, wird mir das Alphabet zum Kino: Humor und Tiefgang, gestochen scharfe Buchstabenbilder, schnittgenauer Sound. Sein Gefühl dafür, wie Worte klingen, wie sie riechen, schmecken, sich gegenseitig beleuchten, anstatt sich in den Schatten zu stellen.
Allein schon seine goldgeschmiedeten Genitivmetaphern, «der rostende colt des mondes in seinem halfter», «die kalten haifischaugen der swimming-pools», oder andernorts «die ausgeräumte bibliothek des waldes», zeilenweise Bilder, die hängenbleiben, sich verfangen in der Netzhaut und im Trommelfell. Wie polyfone Stimmgabeln für Poesie vibrieren Wagners Gedichte in meinem Innenohr.

«Die Ameisen» von Joachim Ringelnatz

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Kommentar von Laurent Gröflin

Wattenmeer, Krabben, weiter Horizont, Leuchttürme, endlose Strände, wortkarge Fischer, Deiche, herbes Bier und frische Luft für angestaubte Gedanken gehören untrennbar zur Nordsee. Während zweier Jahre habe ich an der Nordsee gelebt, wenige Kilometer von Cuxhaven entfernt. So kam ich in den Genuss dieser erwähnten Vorzüge. Manchmal findet man bei einem Strandspaziergang Treibgut und mit etwas Glück sind es Kostbarkeiten, über welche man da stolpert. Ich habe Joachim Ringelnatz sozusagen als Treibgut entdeckt.

Seither bewahre ich seine Gedichte immer in griffbereiter Nähe. Schliesslich erträgt man das Leben einfach besser mit ein wenig Poesie. Mit Cuxhaven bin nicht nur ich verbunden, auch der Autor des Ameisen-Gedichts hat sich dort aufgehalten: 1917 war Joachim Ringelnatz dort als Leutnant zur See stationiert. Fremdenführer, Bibliothekar, Schaufensterdekorateur oder Buchhalter war er davor gewesen. Er führte ein bewegtes Leben mit Brüchen, schweren und falschen Entscheidungen, verrückten Leidenschaften und grossem Glück. Zutiefst menschlich eben.

Genau das findet sich für mich auch in diesem kleinen Gedicht wieder. Es ist mit einem Humor versehen, der selbst schwierige Wege begehbar macht. Das Gedicht spricht die Erfahrung an, dass der Lebensweg meist nicht so gradlinig verläuft, wie man dachte, und dass die eigenen Pläne manchmal schneller vom Leben über den Haufen geworfen werden, als man Cuxhaven sagen kann. Mit dieser Erkenntnis scheint es manchmal wichtiger, loszugehen, als zu wissen, wo man ankommt.