Literatur
Auf Literaturspur: Wo Dostojewskis Gattin sich langweilte

Martina Kuoni weiss alles über jeden Schriftsteller, der je einen Fuss in die Stadt Basel gesetzt hat. Genau dieses Wissen teilt sie auf ihren Literaturspaziergängen durch die Stadt.

Susanna Petrin
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Martina Kuoni bei einem ihrer Leserundgänge durch die Stadt.

Martina Kuoni bei einem ihrer Leserundgänge durch die Stadt.

Kenneth Nars

Martina Kuoni hampelt bei ihren literarischen Spaziergängen nicht schauspielernd in einem historischen Kostüm herum. Sie verschont einen auch vor Mitmachen, Mitsingen oder anderem Firlefanz. Sogar, wenn das Thema, für das wir uns entschieden haben, «Theater? Theater!» heisst.

Über 30 Spielstätten gebe es heute in Basel, vom Musical-Theater bis zur Baseldytsche-Bihni, führt sie in das Thema ein. Dabei sei die Stadt vergleichsweise spät auf den Theatergeschmack gekommen. Die Katholiken hatten das Theatrale im Blut; in reformierten Kantonen wie Basel dagegen war man dem Medium gegenüber eher skeptisch.

«Basel hat erst in den 1830ern ein Stadttheater bekommen», sagt sie. Davor kannte man hier Zunftstuben für Wandertruppen und Spielleute; sie wurden von Pächtern auf eigenes Risiko betrieben. Das vielleicht bekannteste ist das Ballenhaus an der Theaterstrasse. Noch heute nutzen es Theaterleute: zum Fechten und Turnen.

Spaziergänge und Vorträge

«Theater? Theater!» ist einer von 13 literarischen Spaziergängen in 9 Schweizer Städten, die Martina Kuoni heuer im Angebot hat. 2004 hat die in Basel lebende Germanistin «Literaturspur» gegründet.

Seither bietet sie unter diesem Label - neben Moderationen, Lesezirkeln und Vorträgen - Literaturspaziergänge an. Die Palette an Themen wie Orten erweitert sich stetig.

Das vollständige Programm und weitere Informationen unter: www.literaturspur.ch

Theatersprengung und Starbucks

Wir stehen auf dem Theaterplatz im Frühlingswind. Es dürfte etwa Martina Kuonis 150. Literaturführung sein. Acht Frauen und zwei Männer hören ihr zu, der Altersdurchschnitt beträgt etwa 55 Jahre – das Geschlechterverhältnis sei typisch, sagt sie später, die Kundschaft jünger als üblich.

Erst 1834 bekam Basel also sein erstes Stadttheater, dafür geriet es umso grösser. Es fasste 1300 Plätze. «Erstaunlich für eine Stadt von damals 25 000 Einwohnern», sagt Kuoni und reicht Fotos des von Melchior Berri im klassizistischen Stil erbauten Gebäudes. Weitere Fotos folgen: 1873–1875 wurde an gleicher Stelle ein Neobarock-Gebäude von Johann Jakob Stehlin errichtet. Es brannte 1904 ab. Man baute es wieder auf. 1975 sprengte man es in die Luft. Trotz Protesten. Das heutige Stadttheater stand gegenüber parat.

Gegen die krude nächtliche Zerstörungsaktion war auch Jean Tinguely gewesen. Er konnte aber einzig noch ein paar verkohlte Schrottteile in die Zukunft hinüberretten: Sie wackeln, paddeln und drehen sich heute im Tinguely-Brunnen, dort, wo das alte Theater einst stand.
Eine Starbucks-Angestellte im grünen Schurz und einem Tablett mit kaffeegefüllten Pappbechern unterbricht Martina Kuonis Ausführungen: «Wollen Sie degustieren?» Nur eine Sekunde überlegen wir, ob das zur Führung gehört.

Tut es nicht. Interventionen braucht man im Stadtraum nicht zu planen, sie passieren. Ein Bub jagt schreiend eine Taube über den Theaterplatz, ein Rikschafahrer winkt. Nur Dostojewskis Ehefrau fand Basel todlangweilig, als sie ihren Mann 1867 hierher begleitete – doch diese Anekdote erzählt Martina Kuoni an einer anderen Literaturführung.

Jetzt spricht sie vom legendären Theaterdirektor Werner Düggelin und von Friedrich Dürrenmatt, der ihn zu Beginn als Ko-Direktor und Dramaturg begleitete. Zwei eigenwillige Alphatiere. Dürrenmatt ging 1969 schon nach einem Jahr im Streit, wobei er später trotzdem gesagt haben soll, dass das Basler Theaterjahr eines seiner besten gewesen war. Ein paar Meter weiter unten folgt die Geschichte von den sieben anonymen Frauen, die das Schauspielhaus Basel finanzierten.

Dann biegen wir in die Steinenvorstadt, eine Strasse, die an allen anderen ihrer Literaturtouren nichts hergibt, und schauen auf die historische Fassade des Küchlins. In den 1920er und 30ern traten hier drin die Stars des Variétés auf.

Martina Kuoni ist nicht der Typ Showfrau, eher das Gegenteil: seriös, bescheiden, zurückhaltend. Doch sie weiss zu unterhalten mit dem, was sie hat: mit ihrem riesigen Wissen über die Geschichte der Literatur und der Autoren, hier und anderswo. Konzis zusammengestellt, bereichert mit Anekdoten, Bildern, vorgelesenen Textpassagen aus Büchern. Zwei mal sogar in einem Baseldytsch, für das sie sich entschuldigt. Die Churerin lebt zwar bereits seit rund 25 Jahren hier, der Bündner Dialekt ist geblieben.

«Bertolt Brecht war vielleicht nicht genau hier, aber in der Nähe.» Jetzt stehen wir am Gemsbrunnen. Kann schon sein, dass Brecht bei seinem Besuch des Morgenstraichs 1949 hier vorbeigelaufen ist. Das Archaische habe ihn am Erlebnis fasziniert.

Umgekehrt waren die Basler 25 Jahre zuvor eher enttäuscht gewesen von seinem Auftritt im Theater: Sein «Trommeln in der Nacht», das hatten sie sich anders vorgestellt; die Fasnachtstrommler, die zur Verstärkung gekommen waren, zogen ungetrommelt wieder ab. Brecht hatte sich nach dem Fasnachtsbesuch vorgenommen, ein Basler Stück zu schreiben, «Der Tod von Basel», doch dazu kam er dann nie.

Ein neuer Herwegh-Rundgang

Es macht Spass, mit Martina Kuoni durch die Stadt zu laufen und erklärt zu bekommen, wer hier was wo getan und gesagt hat, was hier wann Besonderes geschah. Am Ende fühlt man sich beglückt, bereichert. Und will unbedingt wieder mal teilnehmen, an einem ihrer Literaturspur-Spaziergänge. Vielleicht am 24. September beim Klassiker «Hotelzimmer als Schreibstuben», um endlich zu erfahren, wer neben Thomas und Katia Mann sonst noch im «Trois Rois» logierte und schrieb. Oder schon am 18. Mai bei der schriftstellerischen Betrachtung Basels als «Stadt an der Grenze».

Einen ganz neuen Rundgang hat Martina Kuoni zudem erarbeitet, er wird am
1. Juni in Liestal Premiere haben: «Emma und Georg Herwegh», anlässlich des 200. Geburtstags des Schriftstellerpaars. Im Beschrieb steht: «Ihr Einsatz für das Ideale war stets total.» Nicht zuletzt geht es auch Martina Kuoni um Werte. Bildung, Kultur, Humanismus, was Basel schon früher ausgezeichnet habe, «nur das kann doch die Zukunft sein.»