Unter Druck

Auf verlorenem Posten: Gabriel Barell manövriert sich politisch ins Abseits

Gewerbedirektor Gabriel Barell steht politisch zunehmend isoliert da.

Gewerbedirektor Gabriel Barell steht politisch zunehmend isoliert da.

Gabriel Barell steckt in der Sackgasse. Regelmässig greift er die rot-grüne Regierungsmehrheit frontal an, auch bei Themen, die gar nichts mit dem Gewerbe zu tun haben. Entsprechend hat der Gewerbeverband viel an Goodwill verspielt.

Die Ernüchterung kurz nach zwölf Uhr am vergangenen Sonntag war gross bei Gewerbedirektor Gabriel Barell. Das Referendum gegen den Umbau des Lysbüchel-Areals war mit nicht einmal 40 Prozent Zustimmung völlig chancenlos. Dabei war es für den Gewerbeverband eine Niederlage mit Ansage. Spätestens als die Handelskammer beider Basel – als die Schwesterorganisation – die Ja-Parole zu Lysbüchel beschloss, hätten beim Gewerbeverband alle Alarmglocken läuten müssen. Dasselbe gilt für den Seitenwechsel der bürgerlichen Partei LDP einige Monate zuvor. Ein Hauptgrund: «Der Gewerbeverband hat bei uns einen sehr sturen Eindruck hinterlassen», sagte der zuständige Kommissionspräsident Jeremy Stephenson, wahrlich kein verkappter Linker – nach den Verhandlungen über Lysbüchel.

Den Kompromiss verpasst

Dabei war der Masterplan ganz ein anderer: Nachdem man die Muskeln spielen liess, hätte der Gewerbeverband auf einen Kompromiss einsteigen können und sich so als kooperativer Partner auf Augenhöhe präsentieren können. Barell aber drückte derart aufs Gaspedal, dass er mehrfach die Ausfahrt verpasste. Zum Kompromiss ist es nie gekommen. Die daraus folgende Niederlage ist die bisher schwerste für den Gewerbedirektor, der vor fünf Jahren die Nachfolge des verstorbenen FDP-Nationalrats Peter Malama angetreten hatte.

Gleichzeitig ist der Verlauf bezeichnend für die politische Sackgasse, in die sich Direktor und Verband manövriert haben. «Barell und dem Verband fehlen völlig das Gespür, wie Basel politisch tickt», sagt ein langjähriges Mitglied des Gewerbeverbands. Das offensichtlichste Beispiel: Nicht einmal die Hälfte des Vorstands des Gewerbeverbands Basel-Stadt kommt aus dem Kanton. Die anderen Mitglieder wohnen in Binningen, Oberwil, Rheinfelden, Liestal, oder Duggingen. Auch Barell selbst, der im Laufental aufwuchs, wohnt in Binningen.

Ein Unterschied im Vergleich zu seinen Vorgängern Peter Malama und Christoph Eymann, die beide in der Stadt verwurzelt waren. «Es ist ein schwieriges Amt», sagt LDP-Nationalrat und alt Erziehungsdirektor Eymann, der dem Basler Gewerbeverband von 1984 bis 2001 vorstand. Es brauche politisches Gespür für eine sehr heterogene Basis. Das wäre es, was Eymann Barell raten würde: «Er soll sich in seinem Kurs und Stil nicht zu sehr an die SVP annähern. Die Gewerbepolitik verlangt mehr Flexibilität, manchmal muss man sich sogar gegen den bürgerlichen Mainstream stellen.»

Gegen die rot-grüne Regierung

Gleichzeitig ist Barell im Unterschied zu seinen Vorgängern kein sonderlich politisch denkender Mensch. Der frühere Banker hat nie ein Amt bekleidet und ist Geschäftsmann geblieben. Während Malama als Direktor die politische Richtung vorgegeben habe, werde die Agenda nun stark vom Vorstand geprägt, so Insider. «Oft ist der Frust einzelner Mitgliedern ausschlaggebend für das Vorgehen des Verbands.»

Gleichzeitig hat Patrick Erny, der Leiter Politik, grosse Gestaltungsfreiheit. Er gilt als politischer Scharfmacher, irgendwo zwischen FDP und SVP. Selbst Mitstreiter in den bürgerlichen Parteien, die regelmässig von ihm gebrieft werden, nerven sich ab seiner «rechthaberischen Tonart». Legendär ist in politischen Kreisen seine Wahlempfehlung von 99 «gewerbefreundlichen» Grossratskandidaten für die Wahlen 2016 – inklusive ihm selbst. Gerade mal einer von der Liste wurde neu ins Kantonsparlament gewählt. Erny selber rangierte unter «Ferner liefen».

«Früher hatte der Gewerbeverband die Interessen der Mitglieder im Fokus. In den vergangenen Jahren wurde versucht, das Gewerbe gegen die rot-grüne Regierungsmehrheit zu positionieren.» Zwei Beispiele aus diesem Jahr: Anfangs 2018 beschloss der Gewerbeverband die JaParole zur No-Billag-Initiative und exponierte sich zudem im Komitee für eine Kürzung der Ruhegehälter für Ex-Regierungsräte – Vorlagen, die mit Gewerbepolitik wenig zu tun hatten «Das sorgte auch bei bürgerlichen Politikern für Stirnrunzeln», sagt ein ebensolcher. «Regelmässig fehlt das nötige Fingerspitzengefühl für den politischen Kompromiss», heisst es aus dem bürgerlichen Lager.

Wenig erfolgsversprechend

Auch die angriffigen Ansprachen am Neujahrsapéro des Gewerbeverbands haben Barell den Ruf eines «Polteris» eingetragen. «Gewerbler finden das schon gut, wenn Kritik am Staat geäussert wird», kommentiert ein Wirtschaftsvertreter. Nur: Zu gewinnen gibt es für Barell bei all den Beispielen nicht viel. Gleichzeitig hat der Direktor das politische Kapital des Gewerbeverbands verspielt. Während Malama kein Problem hatte, auch SP-Kandidaten zu portieren und Christoph Eymann noch heute auch in linken Kreisen geschätzt wird, ist seit dem Amtsantritt von Barell das Geschirr zerschlagen.

Definitiv die Stunde der Wahrheit schlägt für den Gewerbeverband, wenn im kommenden Jahr dessen zwei Verkehrsinitiativen an die Urne kommen.

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