Da war sie also wieder. Die deutsche Überheblichkeit, die wir so lieben. Und vor der selbst der seriöse «Kicker» nicht gefeit ist. «Als die Mannschaften den Platz betreten, ist es so laut wie bei einem Bezirksligisten», mokiert sich das Magazin über die Ambiance bei einem Meisterschaftsspiel im St. Jakob-Park. Der Leser erfährt, dass es im Stadion des Schweizer Meisters im selben Stil zugeht wie in Deutschlands sechster Liga. Wo zum Beispiel der SV Edenkoben spielt.

Gewiss, im direkten Vergleich hinken die Schweizer Fussballer den Deutschen deutlich hinterher. Seit 1956 haben sie bei 18 Versuchen kein Länderspiel mehr gewonnen, und auch im Europacup sind Siege rar; hat der FC Basel sieben von elf Partien verloren und im Duell mit den Bayern 2010 beide Male den Kürzeren gezogen. Doch die Hoffnung lebt, dass es auch anders geht. Der monumentale 2:1-Sieg über Manchester United hat bewirkt, dass gemäss einer Umfrage auf der Klubhomepage 71 Prozent der Basler Fans mit einer Viertelfinalqualifikation ihres FCB rechnen.

Bayern weiter in der Favoritenrolle

Natürlich, Fans sind nicht immer ganz objektiv und bei Lichte betrachtet sind die Bayern trotz ihrer derzeit etwas beklagenswerten Verfassung weiter in der Favoritenrolle. Doch der einst für Edenkoben spielende Basler Trainer Heiko Vogel weiss auch, dass der aktuelle sportliche Unterschied zwischen den beiden FCB weit geringer ist, als es der Budgetvergleich von 60:368 Millionen Franken vorgaukelt. «Mit dem grössten Selbstvertrauen fahren wir nun natürlich nicht nach Basel», liess Bayerns Captain Philipp Lahm nach dem 0:0 in Freiburg ganz neue Töne hören. Die «Mia-san-mia-Mentalität» ist angekratzt und Spötter haben sie schnell in «Mia san Dritter» oder «Mia san uns im Weg» umgeschrieben.

Aber aufgepasst: Mehr noch als alle anderen Vereine sind vermeintlich angezählte Bayern befähigt, zurückzuschlagen. Zumal, wenn sie den Final vom 19.Mai im eigenen Stadion vor Augen haben. Und gewinnen sie, die bis auf Schweinsteiger in Bestbesetzung antreten, im St.Jakob-Park und danach im Heimspiel gegen Schalke, dann heisst es in der Allianz Arena schnell wieder: Mia san mia.

Ist im Dezember die Heimpartie der Basler gegen Manchester United schon zum wichtigsten Spiel der Klubgeschichte ausgerufen worden, so wird vor diesen ersten Achtelfinals einer Schweizer Mannschaft in der Champions League noch eine Schippe draufgelegt und von einem Jahrhundertspiel gesprochen. Ohne den verdienten Kämpen von YB und dem FCZ, die einst sogar gegen Reims und Liverpool im Halbfinal des Meistercups standen, zu nahe zu treten, so sind die Partien gegen die Bayern von heute und in drei Wochen die bedeutendsten, die je eine Schweizer Mannschaft ausgetragen hat.

Weil heute Abend mit Marseille gegen Inter Mailand nur noch eine weitere Begegnung stattfindet, ist der europäische Fokus auf den St. Jakob-Park gerichtet wie noch nie. Der Schweizer Fussball hat nach dem Exploit gegen Manchester eine weitere Chance, sein Prestige massiv aufzuwerten. Dieses hat mit den Fällen Sion und Xamax doch arg gelitten.

Enorme finanzielle Bedeutung

Hinzu kommt die enorme finanzielle Bedeutung der Champions League. Die knapp 30 Millionen Franken, die der FC Basel in diesem Wettbewerb in dieser Saison schon mal auf sicher hat, werden den Krösus in der Schweiz weiter in einer eigenen Liga spielen lassen. Zusammen mit den Einahmen von 2003 (28 Millionen Franken), 2008 und 2010 (je 19) nähert sich die Basler damit der 100-Millionen-Grenze an Königsklassegeldern. Mit den 7 Millionen, die es für die Viertelfinalqualifikation gäbe, wäre sie bereits überschritten.

Doch die Basler tun gut daran, so zu bleiben, wie sie sich zuletzt präsentiert haben: demütig. Sie und alle Fussballfans sollten sich in erster Linie einmal darüber freuen, dass es nach 2010 erneut zur Affiche FCB – FCB kommt. Zum Duell der Freunde Bernhard Heusler - Karl-Heinz Rummenigge, Marco Streller - Philipp Lahm, Aleksandar Dragovic - David Alaba und zum Auftritt von Xherdan Shaqiri gegen seinen künftigen Arbeitgeber. Aber nach 69 Tagen der Vorfreude ist es jetzt an der Zeit, dass sie endlich da ist, die nächste magische Europacupnacht.