14. Juli
Aufruhr im Elsass und Flüchtlinge in Basel

Am 14. Juli 1789 wurde in Paris das Gefängnis gestürmt – nicht weniger interessant ist, was sich damals in unserer Region abspielte.

Martin Schaffner*
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Synagoge in Hirsingue
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Synagoge in Hirsingue

Kenneth Nars

Wozu sollen wir uns an die Sommermonate des Jahres 1789 erinnern? Wegen der unzähligen wahren und darum packenden Geschichten, die damals überall in Europa geschrieben wurden, auch in unserer Region. Die folgende beginnt in Paris und endet in Basel. Am Nachmittag des 14. Juli 1789, es war ein Dienstag, das Wetter eher kühl, der Himmel bedeckt, stürmte in Paris eine erregte Menge die als Gefängnis genutzte alte Stadtfestung der Bastille. Sie stiess auf wenig Gegenwehr, befreite die sieben Gefangenen, die dort untergebracht waren, und steckte den Gebäudekomplex in Brand. Militärisch und auch im Blick auf die weitere Geschichte der Revolution war die Erstürmung der Bastille ein eher unbedeutender Vorgang.

Umso spannender, dass dieses Ereignis zum Symbol der Revolution schlechthin erhoben wurde und 1880 – in Erinnerung an das Föderationsfest von 1790 - zum französischen Nationalfeiertag des Quatorze Juillet ernannt wurde. Doch soll heute der Fokus auf das Elsass, genauer den Sundgau, gerichtet sein, auf Vorgänge in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stadt Basel. Denn die Französische Revolution, ihren Verlauf und ihre Dynamik kann man nur verstehen, wenn man die Hauptstadt Paris verlässt und beobachtet, was sich im Sommer 1789 in der Provinz abspielte.

Heftiger Hass gegen Juden

Wie anderswo in Frankreich brechen im Juli 1789 auch im Elsass Bauernrevolten aus, die sich rasch ausbreiten. Auch im Sundgau bilden sich Gruppen wütender, bewaffneter Bauern. Am 22. Juli verjagt eine aufgebrachte Menge den Amtmann von Ferrette. Die Aufständischen plündern die Kasse und verbrennen die Dokumente, die ihnen in die Hände fallen. Von da an ist das Oberelsass im Aufruhr. Schlösser, Klöster und Abteien werden gestürmt, die Papiere von Gutsbesitzern, Gemeindeverwaltungen, Notaren und Steuerbeamten vernichtet.

Im Dorf Hirsingen, etwa 20 Kilometer von Basel entfernt, vertreiben die Bauern den örtlichen Gutsherrn, den Grafen Fortunatus von Montjoie-Hirsingen, der im Gemeindebann viele Güter und Rechte besitzt. Gemäss der lokalen Überlieferung musste der Graf im Nachthemd und in Pantoffeln durch einen unterirdischen Gang fliehen. Er setzt sich nach Basel ab, wo er ein Haus besitzt und stirbt dort 1791. Das Schloss wird geplündert, später abgerissen, damit, wie es hiess, der Graf nicht zurückkehren könne. Die Bauern hassten den Gutsherrn, weil er sie beim Bau des Schlosses zur Leistung von bis zu fünfzig Frontagen, das heisst zu unbezahlter Arbeitsleistung, gezwungen hatte, wie sie in einer Klageschrift an den obersten Beamten des Königs festhielten.

Nachdem die Armee nach wenigen Wochen Ruhe und Ordnung wiederhergestellt hatte, wurden 64 Personen verhaftet und ihre Anführer zum Tod am Galgen, zu Galeerenstrafen und zu Gefängnis verurteilt. Die Revolution war eben noch nicht zu Ende. Doch hatte sie dazu geführt, dass die Bauern ihre Forderungen artikulierten, etwa in den «Cahiers de doléances» (Beschwerdeschriften) an den König. Auch aus Hirsingen ist ein solches Dokument erhalten. Darin geht es unter anderem um die Nutzung der Wälder, um Weide- und Jagdrechte und um die Abschaffung von Frondienst und Gebühren.

Ein Aspekt des Protests und der bäuerlichen Forderungen aus dem Elsass gibt uns heute besonders zu denken: der Hass gegen die Juden. Die Wut, die sich gegen sie richtet, ist heftig und aggressiv. Die Juden werden angegriffen, weil sie als Wucherer gelten, ihre Häuser werden geplündert. Die erschrockenen und äusserst besorgten Basler Behörden bieten wegen der Unruhen 150 Mann Landmiliz auf und verstärken die Grenzkontrollen. Ein Gallus Buchmann, 27, Küfer aus Folkensburg, gerät auf Basler Gebiet und wird in Binningen festgenommen.

Im Verhör sagt er aus: «Es seyen eine Menge Leute von Michelbach, Ranspach, Bettlach, Fiesslach, Wenzwyl, Neuwiler, Lutter und anderen umliegenden Dörfern zu ihnen ins Dorf gekommen und haben sie, die Folkenspurger, geheissen mitgehen. Da sey er auch mitgegangen und nach Hagenthal gekommen, allwo diese Leute an den Juden grausame Gewalttätigkeiten verübt und ihren Hausrath und Sachen theils zerschlagen, teils genommen».

Aus dem Fortgang des Verhörs, dessen Protokoll erhalten ist, ergibt sich, dass der Mann aus Folkensburg sich des Unrechts an den Juden bewusst ist. Er versucht, sich zu entlasten. «Er sey», sagt er aus, «in seines Schwähers ... Haus gegangen, allwo zween Juden, sich mit ihren Betten und Hausrath gefüchtet hatten. Bey diesen Leuthen sey er die ganze Nacht geblieben, welche ihm diesen Jammer erzählt hätten».

Als die Plünderungen und Verwüstungen der Judenhäuser am folgenden Tag weitergingen, habe er jedoch «keine Hand angelegt, sondern nur mit einigen Bekannten in den Judenkellern Wein getrunken». Als die Folkensburger am Abend das gestohlene Gut auf vier Wagen verluden, habe er «bloss ein Känsterlein (Schrank) und eine Bettladen ... auf einen Wagen geladen, jedoch mit dem Vorsatz, falls jemand diese Sachen reclamire, so wolle er sie wieder erstatten».

Dankgebete für Basel

Im «heissen» Sommer 1789 waren es weniger die Städte als die Landgebiete Frankreichs, die in vollem Aufruhr waren. Nicht zuletzt, um die Ruhe wiederherzustellen und die Autorität des Staates durchzusetzen, fasste die Versammlung des Dritten Standes in Paris jene Beschlüsse, die wir noch immer als Errungenschaften der Revolution betrachten (Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte, Aufhebung der Feudallasten).

Zu diesen folgenreichen Grundsatzbeschlüssen zählt auch die von der Assemblée nationale 1791 (gegen Widerstände aus dem Elsass) beschlossene rechtliche Gleichstellung der Juden. Dennoch darf nicht in Vergessenheit geraten, dass zu den ersten Opfern der Revolution die elsässischen Juden gehörten, was mit ihrer Stellung im Königreich Frankreich und der Provinz Alsace zu tun hatte. Doch zurück zu den Vorgängen im Sundgau.

Um den Verfolgungen zu entgehen, fliehen viele jüdische Männer, Frauen und Kinder aus den Sundgauer Dörfern zunächst auf das benachbarte Solothurner Gebiet, wo sie jedoch kurzerhand abgewiesen werden. Anders die Stadt Basel. Sie nimmt die Flüchtlinge auf und bringt sie in Herbergen und Familien unter. Nachdem die Armee wenige Wochen später wieder für Ruhe und Ordnung gesorgt hat, kehren die Vertriebenen in die Dörfer zurück.

In den Synagogen des Sundgaus werden Dankgebete für die Stadt Basel gesprochen. Einige davon wurden verschriftlicht und dem Basler Rat zugestellt (und sind darum im Staatsarchiv erhalten).

Die Hilfsbereitschaft gegenüber den verfolgten Juden wird weitherum beachtet. Der in Berlin lebende jüdische Kaufmann, Erziehungsreformer und Schriftsteller Hartwig Wessely verfasst im September 1789 ein Gedicht in hebräischer Sprache, in dem er die Stadt Basel anspricht: «Basel! Du hast dies vor aller Welt bestätigt, am Tage, da die Verfolgten bei Dir Hilfe gefunden haben, am Tage, da Du Dich mit Menschenliebe wie mit einer Krone schmücktest. Israels Verfolgung sahst Du, Du sprangst in die Bresche. Das Volk, das Du Generationen hindurch Dir ferne hieltest, Als es in Bedrängnis kam, regte sich Dein Erbarmen ...».

Hier endet die Geschichte aus dem Sommer 1789, aber nicht die Geschichte von Basel als Zufluchtsort. Die muss erst noch geschrieben werden.

* Martin Schaffner ist emeritierter Professor für Geschichte der Universität Basel