Sie wollen Gleichberechtigung – auf der ganzen Linie! Die bz hat vier Basler Feministinnen aus vier Jahrzehnten dieselben Fragen gestellt: SP-Ständerätin Anita Fetz (61), Schauspielerin (SufragettenBlues) Bettina Dieterle (53), Geschlechterforscherin und Bloggerin Franziska Schutzbach (40) und Franziska Stier (33), Mitinitiantin des «Feministischen Streiks Basel». Die Frauen sind sich nicht in allen Punkten einig – aber in den meisten.

 

Braucht es nach 1991 auch 2019 wieder einen feministischen Streik?

Für alle ist klar: «Ja, unbedingt!» Bettina Dieterle malt sich aus, was wäre, wenn alle Schweizer Frauen – von der Professorin bis zur Frau, die ohne Lohn kocht und putzt – eine Woche lang die Arbeit niederlegen würden: «Da ginge plötzlich gar nichts mehr!» Franziska Stier rechnet vor: «Frauen arbeiten in der Schweiz gleich viele Stunden wie Männer – und trotzdem verfügen sie nur über rund die Hälfte des Einkommens der Männer.» Für Anita Fetz ist es «höchste Zeit», dass sich Frauen «wieder einmal offensiv und sichtbar für ihre Rechte einsetzen». Und Franziska Schutzbach sagt, es sei ein Mythos, dass die Gleichstellung erreicht wäre: «Frauen- und geschlechterpolitische Anliegen kommen in Schweizer Parlamenten durch die rechtskonservativen Mehrheiten kaum oder nur mit unglaublichen Kraftakten durch.» Sie hofft, dass ein Streik zur Abwahl von Verantwortlichen führt.

Welches sind die drei dringendsten Probleme in Sachen Gleichstellung?

Auch da antworten alle gleich: Lohngleichheit! Ebenfalls sagen alle, die Vereinbarung von Familie und Beruf müsse endlich Realität werden. Auch der Kampf gegen Sexismus und Gewalt an Frauen gehört für die Baslerinnen zu den dringendsten Problemen. «Frauenrechte sind universelle Menschenrechte, die nicht durch religiös-patriarchalische Regeln relativiert werden dürfen», sagt Anita Fetz – und macht ein Beispiel: «In arabischen Ländern landen viele Gleichstellungsaktivistinnen für ihren Kampf gegen Burka- und Kopftuchzwang im Gefängnis. Ihnen gehört meine Solidarität, nicht den wenigen Burkaträgerinnen hier.» Bettina Dieterle stellt einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Macht her: «Wir müssen über Macht reden!»

Bringt #MeToo etwas?

Ein deutliches «Ja!» von allen vier Feministinnen – wobei Franziska Schutzbach nicht auf das Thema eingeht, ihre Mitstreiterin Franziska Stier hingegen schon: «#MeToo hat die Forderung vieler internationaler Frauenbewegungen nach körperlicher und emotionaler Unversehrtheit ‹digitalisiert› und aufgezeigt, wie viel Sexismus und Gewalt wir eigentlich aushalten müssen.» Nun müsse gehandelt werden, «von #MeToo zu #WeDo sozusagen», sagt Stier.

Anita Fetz ist erstaunt, dass sich viele Männer durch #MeToo angegriffen fühlten. Sie fragt: «Warum eigentlich? Jeder spürt doch den Unterschied, ob ein Flirtversuch ankommt oder nicht.» Sie wünscht sich von «der Mehrheit der anständigen Männer», dass diese jene Frauen unterstützen, die «blöd angemacht» werden. Bettina Dieterle sagt, sie kenne einige Frauen, die Angst hätten, ihren Vergewaltiger anzuzeigen, weil sie befürchteten, bei einem Prozess an ihre psychischen Grenzen zu stossen. Entsprechend wichtig sei es, dass durch Bewegungen wie #MeToo nun über Tabuthemen wie sexuelle Gewalt debattiert würden.

Unter #menaretrash (Männer sind Müll) diskutiert das Netz über Gewalt an Frauen – und provoziert anti-feministische Kommentare. Braucht es heutzutage solche Slogans, um auf ein Thema aufmerksam zu machen? Oder wäre eine «sanfte» Variante zielführender?

Hier sind sich die Frauen nicht ganz einig. Während Anita Fetz findet, das sei «grober Blödsinn, der uns keinen Millimeter weiterbringt» und Bettina Dieterle dasselbe sagt, nur in anderen Worten, hält Franziska Stier die Frage für «schwierig». Man dürfe den Kontext nicht vergessen und dass die Gewalt, der Frauen ausgesetzt seien, «enorm ist». Allerdings seien es nicht nur Männer, sondern «auch die Strukturen unserer Gesellschaft, die Frauen und queeren Menschen Gewalt antun», sagt Stier.

Anita Fetz dazu: «Nur, weil Gewalt gegen Frauen zu etwa 90 Prozent von Männern ausgeübt wird, heisst das nicht, dass alle Männer gewalttätig sind. Es gehört zu den zivilisatorischen Errungenschaften, zu differenzieren – auch für Feministinnen.»

Auch für Bettina Dieterle sind Männer nicht «an allem Schuld». Sie selber lebe eine glückliche und gleichberechtigte Partnerschaft. Sie sieht jedoch eine Gefahr im europäischen «Rechtsruck». Diesbezüglich teilt sie die Meinung von Franziska Schutzbach, die sagt: «Auch für Männer sind die rechtskonservativen Zustände verheerend. Auch ihnen wird diese Politik nicht gerecht – sei es als moderne Väter, Arbeitnehmer, Menschen.»

Warum besteht im Jahr 2018 noch keine Gleichstellung?

Franziska Stier stellt eine Gegenfrage: «Wie soll Gleichstellung entstehen, wenn die Bereiche, in denen vor allem Frauen tätig sind, keinerlei gesellschaftliche Anerkennung erfahren?» Bettina Dieterle stellt fest: «Die Schweizer sind ein konservatives und ängstliches Volk.» Werfe man einen Blick auf «unsere Parlamente», müsse man feststellen: «Unsere Politiker sind kein gutes Vorbild.»

Politikerin Anita Fetz macht mehrere Faktoren verantwortlich: «In der Öffentlichkeit dominieren seit der Finanzkrise 2008 andere Themen: Bankenrettung mit Steuermitteln, Abzocker-Saläre, Globalisierung, Terrorismus, Syrienkrieg, Flüchtlingskrise – da erscheinen die Gleichstellungsthemen als ‹nice to have›.» Sie bedauert zudem die Frauenminderheit «im harten Terrain von Politik, Medien, Wirtschaft und technischen Berufen».

Und Franziska Schutzbach findet, die Schweiz habe nicht aufgeholt, dass Frauen durch das späte Stimmrecht so spät erst die politische Landschaft mit gestalten konnten. «Diese historische Situation ist unter anderem ein Grund, weshalb wir in der Schweiz mit allem so spät sind. Frauen konnten erst extrem spät Themen setzen, ihre Interessen vertreten.» Das wirke sich bis heute massiv aus.

Was erhoffen Sie sich von einem Frauenstreik?

Der Tenor ist klar: «Schwung! Aufmerksamkeit! Aufstand!» Anita Fetz erhofft sich «einen Energieschub für die Engagierten», wie 1991, als sie selber auf der Strasse kämpfte und teils Erfolg hatte, «auch wenn noch nicht alles erreicht ist». Franziska Schutzbach wünscht sich, dass sich die Streikbewegung auf den Strassen in die Parlamente überträgt. «Aus meiner Sicht sollte auch zu einem Wahlstreik aufgerufen werden, dazu, die blockierende rechtskonservative Dominanz zu verschieben», sagt sie.

«Neue Impulse und Solidarität» wünscht sich Bettina Dieterle. Sie möchte auch «Männern begegnen, die offen sind und Lust haben auf Veränderung». Mitinitiantin Franziska Stier erhofft sich «eine feministische Bewegung, die auf allen gesellschaftlichen Ebenen ernst genommen wird». Zudem wünscht sie sich ein «griffiges Gesetz, das Lohngleichheit ermöglicht».

1. Vernetzungstreffen: Dienstag, 25. September, 18.30 bis 21.30 Uhr im Gewerkschaftshaus an der Rebgasse 1 in Basel.