Marco Näf hat genug. Genug von Argwohn, Missgunst und Hass gegenüber Flüchtlingen. Genug auch von den Menschen hier, die ihren Arsch nicht hochkriegen, ihr Leben über Likes und Klicks im Internet definieren. Genug von der Wohlstandsgesellschaft.

Marco Näf ist Bassist in der Basler Alternativ-Rockband Navel. Ende Sommer hat er den Verein «Get up off your butt» gegründet. Ein Verein, dessen Name Programm ist: hinsehen und handeln statt zuschauen und abwarten. «Wir möchten die Leute aufwecken, sie aus ihren Schlössern locken», sagt er. Am Sonntag findet in der Kaserne die erste Benefiz-Veranstaltung des Vereins statt: mit Konzerten, Infoständen und Aktionen zugunsten der Flüchtlingshilfe.

Marco Näf spricht ruhig, langsam, überlegt. Er macht sich Gedanken, hinterfragt sich selber, sein Umfeld und die Gesellschaft. Fragt sich, welche Steine er in seinem Rucksack mit sich herumträgt, führt sich vor Augen, dass das Leben, das er und wir hier führen, nicht selbstverständlich ist. «Natürlich ist unsere Veranstaltung am Sonntag für die Flüchtlinge und die Einnahmen fliessen in ein Hilfsprojekt von Terre des hommes», sagt Näf. «Aber sie ist auch für die Menschen hier.» Er hofft, die Leute an der Wurzel zu berühren, bei ihnen einen Schalter umzulegen und möchte an den gesunden Menschenverstand appellieren. «Es geht darum, dass wir uns wieder einmal bewusst werden, dass wir alle Menschen sind. Der Westen mitverantwortlich ist und unser Reichtum auch auf Kosten anderer entsteht.»

Alles nur ein Hype?

Am Anfang von «Get up off your butt» steht ein Eintrag auf der Facebook-Seite von Navel: Am 22. August fragt Marco Näf, wer sich ihm anschliessen möchte, um ein Charity-Konzert zu organisieren. Gerade heraus. Ohne vorher mit jemandem darüber zu sprechen. Nach vier Tagen haben sich bereits elf Bands und etwa 30 Helfer gemeldet.

***GET UP OFF YOUR BUTT!!!***Who wants to help us to organize a Charity Concert?Musicians, Bands, Bokkers, Labels,...

Posted by Navel on Samstag, 22. August 2015

Navel: Charity Aufruf

«Theoretisch hätte ich schon nach einem Monat ein ganzes Festival auf die Beine stellen können», sagt Näf. Aber er wollte warten, ein Fundament aufbauen. Denn die Arbeit des Vereins soll nachhaltig sein, nichts Einmaliges. Als er später das Datum bekannt gab, wurde prompt Kritik laut. Ein Benefiz-Konzert. Ende November. Viel zu spät. Man müsse doch jetzt und sofort etwas machen. «Das ist typisch», findet Näf. «Nur weil ein Thema über Wochen in den Medien präsent ist, entsteht ein Hype und alle wollen sofort helfen. Als ob es jetzt schon zu spät wäre.» Der Winter stehe vor der Tür und Tausende von Menschen sind nach wie vor unterwegs oder harren in den Flüchtlingslagern im Balkan und an der syrischen Grenze aus, während unterdessen die Attentate in Paris die Schlagzeilen beherrschen.

Ohne Gage, Ruhm und Ehre

Die Veranstaltung am Sonntag soll keine Gala sein, kein schillernder Celebrity-Event. Auch für die Bands gehe es nicht darum, sich zu präsentieren. Sie setzen ein Zeichen für die Menschlichkeit und gegen die Angst. Ohne Gage, ohne Ruhm und Ehre.

Im Zentrum steht aber nicht nur die Musik. Im Rossstall wird eine Begegnungszone eingerichtet. Hier stellen sich verschiedene Organisationen vor, die sich in irgendeiner Form für Flüchtlinge einsetzen. Im Gespräch mit direkt Betroffenen – in der Living Library – hat man zum Beispiel die Möglichkeit, sich vertieft mit der Thematik auseinanderzusetzen. «Wir möchten nicht einfach Musik machen und Geld sammeln, sondern konkret aufzeigen, dass die Situation in den Krisenländern uns alle betrifft und wir alle etwas tun können», sagt Näf.

Aufwachen eben. Den Arsch bewegen.