«It’s a miracle.» Es ist ein Wunder. Boy George lebt, ist gesund, isst gesund und singt und tanzt. Da, das ist er, auf der Bühne der Basler Event-Halle. Spult die bekannten Lieder ab, flirtet mit dem Publikum: charmant, routiniert, schlagfertig. Wie gewohnt bei den Konzerten der Baloise Session: Alles ist gut, alles läuft nach Plan, alles ist sehr clean. Auch Boy George ist es nun seit vielen Jahren. Nüchtern gehts besser, sagt er selber. Gerade hat er seine Musikkarriere neu gestartet. Eine Boy-George-Renaissance, eine Culture-Club-Reanimation. Am Mittwochabend gaben er und seine erweiterte Band ihr einziges Europakonzert dieser Tournee in Basel.

Es ist ein Wunder. Boy George ist das Popgesicht der 80er-Jahre. Ist eine Musik-, Mode-, LGBT-Ikone jener Zeit. Viel Kajal, viel Hut, viel alles. Sein androgyner, schrill-glamouröser Stil war damals gewagt. Sein Coming Out mit 15 auch. Er probierte sich aus, er gründete eine Band, bald eine andere, Culture Club. 1982 sang man unter jeder Dusche «Do You Really Want To Hurt Me», 1983 «Karma Chameleon». Abstürze folgten auf Aufschwünge. Er hing an der Nadel, er stand vor Gericht, er sass im Gefängnis. Nun trinke er seit acht Jahren nicht mal mehr ein Glas Wein. Boy George war schon immer extrem.

Zurück in die 80er

Eine Zeitreise in die 80er ist dieses Konzert also, in die eigene Jugend. Nichts Aussergewöhnliches heute: Wer damals nicht am eigenen Lebensstil gestorben ist, der tritt oft weiter auf und auf, abgehärtet und gut konserviert. Bei Culture Club war nur die Pause dazwischen etwas länger, viel länger. 2014 raufte die Band sich zum ersten Mal wieder zusammen. Jetzt sind sie plötzlich wieder da – oder wir wieder dort. 1982. Boy George schaut ins Publikum und sagt: «Einige von euch sind zu jung, um sich zu erinnern.» Kurze Pause: «Or you had a lot of work done» – oder ihr habt viel machen lassen. «Ihr schaut immer noch so gut aus! Wahrscheinlich die Schweizer Luft und roher Honig.»

Für seine Verhältnisse ist Boy George nun ein gemässigter, sympathischer, 55-jähriger Herr. Er trägt immer noch hohe Hüte und dunklen Lidschatten. Dreimal wird er sich während des Konzerts umziehen – Hose, Hemd, Jackett, Hut. Stets derselbe bauchkaschierende Schnitt, dasselbe Muster: lauter «x» und «o», wie im Spiel Tic Tac Toe. Er hat alle Felder angekreuzt, hat alle Spiele gewonnen.

«Karma Chameleon» habe ihm sein Haus bezahlt, sagte er in einem Interview, «also seine fünf Häuser». Nun hält er das lukrative Lied zurück, bis fast zum Schluss, für die Zugabe. Manche im Publikum fangen schon vorher an, es zu singen, es erhoffend, einfordernd. Dabei spielt er jetzt «Victims», vielleicht so etwas wie das wirklich gute Lied, das jeder Star hat, das gute Lied, das neben den Hits fast vergessen geht.

Boy George ist ein Romantiker. Um Einsamkeit, ums Verlassenwerden, ums Vermissen drehen sich viele Lieder. Auf der Bühne ist er nicht allein. Seine Band ist grösser als eine Fussballmannschaft: mit Musikern an zwei Gitarren, an Bass, Schlagzeug, Keyboard, Trompete, Saxophon, Posaune. Dazu kommen drei Hintergrundsängerinnen mit erfreulicher stimmlicher und erotisch-voluminöser Präsenz.

Dreifacher Boy George

Boy George lebt. Ganz entgegen eines diese Woche auf Twitter rasend verbreiteten Gerüchts, er sei gestorben. Und an diesem Abend sahen wir ihn gar dreifach: Er betrat schon die Bühne, während die Vorband um den österreichischen DJ Parov Stelar, dem angeblichen Erfinder des Electroswings, spielte. Er schritt herein: Hut, hervorlugendes Haar, perlenbesetztes Top – doch dann war es die Sängerin Cleo Panther. Er stand im Publikum: Hut, Kajal, Marilyn-T-Shirt – doch dann war es der Basler DJ High Heels on Speed. Er stand auf der Bühne: Hut, Kajal, breites Lächeln. Und er war es. Wirklich. «It’s a miracle.»