Wer als Häftling neu ins Gefängnis Bässlergut eintritt, steht halbnackt in einem Raum mit beigen Wänden. Ein Aufseher untersucht separat die untere und die obere Körperhälfte. Nach der Leibesvisitation darf sich der Häftling wieder anziehen und muss dann auf eine Holzwand starren.

Ins Holz ist ein Stück Plexiglas eingelassen. Durch das Glas blitzt eine Spiegelreflexkamera. Damit schliessen die Gefängnismitarbeiter die erkennungsdienstliche Erfassung des Häftlings ab.

Farid* hat diese Prozedur schon hinter sich. Der gut 1,90 Meter grosse Algerier sitzt seit mehreren Wochen im Bässlergut. An seine Verhaftung erinnert er sich noch genau. «Ich war in einem Café in Basel, als die Polizisten aus dem Nichts auftauchten.» Farid hatte keine Papiere, die Polizei nahm ihn mit.

Der Algerier zeigt sich als einziger Häftling bereit, mit der Presse zu sprechen. Alle anderen Insassen haben Angst, sie könnten sich selbst schaden. Denn der Gefängnisaufseher Giuliano hört mit, weil er Besucher nicht mit Häftlingen alleinlassen darf – aus Sicherheitsgründen.

Alle sagen, sie hätten Papiere

Wir stehen vor dem Eingang zum Zellentrakt. Durch die schwere Türe hört man andere Häftlinge, wie sie Farid arabische Sprachfetzen zurufen. Manchmal klopfen sie laut gegen die Tür.

«Von Algerien ging ich nach Spanien, wo ich nach einiger Zeit das Aufenthaltsrecht erhielt», sagt Farid in astreinem Spanisch. In Barcelona und Zaragoza habe er auf dem Bau gearbeitet. Dann reiste er nach Frankreich, später in die Schweiz.

«Ein Bekannter wird meine Papiere vorbeibringen, dann kann ich zurück nach Spanien.» Papiere, Papiere: Alle Häftlinge betonen, sie hätten Papiere, die irgendwo lägen und mit denen alles in Ordnung sei. Giuliano lacht. Aus Erfahrung weiss er, dass nur die Hälfte stimmt von dem, was die Häftlinge über ihre nicht vorhandenen Papiere erzählen.

Das Essen ist oft unbeliebt

Farid spricht weiter. Das Essen hier sei okay, aber eben anders. Hackbraten mit Kartoffelstock und Rotkraut zum Beispiel. Gekocht und geliefert wird es von der Küche des Waaghofs, dem Untersuchungsgefängnis mitten in der Stadt.

Auf einem Servierwagen bringt Giuliano das Mittagessen in den Zellentrakt der Ausschaffungshäftlinge, die Häftlinge scharen sich anständig um ihn. Er hat seine Hände in Einweghandschuhe gepackt und serviert Vegi-Geschnetzeltes mit Rahmgriess, Erbsli und Rüebli. Mehrere Häftlinge verzichten auf den offenbar nicht sehr beliebten Fleisch-Ersatz. Beim Servieren hilft auch ein Häftling: Evandro* kommt von den Kapverdischen Inseln und arbeitet während seiner Zeit im Gefängnis als sogenannter Kalfaktor: Für einen kleinen Lohn putzt er den schwarzen Boden des Zellentrakts und hilft jeweils, das Essen auszuteilen.

Um 5.45 Uhr beginnt die Arbeit

Deshalb schliesst Giuliano die Zelle von Evandro am Morgen als erste auf. Um 7.15 Uhr. Eine Viertelstunde später gibt Evandro das Frühstück aus, wieder von einem Servierwagen: Brötli, Konfi, Tee. Zu dieser Zeit ist Giuliano schon lange wach: Aus dem Aargau fährt er mit dem Auto an den Rand der Stadt Basel. Zum Bässlergut, wo um 5.45 Uhr seine Schicht beginnt. Das Gefängnis steht direkt zwischen der deutschen Grenze und der Freiburgerstrasse, die zum Zoll führt.

Von der Strasse her dringt das Rauschen der Autos zu Giuliano, während er wartet, bis die Securitas-Mitarbeiter die beiden videoüberwachten Schiebetore am Eingang nacheinander öffnen. Nach einem Dutzend schwer gesicherter Türen gelangt Giuliano ins Büro. Dort wirft er einen Blick auf das digitale Gefängnisjournal.

Gibt es Neuzugänge oder Anwaltsbesuche? Rastete gestern Abend ein Häftling aus und wurde in den «Bunker» geschickt, die trostlose Disziplinarzelle? Wer suizidgefährdet ist, muss im «Bunker» reissfeste Sicherheitskleidung tragen. Doch heute ist die Stimmung gut, insbesondere bei den 16 Gefängnisinsassen, die am Vormittag während zweieinhalb Stunden in der Produktionsstätte einfache Arbeiten verrichten dürfen. Für die Arbeit müssen sie sich anmelden. Wer zum Beispiel sein Bett nicht macht, wird gesperrt. Die Disziplinarmassnahmen erleichtern das Zusammenleben.

Während sie Teile zusammenkleben und -schrauben, witzeln fünf Sri-Lanker ununterbrochen. «Die Tamilen hier sind zwar laute, aber höfliche Leute. Der Zusammenhalt der Häftlinge, die der gleichen Kultur angehören, ist gross», sagt Giuliano. Still und fast schon ängstlich sitzen hingegen zwei Chinesen dort. Sie haben grossen Respekt vor Uniformen.

Nicht immer ist es so einfach: «Die Häftlinge sind manchmal wie Kinder, sie versuchen, die Aufseher gegeneinander auszuspielen oder zu erpressen», sagt Giuliano. Immer wieder künden sie Hungerstreiks an. Die meisten Häftlinge brechen ihre Hungerstreiks spätestes nach einer Woche ab, weil sie merken, dass sie auch mit Hungerstreiks keine Freilassung oder andere persönliche Vorteile erpressen können.

Auszuschaffende haben Privilegien

Die Ausschaffungshäftlinge haben gewisse Privilegien, die die Insassen des Strafvollzugs ein Geschoss weiter unten nicht haben. So stehen ihnen täglich drei Stunden auf dem Spazierhof statt nur eine zu. Mittels Überwachungskamera behalten die Aufseher die Häftlinge im Auge.

Mit dem kleinen Lohn ihrer Arbeit kaufen die Häftlinge im Gefängniskiosk hauptsächlich Tabakprodukte oder eine Flasche Cola. Der Kiosk öffnet einmal wöchentlich und macht rund 100 000 Franken Umsatz jährlich. Rauchen dürfen die Häftlinge in ihrer Zelle und im Spazierhof.

Die grösste Macht der Häftlinge besteht aus einem Stück Papier, inoffiziell Wunschzettel genannt. Damit muss sich anmelden, wer ein Buch aus der Gefängnisbibliothek lesen möchte oder wer einen Termin bei der Seelsorge, der Migrationsbehörde oder dem medizinischen Pflegedienst will. Das Büro des Pflegediensts liegt ein Geschoss über dem Zellentrakt und ist für Ausschaffungshäftlinge bitter nötig, wie sich im Gespräch mit Alex* zeigt, der seit 15 Jahren als Pflegefachmann im Gefängnis arbeitet.

Die häufigsten Krankheiten sind Grippe, Fusspilz und Hämorrhoiden. «Das Übliche», sagt Alex. Dazu kommen psychosomatische Krankheiten wie Rücken- und Kopfschmerzen, oder Magenprobleme wegen der ungewohnten Kost. Und manche Häftlinge sind in ihren ersten Tagen im Bässlergut auf Drogenentzug, häufig mit einer Methadontherapie.

Krankheiten sind oft gefängnisbedingt

Manche Häftlinge behaupten, sie hätten Epilepsie, um an das Medikament Rivotril zu gelangen. Dieses macht die Menschen benommen und so den Aufenthalt im Gefängnis erträglicher. Alex fällt nicht auf den Trick hinein, den vor allem Nordafrikaner versuchen. Alex ist die ganze Woche hier. Zweimal pro Woche kommt der Gefängnisarzt vorbei und einmal pro Woche der Psychiater.

Pro Monat erhalten die Gefängnisinsassen über 1600 Medikamentenportionen. Mehr als die Hälfte davon sind Psychopharmaka. Giuliano verteilt die Medikamente während der Essenszeiten, in kleinen rosaroten Plastikbechern, wie im Spital. Giuliano mörsert die Tabletten, damit die Häftlinge nicht tricksen können. Sie müssen die Medikamente vor den Augen des Gefängnisaufsehers einnehmen. Viele Krankheiten und Verletzungen sind gefängnisbedingt: Manchmal ritzen sich die Häftlinge, damit sie flugunfähig sind und nicht ausgeschafft werden können. Und der Beton drückt von allen Seiten, schlägt zusammen mit dem wenigen Tageslicht auf die Stimmung.

Die schwarze Giraffe schaut zu

Ein wenig Abwechslung bietet der Aufenthaltsraum im Zellentrakt. Hier spielen die Häftlinge Tischfussball, und hier durften sie die weissen Wände umgestalten. Auf gelbem Hintergrund stolziert eine schwarze Giraffe. Beim Tischfussball mache er manchmal auch mit, sagt Giuliano. «Mit den Häftlingen kann man es lustig haben. Aber Freunde wird man nicht. Eine professionelle Nähe-und-Distanz-Beziehung ist unerlässlich.» Um 14.39 Uhr hat Giuliano Feierabend und lässt für 15 Stunden den Stacheldraht hinter sich. «Oft mache ich noch einen Spaziergang im Tierpark Lange Erlen.»

Währenddessen sitzt Farid irgendwo dort drinnen und träumt von Spanien. Denn zurück nach Algerien, das will er auf keinen Fall.

*Namen geändert