Ausstellung
Der Schlosser des Meisters im Museum Tinguely

Josef Imhof hat dem Museum Tinguely über 400 Papierarbeiten und Skizzen des Meisters geschenkt – er war sein langjähriger Assistent und Freund.

Christoph Dieffenbacher
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Josef «Seppi» Imhof während einer Vorbesichtigung der Ausstellung im Museum Tinguely.

Josef «Seppi» Imhof während einer Vorbesichtigung der Ausstellung im Museum Tinguely.

Keystone/Michael Buholzer

Es begann mit einem Stelleninserat. Jean Tinguely suchte «für eine Rieseneisenplastik in der Nähe von Paris» einen Bauschlosser oder Schlosser, Deutschschweizer, «vielseitig und schwindelfrei». Neben Autofahren seien Jasskenntnisse erwünscht, für Unterkunft und Verpflegung sei gesorgt. Josef («Sepp») Imhof aus Solothurn, gelernter Schlosser und angestellt im Walzwerk bei Von Roll in Gerlafingen, meldete sich. Im Bahnhofbuffet von Fribourg wurde man sich rasch einig. Die Anstellung, die zunächst auf sechs Monate angelegt war, schweisste den Künstler und den Handwerker buchstäblich zusammen – zu einer zwei Jahrzehnte langen Freundschaft.

Über 400 Papierarbeiten und Skizzen von Tinguely hat Josef Imhof dem Museum geschenkt.

Über 400 Papierarbeiten und Skizzen von Tinguely hat Josef Imhof dem Museum geschenkt.

Keystone/Michael Buholzer

Sein Assistent müsse einfach besser schweissen können als er, sagte Tinguely einmal. Für seine Eisenplastiken und die grossen, beweglichen Maschinen brauchte er einen Techniker und Tüftler, der auch noch löten, Schrauben anziehen, Kabel verbinden, Motoren zum Laufen bringen konnte und vieles andere mehr. Die beiden wurden ein eingespieltes Duo: Jeannot mit unverkennbarem Schnauz und sein Assistent Seppi in wallender Haar- und Bartpracht. Sie steckten meist in denselben engen Overalls, der international gefeierte Künstlerstar und sein Schlosser.

Schrauben und Eisenteile vom Kollegen geholt

Heute steht Imhof in warmgelbem Baumwollhemd und Bluejeans im Museum Tinguely mitten in seiner Schenkung von Papierwerken des Meisters, die Haare inzwischen kürzer und etwas ergraut. Der 78-Jährige kennt die Entstehung nahezu jedes Blatts, und er weiss meist eine Anekdote oder eine Geschichte dazu zu erzählen. So erinnert er sich, wie er sich während Besuchen beim Künstlerkollegen Bernhard Luginbühl ab und zu heimlich mit Schrauben und Eisenteilen bediente, die Tinguely gerade brauchte.

Es war eine unkonventionelle Arbeitsbeziehung: «Wir beide ergänzten und verstanden uns gut», sagt Imhof bescheiden. Noch heute will er nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Er habe sich halt nie als der Künstler verstanden, alle kreativen Ideen dem Meister überlassen und nur das ausgeführt, was ihm Jeannot vorgab: «Wenn etwas nicht lief, habe ich eben so lange herumgepröbelt, bis es ging.» Tinguely, der ausgebildete Dekorateur, soll die präzise Handwerkerarbeit seines Assistenten sehr geschätzt haben.

«Über Kunst haben wir nie geredet»

Wie sah die Zusammenarbeit genau aus? Bei Jeannot musste es immer sofort funktionieren, das Material sollte rasch in Bewegung kommen, wie sich Imhof erinnert. Die Technik dahinter sei ihm egal gewesen. Dabei habe sein oft etwas ungeduldiger Arbeitgeber über viel Vorstellungsvermögen und Materialkenntnisse verfügt. «Dass es trotzdem auch zu Unfällen kam, war normal», sagt Imhof trocken. Später kamen des Meisters Grossplastiken in die Jahre und mussten – bis heute – aufwendig gewartet, repariert und restauriert werden. Es gab immer etwas zu tun: Nach dem Tod von Tinguely 1991 arbeitete Imhof noch bis zur Pensionierung in der Werkstatt des Museums weiter.

Imhof während einer Vorbesichtigung im Museum Tinguely.

Imhof während einer Vorbesichtigung im Museum Tinguely.

Keystone/Michael Buholzer

Viel Lebenszeit verbrachten die beiden bei der Arbeit im Atelier und an Ausstellungen, aber auch bei Künstlerbesuchen und Auslandsreisen, etwa in die USA und nach Japan – und hatten bei aller Arbeit mit dem Altmetall auch viel Spass zusammen. Wäre er nicht als Assistent zu Tinguely gegangen, wäre er wohl in einem Zirkus gelandet, sagt Imhof. Nur etwas war bei den beiden besonders: «Über Kunst haben wir nie geredet.»

Merci Seppi. Die grosse Schenkung.
Museum Tinguely, Basel, bis 13. März 2022. Geöffnet Di–So, 11–18 Uhr.
www.tinguely.ch.

«Merci Seppi»: Zeichnungen, Grafiken, Notizzettel

Blätter als Zeugnisse einer Freundschaft

Mit «Lieber Seppi» und «Tschau Sepp» beginnen viele der Zettel: persönliche Briefe, Anweisungen, Skizzen, Notizblätter, Grusskarten bis zu Zeichnungen, Grafiken und Plakaten. Rund 420 Werke auf Papier hat Tinguelys technischer Assistent und Freund Josef Imhof (*1943) gesammelt und dem Museum geschenkt, geordnet nach Themen, Orten und Projekten. Seine technischen und künstlerischen Anweisungen warf der Maschinenkünstler oft mit Filzstift oder Kugelschreiber hin. Daneben gestaltete er mit Kreide, Tusche und Wasserfarbe auch Blätter und mehrteilige, farbige Collagen.

Die gesammelten Tinguely-Arbeiten, die das Museum in zwei Räumen ausstellt, lassen sich als Zeugnisse einer intensiven freundschaftlichen Zusammenarbeit lesen. Sie begann mit der Anstellung des gelernten Schlossers 1971 und dauerte bis zu Tinguelys Tod zwanzig Jahre später. Der Künstler habe ihm diese Werke geschenkt oder überlassen, sagt Imhof, doch er selbst sei nie auf die Idee gekommen, sie zu verkaufen.

Ausgestellt sind unter anderem Vorzeichnungen, Ideenskizzen und Entwürfe für spätere grössere Arbeiten Tinguelys. Einige Blätter geben Aufschlüsse darüber, wie grössere Arbeiten der 1970er- und 1980er-Jahre entstanden – etwa «Le Cyclop», «Chaos No. 1» und «Klamauk». Es finden sich auch nie realisierte Projekte wie ein Fabriktor für Roche oder eine Alternative zur Wettsteinbrücke. Die aktuelle Ausstellung ist bereits die dritte, die das Museum dem Tinguely-Gefährten widmet – nach 1999 mit Briefzeichnungen und 2008 zu Imhofs Pensionierung. Mit seiner Schenkung besitze man nun rund 2000 Werknummern von Tinguely, sagte Direktor Roland Wetzel bei der Eröffnung. (chd)

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