Herr Heller, haben Landesausstellungen ihren Glanz schlicht verloren?

Martin Heller: Das wäre mir neu. Warum?

Immerhin hat sich die Bevölkerung der Kantone Thurgau und St. Gallen klar gegen den Kredit für eine Machbarkeitsstudie entschieden.

Richtig. Andererseits haben vor 14 Jahren 10,5 Millionen Expo-Gäste das Drei-Seen-Land besucht. Das ist eine Rekordmarke. Allerdings entsteht das Bedürfnis nach solchen Veranstaltungen oft erst, wenn sie greifbar werden. Dann reagieren die Leute darauf. In der Ostschweiz ging es um einen Planungskredit – für viele etwas Abstraktes. Zudem ist eine Landesausstellung ein kollektiver Findungsprozess von einer Dimension, die kein anderes Land der Welt kennt. Ein gigantisches Unterfangen, bei dem man alles neu erfinden muss – vom Anfang bis zum Ende. Das Beispiel der Expo 02 zeigt, dass das erfolgreich und glanzvoll möglich ist.

Nach dem Entscheid der Ostschweiz schien die Expo 2027 aber bereits beerdigt zu sein. Da ist in der Region Basel der Ruf laut geworden, in die Bresche zu springen. Überrascht?

Ja, ziemlich.

Warum?

Weil es für einen solchen Entscheid Zukunfts- und Risikofreude braucht. Sowie das Selbstvertrauen von Partnern, die einvernehmlich in einen derartigen Prozess steigen. Und selbst wenn ich den Kontakt zur Nordwestschweiz etwas verloren habe: Nach allem, was ich mitbekomme, liefern Baselland und Basel-Stadt derzeit nicht unbedingt das Beispiel einer geschlossenen Region.

Das klingt aber wenig optimistisch.Was müsste die Region Basel denn besser machen, um die hiesige Bevölkerung abzuholen und ein frühzeitiges Scheitern wie soeben in der Ostschweiz zu verhindern?

Man müsste sich ernsthaft die Dimension eines solchen Projekts vergegenwärtigen. Die Medien und die Politik müssten mit der Ostschweiz sprechen, deren Konzepte studieren und zu analysieren versuchen, warum das Vorhaben dort gescheitert ist. Zumal die Ostschweiz kein homogener Landesteil ist und sich oft an den Rand gedrängt fühlt.

Das ist in Basel nicht viel anders.

Genau. Ein solcher Reflexionsprozess ist sehr anspruchsvoll. Man muss sich nicht nur zusammenraufen, sondern auch wissen, worauf man sich einlässt und warum man die Expo will. Letztlich gibt es kein Rezeptbuch. Das ist ja gerade das Faszinierende. Ziel muss es sein, Gastgeber für das ganze Land zu werden. Es braucht Bereitschaft, diese Rolle zu übernehmen. Erst danach kann man sich überlegen, welche weiteren Möglichkeiten das eröffnet.

Hat sich denn in der Drei-Seen-Region wirklich nachhaltig etwas verändert durch die Expo 02?

Diese Region rückte mit all ihren Stärken und Schönheiten in das Bewusstsein vieler Schweizerinnen und Schweizer. Das ist ein Wert, der sich nicht in Franken und Rappen messen lässt. Und nebst vielem anderen stand sie für das, was Multikulturalität in der Schweiz bedeutet. Solche Dimensionen faszinieren mich. Wenn sich eine Region wirklich zeigen will, sind der Ausnahmezustand und die Schaufenstersituation einer Expo eine riesige Chance. Aber es ist kein Spaziergang.

Das hat sich nun ja in der Ostschweiz deutlich gezeigt.

Die Ablehnung war ein bitterer Moment – ohne eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Was waren die Motive? Wollten sich viele gar nicht mit dem Thema befassen? Hat die Bevölkerung das Gefühl, die Schweizer Gegenwart sei derart anstrengend, dass sie sich nicht auch noch
mit der Zukunft befassen will? Oder war das Verfahren zu komplex? Die Kosten
für die Machbarkeitsstudie können jedenfalls nicht ausschlaggebend gewesen sein. Im Kanton Thurgau ging es um einen Kredit im Wert von zwei Verkehrskreiseln. Gegner wiederum behaupteten, die Expo würde die Kantone letztlich 500 Millionen Franken kosten. Das ist völlig absurd; wer so etwas in die Welt setzt, will eine Expo buchstäblich um jeden Preis verhindern.

Tatsächlich aber wird die Frage nach dem Preisschild so sicher kommen wie das Amen in der Kirche.

Das ist verständlich. Bloss: Es gibt keinen fixen Preis. Diese Frage kann man erst beantworten, wenn man ein Vorprojekt erarbeitet hat. In der Ostschweiz ist es gar nicht so weit gekommen. Mit Sicherheit aber wären es auch nicht annähernd
500 Millionen Franken gewesen. Es ist ja völlig klar, dass dies kein Kanton stemmen kann. Im Übrigen war es das erste Mal, dass die Bevölkerung in dieser Form zur Durchführung einer Expo Stellung nehmen konnte. Jetzt weiss man zumindest: Die Ostschweiz will die Landesausstellung nicht.

Glauben Sie denn, die Expo 02 wäre zustande gekommen, wenn die Schweizer Bevölkerung vorher dazu befragt worden wäre?

Schwer zu sagen. Das Risiko einer Ablehnung wäre gewiss gross gewesen – gerade wegen der Finanzierungsschwierigkeiten, die aber nicht hausgemacht waren. Der Bund hatte zu Beginn einen viel zu geringen Kredit gesprochen, weil er auf die Wirtschaft hoffte. Die aber wollte verständlicherweise eine gerechtere Lastenverteilung.

Der Bundesrat unterstützt die Grundidee nach wie vor. Er bekräftigte 2015, «die Tradition» grundsätzlich weiterführen zu wollen. In der Ostschweiz war sein Engagement allerdings kaum spürbar.

Der Bund machte deutlich, dass Geld erst fliessen kann, wenn eine detaillierte Machbarkeitsstudie vorliegt. Das heisst: Die ersten Phasen des Prozesses müssen die Kantone selbst bezahlen. Das ist für mich ein falscher Entscheid. Wir wissen, dass eine solche Frage immer auch übers Portemonnaie beantwortet wird. Bereits der Mut zum Risiko einer Expo müsste auch dem Bund etwas wert sein.

Das ist aber nicht gerade eine Werbebotschaft für andere Regionen, die mit dem Gedanken spielen, eine Expo auf die Beine zu stellen.

Natürlich. Das wäre zu thematisieren. Hier könnten Parlamentarier aus interessierten Kantonen aktiv werden. Der Bund geht offensichtlich davon aus, die Expo 02 sei in erster Linie ein Finanzdebakel gewesen. Das sehe ich anders: Bei grosser Zufriedenheit – so die Umfragen – mit dem Ergebnis wurde unter dem Strich jeder Expo-Besuch mit lediglich 100 Franken subventioniert. Das ist nicht viel bei einer Landesausstellung, die alle 25 Jahre stattfindet.

So weit sind wir in der Region Basel noch lange nicht. Dennoch: Mit Ihren Erfahrungen von der Expo 02 haben Sie einen vollen Rucksack und stammen zudem von hier. Beste Voraussetzungen für eine Schlüsselrolle in der Organisation einer Landesausstellung.

Nein. Gerade die operative Ebene braucht neue Köpfe. In der Ostschweiz habe ich lediglich meine professionellen Erfahrungen eingebracht. Mit dem Ergebnis eines hervorragenden Konzepts, das nun auf der Strecke bleibt. Ob ich ein Projekt in der Region Basel beraten würde, wäre von den konkreten Umständen abhängig. Nochmals: Die Region muss sicher sein, dass sie das will. Und man muss schon im Vorfeld versuchen, gross zu denken. Das ist nicht immer einfach in der Schweiz. Zwischen die beiden Basel dürfte kein Blatt passen. Wo genau die Grenze zwischen den beiden Kantonen verläuft, interessiert die Besucher von ausserhalb keinen Moment. Sie wollen Veranstalter wahrnehmen, die geeint das Beste geben.

Zur Region Basel zählt im Alltag auch das nahe Umland in Frankreich und Deutschland. Müsste dieses bei einem solchen Grossereignis nicht fast schon zwingend mit einbezogen werden?

Das ist schwierig und bräuchte wohl einen Staatsvertrag. Die Ostschweiz schloss aus, einen Teil der Expo 2027 auf ausländischem Boden zu veranstalten. Dennoch hätte man die Gegend um den Bodensee als eine Art Resonanzraum einbezogen. Ähnliches gilt für das Basler Umland. Was das genau bedeuten könnte, bleibt zu klären. Aber sicher kann man nicht einfach auf der anderen Seite der Grenze die Landesausstellung weiterbauen.

Das würde die Organisation wohl ohnehin nicht gerade vereinfachen.

Das sind schwierige Prozesse. Und man muss ehrlicherweise sagen, dass Mulhouse für Paris nicht gerade erste Priorität hat.

Wenn Sie Kaffeesatz lesen: Glauben Sie aus heutiger Sicht, dass 2030 in der Region Basel tatsächlich eine Expo stattfinden wird?

Kaffeesatz ist nicht mein Ding. Ich würde der Region wünschen, dass sie diese Frage ehrlich, selbstkritisch und mutig prüft. Das ist ein grosser Brocken, aber einer, der sich lohnt. Ohne kompetente Prüfung läuft gar nichts. Dieser Schritt wäre jetzt anzugehen. Letztlich aber entsteht auch eine Expo in einem laufenden Prozess. Man muss seinen eigenen Weg finden – und dann kommen irgendwann die Wahrscheinlichkeitsrechnungen.