Verkehrskonzept
Autofreie Innenstadt: Die Strassen werden bald zu Trottoirs

Nach etlichen Verzögerungen wird die autofreie Innenstadt im Januar umgesetzt. Anfängliches Chaos ist programmiert, da Bürger und Polizei viele neue Regeln befolgen müssen.

Martina Rutschmann
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Die Basler Innenstadt wird bald autofrei sein

Die Basler Innenstadt wird bald autofrei sein

bz Basel
Das neue Verkehrskonzept

Das neue Verkehrskonzept

bz Basel

Verkehrspolizisten sei geraten, die Feiertage zu vertrödeln: Hirn ausschalten, herumgammeln, nichts tun. Denn im neuen Jahr kommt ein Berg Arbeit der neuen Art auf sie zu.

Mit der Einführung des neuen Verkehrskonzeptes am 5. Januar werden sie gefühlt tausend Bedürfnissen gleichzeitig gerecht werden müssen. Und die Menschen dabei mit Bussen und Belehrungen vor den Kopf stossen. Keine schöne Vorstellung, doch als kleiner Trost: Einfach wird es für niemanden – bloss die Fussgänger können nichts falsch machen.

Alle wollen Menschenverstand

Parkplätze in der Kernzone sind mehrheitlich verschwunden, im Kleinbasel sind die Markierungs- und Signalisationsarbeiten schon ganz abgeschlossen. Wo neu «Tempo 30» steht, gilt dies schon jetzt. Wo neu Fahrverbot ist, darf man nicht mehr durchfahren. Und wo kein Parkfeld mehr besteht, darf nicht parkiert werden. Das erfahren Lenker, die es trotzdem tun, in diesen Tagen schmerzlich, wenn sie einen Bussenzettel hinter dem Scheibenwischer finden. Noch beträgt die Busse 40 Franken, wenn dann aber zum Park- das Fahrverbot hinzu kommt, schnellt der Betrag in die Höhe – und die Busse beträgt 140 Franken.

Doch erst im Januar gilt das gesamte Konzept, das eine attraktive Innenstadt ohne motorisierten Individualverkehr zum Ziel hat. Das heisst: Von diesem Zeitpunkt an gelten zusätzlich zu allen anderen neuen Regeln auch die neuen Güterumschlagszeiten in der Kernzone. Diese Zone ist relativ weitläufig und die Regeln dort sind kompliziert. Da gibt es verschiedene Zufahrtsbewilligungen und -berechtigungen für Gewerbe und Anwohner und Ausnahmen für alle anderen. Im Grundsatz gilt aber: Autos haben in der Innenstadt nichts mehr zu suchen, Fussgängern soll so ein Boulevarderlebnis beschert werden – und Trams und Bussen freie Fahrt.

Ganz ohne Autos geht es aber nicht. Da gibt es etwa jene, die Läden morgens bis elf Uhr mit Ware beliefern müssen. Und Taxis. Und Fahrzeuge von Behinderten. Entsprechend werden einzig Behinderten-Parkplätze überleben – allerdings in der ganzen Kernzone nur deren 26. Ob dies reicht, wird sich weisen. Handwerkern und dergleichen aber werden keine gelben Güterumschlags-Plätze mehr zur Verfügung stehen. Von ihnen wird erwartet, dass sie ihre Lieferwagen vom «gesunden Menschenverstand» geleitet auf die Strasse oder das Trottoir stellen.

Feuerprobe Regierungsapéro

Auf den Einsatz des gesunden Menschenverstands hofft man auch beim Gewerbeverband. Patrick Erny, Projektleiter Politik beim Verband, ist im Grossen und Ganzen zufrieden mit der Verordnung, wie sie sich jetzt präsentiert. Schliesslich hätten manche Forderungen des Gewerbes Eingang gefunden. Er betont, das Ganze als Chance zu betrachten, weist aber darauf hin, dass man nach wie vor nicht für alle «Anspruchsgruppen» Lösungen finden konnte. «Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auch die letzten Fragen noch klären werden.» Es sei aber damit zu rechnen, dass viele dieser Fragen erst nach der Umsetzung des Konzepts in der Praxis entstünden, gibt Erny zu bedenken.

Als Beispiel für eine «Anspruchsgruppe» mit offenen Fragen nennt er Veranstalter wie etwa die Betreiber des Volkshauses an der Kleinbasler Rebgasse. Welche Zufahrtsbewilligung müssen Caterer haben, die nur einmal liefern? Was gilt für Mietfahrzeuge? Fragen über Fragen. Am Tag Eins des Verkehrskonzepts wird sich zeigen, wie diese Probleme in der Praxis gelöst werden – unter Beobachtung durch den Regierungsrat, der dann seinen Neujahrsapéro im Volkshaus in der neuen Kernzone veranstaltet.

Fahrverbote für Velofahrer

Auch für Velofahrer ändert sich einiges. Vieles aus Velofahrersicht zum Guten. So sind manche Strassen neu beidseitig befahrbar. Die Eisengasse beim Globus oder die Rheingasse etwa, was Roland Chrétien vom Verband Pro Velo besonders freut. Weniger begeistert ist Chrétien vom Umstand, dass neu mancherorts auch für Velofahrer Fahrverbot gilt.

So dürfen diese etwa zu gar keinen Tages- der Nachtzeiten mehr durch die Freie Strasse fahren – und auch andere Gassen sind neu nur für Fussgänger bestimmt. Ginge es nach Pro Velo, dürften Velos überall fahren. «Wir wissen aber, dass das politisch nicht machbar ist», sagt Chrétien.

Bisher sieht es danach aus, als seien die Fussgänger die grossen Gewinner des Verkehrskonzepts: Sie dürfen neu flanieren, wo es ihnen passt, ohne Angst haben zu müssen, von einem Auto angefahren zu werden. Auch Regeln gibt es für sie keine. Aber Obacht: Die Mittlere Brücke beispielsweise wird zwar auch autofrei, Trams und Busse aber fahren weiter dort durch. Allerdings höchstens mit Tempo 30.