An seinem zweiten Abend in Basel entdeckte er das «Schiefe Eck». Ein Bierbeisl nach seinem Geschmack. Elias Schneitter fühlte sich gleich wie zu Hause. Denn, wie er später mit der Bitte, ihn nötigenfalls zu unterbrechen, sagt: «Mein Dialekt is a bisserl schwierig, i woas, aber i bi Tiroler.»

«Elias Schneitter, geb. 1953, lebt in Zirl». Das steht auf vielen seiner Bücher zuoberst auf dem Cover. Name, Jahrgang und Ort sind ausgewiesen, doch was weiss man mit solchen Angaben schon über einen Menschen?

Schneitter gibt vorne das Offenkundige Preis, um dahinter desto freier mit Fakten und Fiktionen zu jonglieren. «Ich schreibe biografisch, aber nicht autobiografisch», sagt er. Für seine erste lyrische Prosa «Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Central Dichters» griff der Beatnik-Liebhaber zu einer «Cut Up»-Technik.

Notizbücher, die er über viele Jahre geführt hat – Erzählungen, Beobachtungen, Gespräche – nahm er auseinander und stellte sie neu zusammen. «Das Leben läuft auch nicht wie eine Geschichte ab», sagt er.

Jobs wie Canooing-Lehrer

«Lebt in Zirl» stimmt im Moment so nicht ganz. Seit letztem Sommer lebt Elias Schneitter mindestens zu 50 Prozent in Basel. Und hier an einer der besten Adressen der Stadt: Zum Kleinen Markgräflerhof, Augustinergasse 17.

Ein Haus aus dem 14. Jahrhundert, vorbildlich renoviert, und was Schneitter besonders freut: Mit Sicht auf den Rhein. Denn Elias Schneitter ist ein Stipendiat der Stiftung Bartels Fondation. Er lächelt: «Stipendiat ist in Österreich etwas für Studenten.» Für ihn sei es das erste seines Lebens. Und er sei ja jetzt «160 Johr alt».

Sich selbst vermarkten, im Literaturbetrieb zu den richtigen Leuten besonders nett sein, nach Preisen schielen – «das ist für mi nix». Mit dieser Erkenntnis zog er sich irgendwann aus der Autorenszene in Wien wieder zurück ins Tirol.

«Das ist jetzt nicht als Kritik zu verstehen», sagt er – und er wird es noch oft sagen, sanft und ernst, jedes Mal, wenn er eine kritische Anmerkung macht. «Das geht alles in Ordnung, andere sollen diese Preise kriegen.» Er sei «einen anderen Weg gegangen, der war genauso falsch wie der andere.»

Elias Schneitters Lebenslauf liest sich zusammengeschnipselt wie ein «Cut Up»: «Souvenirhandel», Fussballtrainer, «Canooing-Teacher in Sturgeon Lake, Minnesota», «Projektleiter im Ho-Ruck, ein Sozialhilfeprogramm für Haftentlassene». Vier vieler Jobs.

«Ich habe immer nur Jobs gemacht», sagt er, «ich hab keine Ausbildung, keinen Beruf, kein gar nix. Ausser zwei tollen Kindern und einer tollen Ex-Frau.»

Doch nun ist er seit einigen Jahren in Pension und widmet sich ganz dem Schreiben und seinem Literaturfestival «Sprachsalz». Als er den Antrag für die Frührente stellte, ging es keine Woche bis er durchkam.

Denn, wie sich erst im Laufe des Gesprächs herausstellt: Schneitter hat seit einer fehlgelaufenen Operation ein schweres Augenleiden, er sieht alles doppelt. Er erwähnt es nebenbei, zögerlich. Ein Mensch, der niemandem zu nahe treten will, schon gar nicht mit Persönlichem.

Verdrängter Krieg

«Ich mache viel mit Gags», sagt er, angesprochen auf sein Pseudonym Max von Gutleben. Als solcher schreibt er in seinem neusten Buch «Solange noch Blätter auf den Bäumen sind, wird der Schnee nicht liegen bleiben» über seine Mutter.

Sie hiess Gutleben. Ihr Leben war schwer. Schneitter hat es zum grössten Teil in Basel beschrieben. Hinter jedem Gag versteckt sich Traurigkeit. Das macht Schneitters kleine Bücher gross.

«gäbe es eine hierarchie der sätze der kindheit, dann stünde jener vom verlorenen krieg ganz oben, sagte ich zu meinem freund eines tages im café central», beginnt bereits sein Erstling, der Central-Dichter-Band. Der «verlorene Krieg», eine schlimme Wortkombination, die alles über die Mentalität dahinter verrät.

In seiner Kindheit sei immer über den Krieg geredet worden, erzählt er, die Grossmutter sei mit Kopftüchern herumgelaufen und hatte nur dieses eine Thema. «Jetzt wird alles verdrängt, als habe es das nie gegeben.»

Eine Elfriede Jelinek, die «hinter jeder Zaunlatte einen Nazi vermutet», ist ihm aber zu verbittert. Obwohl, er winkt seine eigene Kritik mit der Hand ab, «sie hat eh recht». Schneitter sieht sein Land, seine Geschichte, ähnlich, aber er schreibt mit feinem, ironischem Humor.

Seine Figuren sich selbst entlarven lassen, das kann er so treffend wie ein Gerhard Polt. Ganz gegen die Wand laufen lässt er aber nicht einmal die selbstgerechtesten Opportunisten unter ihnen, immer hat er auch ein wenig Verständnis übrig.

Nun neigt sich Schneitters Stipendiatszeit in Basel dem Ende zu. Nie vergessen wird er die Fasnacht. Während dreier Tage lief er mit einer Clique mit: «So etwas Verrücktes habe ich noch nie erlebt. Das Ganze ist ein riesengrosses Kunstwerk.» Und die Trommeln, «wie im Urwald».

Vermissen wird er auch das reiche Kulturangebot, das Bahnhofsbistro, das Fussballstadion – und das schiefe Eck natürlich. Nicht vermissen wird er die «Trämli», die zahllosen, die sich fast lautlos anschleichen und plötzlich gefährlich nahe sind.

Lesung Heute Abend ist Elias Schneitter an der Augustinergasse 17 zu entdecken. Daraus lesen wird Thomas Sarbacher, dazu gibts Musik von den «BaldWiena VolksWaisen» und «Heurigen-Beigaben» (Essen). Um Voranmeldung unter +41 79 679 80 22 (SMS genügt) wird gebeten.