Expo 2030

Autor Hansjörg Schneider: «Basel ist das Gegenteil einer Expo-Stadt»

«Ich würde das sehr toll finden, wenn die Basler sich mehr in den eidgenössischen Dialog begeben und für ihre Sicht der Dinge kämpfen würden. Das würde der Schweiz guttun».

«Ich würde das sehr toll finden, wenn die Basler sich mehr in den eidgenössischen Dialog begeben und für ihre Sicht der Dinge kämpfen würden. Das würde der Schweiz guttun».

Der in Basel lebende Hunkeler-Autor Hansjörg Schneider findet die Idee einer Landesausstellung in der Region Basel gut, glaubt aber nicht, dass diese tatsächlich realisiert wird.

Herr Schneider, waren Sie an der letzten Expo, im Jahr 2002?

Hansjörg Schneider: Nein, ich war nie an einer Expo. Auch 1964 in Lausanne nicht. Dort wollten ja die Aargauer nicht mitmachen.

Deswegen sind Sie nicht gegangen?

Nein, nein. Aber was soll ich denn an einer Expo (lacht)?

Was halten Sie grundsätzlich von der Idee einer Landesausstellung?

Es gibt sicher viele Leute, die diese Idee sehr interessant finden. Und es kommt auch immer darauf an, was man zeigt. Die Heureka-Maschine von Tinguely von 1964 hat offenbar wesentlich dazu beigetragen, dass die moderne Kunst in der Schweiz akzeptiert worden ist. Das war etwas Grossartiges. Von der letzten Expo ist mir der Würfel in Murten in Erinnerung geblieben. Und das ist natürlich ein super Bild, das einem bleibt. Ich lehne die Expo überhaupt nicht ab.

Was haben Sie als erstes gedacht, als Sie von der Idee erfuhren, eine Expo im Raum Basel durchzuführen?

Ich habe sofort angefangen, zu überlegen. Und ich habe dann sofort gemerkt, dass das eine gute Idee wäre. Eine traditionelle Expo will aber niemand mehr. Eine Expo hat nur einen Sinn, wenn man etwas Neues erfindet und zeigt. Und was kann das sein in Basel?

Was meinen Sie?

Es ist ja logisch, was das sein kann. Nämlich nicht der Umgang der Schweiz mit der eigenen Geschichte, mit dem eigenen Saft, in dem man drin schmort. Sondern die Zukunft der Schweiz und der Umgang mit dem Ausland.

Es gibt die Idee einer trinationalen Ausstellung. Aber auch die Vorstellung einer Nordwestschweizer Expo, mit den Kantonen Solothurn und Aargau. Oder beides zusammen. Ist dieser Gedanke realistisch?

Man denkt ja sofort: Das ist eine faszinierende Idee! Es liegt fast schon auf der Hand, das Elsass und das Markgräflerland da miteinzubeziehen. Die arbeiten toll mit der Region Basel zusammen. Das ist ein Erfolgsmodell, das man propagieren soll. Dann kommt aber die Frage auf: Wer soll das alles machen? Und wer soll das zahlen? Und dann merkt man schnell, dass dieses Projekt eigentlich gar keine Chance hat (lacht). Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Elsass daran Interesse hat, da mitzumachen. Und das gleiche gilt für das Markgräflerland. Aber trotzdem ist es spannend – als Idee. Ich glaube auch nicht, dass Basel wirklich Interesse daran hat. Basel ist ja das Gegenteil einer Expo-Stadt. Basel sucht nicht die Öffentlichkeit.

Basel hebt sich in verschiedenen Aspekten von der restlichen Schweiz und deren Werten ab. Kann an einem solchen Ort, der so eigen ist, überhaupt eine Landesausstellung durchgeführt werden?

Das ist nicht ganz richtig. Es ist die Frage, wie man die nationalen Werte definiert. Meiner Meinung nach liegen diese darin, dass man über die Grenzen weg Handel treibt, produziert und haushaltet. Was ich erstaunlich finde an Basel: Die verstecken sich ja nun wirklich.

Inwiefern versteckt sich Basel?

Zum Beispiel bei der Masseneinwanderungsinitiative: Ich habe da manchmal die Arena im Schweizer Fernsehen geschaut. Die schaue ich leidenschaftlich gerne. Vor allem dann, wenn tatsächlich etwas los ist. Man hat dort höchstselten einen Basler stehen sehen. Die haben an dieser Diskussion eigentlich gar nicht teilgenommen. Das Hauptschlagwort der Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative war ja Dichtestress. Aber Basel ist eines der am dichtest besiedelten Gebiete der Schweiz. Also müsste der Dichtestress hier ja enorm sein. Die Basler haben aber nie von Dichtestress geredet. Man kommt in Basel mit diesem Stress scheinbar gut zurecht, weil man es richtig macht. Immerhin kommen täglich Zehntausende Grenzgänger in die Nordwestschweiz. Das finde ich grossartig.

Dann könnte man sagen, dass Basel ein Vorbild für den Rest der Schweiz sein und zeigen könnte, dass es eben doch geht mit den Nachbarn?

Aber eben, die Basler wollen das ja gar nicht! Das finde ich seltsam. Die Basler stapeln immer tief. Zeigen nicht, was sie haben und können. Weil sie es vielleicht unfein finden.

Gründet das vielleicht aus der reformierten Tradition der Stadt?

Das kann ich nicht sagen. Es hat vermutlich damit zu tun, dass Basel eine durch und durch urbane, eigenartige Stadt ist, die diese Eigenart auch behalten will. Aber sie treiben Handel, sie führen Ausstellungen durch. Die Basler würden sagen: «Was soll eine Expo hier, wir haben ja schon die Art». Aber das sind nur meine Gedanken. Geld hätten die Basler ja genug. Jetzt kann man dieses Projekt aber mal einfach so andenken, ohne Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit der Realisierung zu nehmen. Und dann sieht man, wie spannend das Ganze wäre.

Sie haben einmal geschrieben, dass Sie sich als Aargauer immer noch fremd fühlen in Basel, nach 50 Jahren. In letzter Zeit hat man versucht, den Raum Aargau, Solothurn und Basel zusammenzubringen, was bisher mehr oder weniger erfolgreich verlief. Wäre eine Expo eine Möglichkeit, sich in der Nordwestschweiz näher zu kommen?

Ich fühle mich in Basel auch fremd, weil ich das will. Ich rede nicht Baseldeutsch. Und ich komme vom Land. Ich weiss es nicht. Wie das dann tatsächlich aussehen würde, was man da machen könnte… Also wir reden jetzt von 2027?

Vielleicht sogar erst 2030.

In 14 Jahren also (überlegt lange). Jemand aus Basel müsste eine gute Idee haben, der sagt: «Chum, mir mache das!» (überlegt wieder). Etwas mit dem Rhein!

Der Rhein und das Wasser spielen in Ihren Hunkeler-Romanen eine wichtige Rolle. Inwiefern kann der Rhein bei einer Expo miteinbezogen werden?

Im Allgemeinen kennen die Schweizer Basel eigentlich schlecht – ganz eigenartig! Es gibt ja diese wunderbaren Städtchen wie Rheinfelden, Laufenburg, mit einer Brücke über den Rhein. Oder Zurzach, das eigentlich niemand kennt, ausser wegen dem Thermalbad. Es geht ja darum, dass man Leute irgendwo hinbringt, sodass sie dort etwas sehen. Wenn man es fertig bringen würde, dass man die Besucher nach Rheinfelden, Laufenburg, Zurzach oder Eglisau bringen könnte. Ich bin kein Praktiker, kein Politiker. Aber diese Idee fände ich schön.

Eine Expo dem Rhein entlang?

Genau. Da kommen einem gleich viele Dinge in den Sinn. Der Rhein fliesst ja nach Mulhouse, Strassburg. Was ich mir auch schon überlegt habe: Es gibt am oberen Rhein grosse Kunst aus der Frührenaissance, zum Beispiel viele Madonnen. Die Madonna im Rosenhag und der Isenheimer Altar in Colmar. Oder in Solothurn die Erdbeeren-Madonna. Oder Bilder im Augustinermuseum in Freiburg. Der Raum am oberen Rhein war sehr lange ein führender Kulturraum. Das Basel zu einer Druckerstadt wurde, ist kein Zufall. Nicht Zürich, sondern Basel. Und die Reihe Köln, Mainz, Strassburg, Freiburg, Basel, Konstanz. Etwas mit diesen Rheinstädten zu machen, das wäre spannend. Über diese Idee kann man nachdenken. Das Rütli ist nicht alles. Es ist okay. Aber es hat nicht alles dort angefangen. Es gibt auch die andere Tradition.

Dass man sich geschichtlich so auf die Zentralschweiz beschränkt, ist wohl die grösste Hypothek der Schweiz.

Ich war kürzlich auf dem Rütli, eine einmalige Schönheit. Das ist einfach eine Wiese. Und man kann nicht mal mit dem Auto hinfahren (lacht). Das geht nur mit dem Schiff oder zu Fuss. Sensationell! Nichts gegen das Rütli – aber es gibt halt auch noch Basel.

Wie könnte man das Wasser in den Mittelpunkt der Expo stellen? Bei der Landesausstellung 64 gab es zum Beispiel das U-Boot von Jacques Piccard, mit dem man auf den Grund des Genfersees tauchen konnte.

Es würde sich ja aufdrängen. Man würde sich mit dem Schiff bewegen.

Ist eine Expo auf den Hügeln und im Hinterland – im Jura, Elsass und Schwarzwald – überhaupt sinnvoll?

Es geht ja in erster Linie um die Idee. Und dann drängt sich der Rhein auf. Und der untere Verlauf der Aare. Es gibt den oberrheinischen, alemannischen Dialekt. Die Jungen im Elsass reden heute alle Französisch. Paris hat kein Interesse am alemannischen Dialekt. Das ist schade, denn das ist ja das, was diese Gegend zusammenhält.

Sie haben in einem Porträt über Basel geschrieben: «Für einen Aargauer ist es manchmal kalt hier. Dann bin ich froh, ins Elsass oder in den Schwarzwald abhauen zu können. Da wohnen Leute wie ich.» Ist diese Gastfreundlichkeit in einer Region nicht die Voraussetzung, eine Landesausstellung durchzuführen?

Gastfreundlich sind sie ja schon, die Basler (überlegt lange). Ich kann da eigentlich gar nichts dazu sagen. Die Basler sind mir ein Rätsel.

Aber wenn Leute nach Basel kommen, könnten die sich schon wohl fühlen, auch wenn der Basler eigen ist?

Das klappt sicher gut! Die Basler sind freundlich. Man ist auch diskret. Ich fühle mich vögeliwohl in Basel. Und man kann dort so viel Nähe haben, wie man will. Die Hauptqualitäten sind die Toleranz und die Menschenfreundlichkeit. Das habe ich im letzten Hunkeler geschrieben, als es um die Flüchtlinge ging. Davon wusste ich ja gar nichts, dass die Basler den Flüchtlingen geholfen haben. Die Basler gehen damit nicht hausieren. Aber sie haben ihnen geholfen und darum mit Bern Streit bekommen im 2. Weltkrieg.

Welches Bild der Schweiz würden Sie sich an einer Expo wünschen?

Es gibt so viele verschiedene Schweizen. Die Vielfältigkeit ist das Grösste an diesem Land. Man lässt jeden leben, auch die Minderheit. Bei dieser wahnsinnigen Gleichmacherei überall ist das die Hauptqualität. Und dazu gehört auch die Basler Eigenart.

Sie wohnen in Basel, hatten ein Haus im Tessin und haben früher im Jura gelebt. Sie haben sich in allen Landesteilen wohlgefühlt?

Ich ging lange sehr gerne ins Tessin. Jetzt aber nicht mehr, das Haus gehört heute meinen Kindern. Und im Jura war es auch sehr schön. Ich bin eigentlich immer ein wenig «umevagabundiert», auch im Ausland. Paris, Berlin, London. Ich hatte ja auch den Vorteil, dass ich immer mein Heft dabei hatte. Das ist mein Arbeitswerkzeug. Mehr brauche ich nicht. Ich bin nicht an einen Arbeitsplatz gebunden.

Was würde Hunkeler von einer Expo halten und darüber sagen?

Sehr skeptisch wäre er (lacht). Er würde wohl sagen, dass er keine Zeit hat für solche Hirngespinste.

Was gibt es, neben dem Rhein, in Basel zu entdecken?

Bildersammlungen. Die sind sensationell, unglaublich.

Sie schrieben über Basel: «Das liebste Hobby des Baslers ist das Geldverdienen. Das zweitliebste ist Kunst und Kultur.» Die Kunst müsste also im Zentrum einer Expo stehen?

Das weiss ich nicht. Das mit diesen Bildern ist heikel. Wenn 2000 Leute ins Kunstmuseum wollen, ist das vielleicht nicht so gut.

Was würden Sie in Basel ändern?

Es kommt mir nichts in den Sinn, was ich ändern würde (überlegt). Etwas kommt mir doch in den Sinn, es hat aber nichts mit dem Thema zu tun: Ich habe das Radiostudio auf dem Bruderholz wahnsinnig gern. Das ist ein Relikt aus längst vergangener Zeit. So schön ist es dort in diesem Studio. Jetzt soll es zum Bahnhof kommen. Vielleicht gibt es da wirtschaftliche Zwänge.

Was könnten die Basler machen, um mehr aufzufallen? Basel versteckt sich ja gerne, wie sie selber sagen.

Die Frage ist, ob sie das überhaupt wollen. Ich würde das toll finden, wenn sie sich mehr in den eidgenössischen Dialog begeben und für ihre Sicht der Dinge mehr kämpfen würden. Das würde der Schweiz guttun.

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