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Babylon Basel – die 1920er, ein neues Jahrzehnt mit allerlei neuen Moden

Legendäre Tänzerin: Im Küchlin-Variété hat Josephine Baker Gastauftritte. Hier in ihrer Garderobe am 7. Februar 1936.

Legendäre Tänzerin: Im Küchlin-Variété hat Josephine Baker Gastauftritte. Hier in ihrer Garderobe am 7. Februar 1936.

Vor 100 Jahren bricht auch in der Stadt am Rheinknie ein Jahrzehnt mit allerlei neuen Moden an. Wir treffen etwa auf einen ehrgeizigen Variétédirektor, eine Revolutionärin des Tanzes und einen radikalen Baumeister.

Um die 1920er-Jahre rankt sich ein Mythos, dessen Glanz unvergänglich ist. Aufwendig inszenierte Film- und Serienproduktionen befeuern ihn immer aufs Neue. Wir verbinden die Zeit mit Glamour, Drogen und Charleston, Schauplatz Berlin. Fatal, exotisch, «arm, aber sexy». Oft geht vergessen, wie instabil die politische Lage nach dem Ersten Weltkrieg ist, wie unberechenbar die Zukunft, was bringt der nächste Tag? Gleichwohl – oder gerade deshalb – ist diese Zeit von Experimentierlust geprägt, von einem unstillbaren Lebenshunger und Wissensdurst. Das Bedürfnis nach einem Neuanfang stimuliert Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Besonders in Berlin, Wien und Paris. Die Goldenen Zwanziger sind ein Grossstadt-Phänomen.

Nun ist Basel keine Stadt, deren Geschichte man mit Glamour und Rausch in Verbindung bringt. Zu provinziell, zu protestantisch, zu prüde. Selbst der Feuilletonist der konservativen «Basler Nachrichten» beschreibt Basel 1925 in einem Artikel zum 25. Jubiläum des Küchlin-Variététheaters als «altzopfige Stadt». Gleichwohl gibt es auch hier visionäre Taten, avantgardistische Verheissungen und Ereignisse, die aus dem Rahmen fallen. Auch am Rheinknie beschleunigt sich das tägliche Leben, wenn auch verzögert und weniger dramatisch als in den Grossstädten Europas. Und wenn für die Zwanziger etwas uneingeschränkt gilt, so ist es die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: die Koexistenz von Traditionen und Neuheiten. Dass dies nicht reibungslos geht, liegt auf der Hand. Aber blenden wir zurück an den Anfang der Dekade und zoomen wir hinein in die Grenzstadt nach dem Krieg.

Neuer Trend: Das Warenhaus «Knopf» wirbt für seine modern geschnittene Regenmantel-Kollektion.

Neuer Trend: Das Warenhaus «Knopf» wirbt für seine modern geschnittene Regenmantel-Kollektion.

1920

Basel hat den Ersten Weltkrieg, die Spanische Grippe und den Generalstreik hinter sich. 140'000 Menschen leben hier. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Reallöhne sind während des Krieges um einen Drittel gesunken, es herrscht Wohnungsnot. Die meisten können sich Zerstreuungen, die Geld kosten, nicht leisten. Aber wenigstens wird die Fasnacht im März nachgeholt, nachdem sie im Februar wegen der Grippewelle abgesagt wurde. Der Autor der Basler Chronik notiert, dass diese nun «in den altüberkommenen Formen sehr nachdrücklich gefeiert wird, nicht zur Freude weiter Kreise der Bevölkerung, die es tadeln, dass in der Vorwoche der Passionstage so laute und zerstreuende Vergnügen veranstaltet werden».

Das Vergnügen hat es in Basel nicht leicht. Insbesondere wenn es öffentlich zelebriert wird. Doch das Bedürfnis danach ist gross: 1920 gibt es immerhin acht «Kinematografentheater» in der Stadt. Religiöse Kreise sorgen sich um die Seelen der Jugend. Der Reporter der «National-Zeitung» aber ist hingerissen von den bewegten Bildern: «Unser Leben wurde farblos, umgrenzt, nüchtern. Der Film hat es erlöst, hat alle Bande gesprengt. Meint man denn, es sei Zufall, dass gerade die Armen, die von den Genüssen Ausgeschlossenen in die Kinos stürmen?» (7. April 1921)

Auch in die stark traditionell ausgerichtete Kunstwelt kommt buchstäblich «neues Leben». Der Maler Fritz Baumann gründet 1918 die gleichnamige Künstlergruppe. Kurz vor dem Generalstreik 1919 zeigt sie in der Kunsthalle ihre erste Ausstellung. Unter den Mitgründern sind der Maler und Grafiker Niklaus Stöcklin sowie der Bildhauer Alexander Zschokke, zum weiteren Kreis gehört der Dadaist Hans Arp. Auch wenn sich «das neue Leben» 1920 bereits wieder auflöst, ist ihr Anspruch doch bemerkenswert. «Wir glauben nur an eine Kunst», schreibt Baumann in seinem Manifest. Der Unterschied zwischen freier, dekorativer oder kunstgewerblicher Kunst solle aufgehoben und die Kunst mit dem Leben verbunden werden. Für die konservative Basler Kulturelite ist das eine Provokation.

Das Kino Palermo in der Blütezeit: Es ist nur eines von sieben Kinos, die 1927 und 1928 eröffnen.

Das Kino Palermo in der Blütezeit: Es ist nur eines von sieben Kinos, die 1927 und 1928 eröffnen.

1921

Heuer überqueren wir die Kantonsgrenze, denn in unmittelbarer Stadtnähe ereignet sich Spektakuläres. Unser Ziel ist Muttenz und seit neustem fährt ein Tram dahin. Trotz erbitterten Widerstands des Naturschutzbundes wurde im Januar eine neue Linie eröffnet, die von der Stadt ins Grüne hinausführt, vom Wiesenplatz Basel bis nach Muttenz-Dorf. Aeschenplatz–St. Jakob– Freidorf, halt , hier steigen wir aus. Der Blick fällt auf 150 neue Häuser, gleichmässig im Abstand von je 25 Metern arrangiert, mit vielem Grün zwischendrin. Das «Freidorf» ist die erste grössere Gartenstadt der Schweiz, eine genossenschaftliche Siedlung, die der sozialdemokratische Politiker Bernhard Jäggi gegründet hat.

Ausnahmeerscheinung: Hungerkünstler Wolly zu Gast 1926 im Küchlin-Theater in der Steinenvorstadt.

Ausnahmeerscheinung: Hungerkünstler Wolly zu Gast 1926 im Küchlin-Theater in der Steinenvorstadt.

Jäggi ist Verwaltungskommissionspräsident beim Verband Schweizerischer Konsumvereine, und hat eine Vision, die er draussen vor der Stadt in die Tat umsetzen lässt: «Der Mensch soll wieder mit der Natur in Berührung gebracht werden.» Der Architekt der Stunde heisst Hannes Meyer und kann auf Erfahrungen mit Genossenschaftsbauten in Deutschland zurückgreifen. Meyer hat einen älteren Kollegen ausgestochen, der in der Schweiz bereits Pionierarbeit geleistet hat: Hans Bernoulli. Auch an der Uni geschehen ausserordentliche Dinge:

1922

«Fräulein R. Speiser erwirbt als erste Studentin an der hiesigen Universität den juristischen Doktortitel», vermeldet die Basler Chronik am 8. Juli. «Fräulein» Speiser heisst Ruth und ist auch die erste Frau, die in Basel ein Advokatur- und Notariatsbüro führt. Eine solche Karriere ist noch selten, zumal sich die hiesige Universität im Vergleich zu jener in Genf oder Zürich besonders schwertut, Frauen zum Studium zuzulassen. Mehr nachgefragt sind «Stenodactylografistinnen», «Bureau-Fräuleins» oder einfach ein «jüngeres, intelligentes und absolut zuverlässiges Fräulein», wie es im Stellenanzeiger der «National-Zeitung» heisst. «Sekretärinnen» wird man sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg nennen.

1922 macht ein Fall am Polizeigericht Schlagzeilen: Ein «Cocain- und Morphiumschieberprozess» – und das hier bei uns! Dr. Hunziker, Vorsteher des kantonalen Gesundheitsamtes, nimmt ihn zum Anlass für Warnschrift in der Schweizerischen Apothekerzeitung: «Cocainismus», schreibt er, sei hierzulande relativ neu und hänge oft mit der «geistigen Verlotterung und moralischen Haltlosigkeit gewisser Bevölkerungskreise zusammen». Deshalb hält es Dr. Hunziker für dringend angezeigt, das kantonale Gesetz für Giftverkauf um dieses «neue Rauschgift» zu erweitern.

1923

«Moralische Haltlosigkeit» wird auch der Varieté-Branche bescheinigt, zumal die Stadt ihr zunehmend verfällt. 1912 lässt der Lörracher Karl Küchlin in der Steinenvorstadt einen derart schicken Vergnügungstempel bauen, dass beim ehrwürdigen Stadttheater am Steinenberg die Alarmknöpfe leuchten. Das Küchlin ist legendär und avanciert in ganz Europa zur gefragten Adresse. Das Programm lässt sich sehen: Neben Varieté, Tanzrevuen und Tiershows werden auch Boxkämpfe veranstaltet. Am 1. November gibt die deutsche Stummfilm-Diva Henny Porten ein Gastspiel. Auch sie eine Pionierin, die aber dieses Jahr Pech hat. Die Filmproduktionsfirma, die sie vor vier Jahren gegründet hat, geht bankrott. Die Schau muss trotzdem weitergehen ...

1924/1925

in der Sylvesternacht: Die Künstler Paul Camenisch, Albert Müller und Hermann Scherer gründen die «Gruppe Rot-Blau». Der Name zeugt weniger von ihrer Treue gegenüber dem FCB – das könnte ja sein – als vielmehr von der Bedeutung der Grundfarben für ihre Kunst. «Rot-Blau» malt in kräftigen Farben, um die Intensität der Gefühle zu betonen. Ihr Vorbild und Förderer ist der expressionistische Künstler Ernst Ludwig Kirchner. Die Basler Kunstelite kann wenig damit anfangen. Nach dem Tod von Mitgründer Scherer löst sich die Gruppe 1927 auf, um 1928 als «Gruppe Rot-Blau II» nochmals anzutreten. Auch die Neuformation existiert nur wenige Jahre, jedoch legen die beiden Vereinigungen das Fundament für eine weitere Gruppe, die sich 1933 zusammentun wird, um offen gegen den lokalen Kunstbetrieb zu opponieren und Mitsprache zu fordern: die Gruppe 33.

1926

Dieses Jahr überschlagen sich die Ereignisse, ein Überfliegen muss genügen. Apropos Überflieger: Seit drei Jahren ist Basel luftverkehrstechnisch mit Paris und London verbunden.

Die Welt wird schneller, die Wege werden kürzer. Und kürzer werden auch die Kleider. Die «neue Frau» konsultiert den Katalog des Kaufhauses Knopf und studiert die neue Kollektion.

Die schweren Stoffe der Jahrhundertwende sind passé, schlicht und sportlich muss es sein. Wollen Sie’s einmal mit Golf versuchen? Kein Problem, Knopf hat das passende Outfit. Das kann kein Zufall sein. Basel hat seit neustem einen «Gold & Country Club», in St. Louis lässt er eine Neun-Loch-Anlage bauen. Dass dieser auch Frauen aufnimmt, ist indes unwahrscheinlich.

Beim «Centralbahnhof» wird ein Radiostudio eingerichtet. Zum Sendestart hält der Basler Physikprofessor Hans Zickendraht eine Rede. Sie muss aber unterbrochen werden, weil eine andere Ansage dringender ist: Der Flugplatz Sternenfeld muss per Funk Kontakt zu einem verspäteten Flugzeug aufnehmen und die Landung koordinieren. Die Zeitungsverlage verfolgen die ersten Radiotöne mit Argwohn. Mit vereinten Kräften erzielen sie eine Vereinbarung, wonach das Radio sie in der Berichterstattung über aktuelles nicht konkurrenzieren darf. Der Bund leistet ihnen Schützenhilfe.

1927

Josef Adelmann flucht. Seit neun Jahren ist er künstlerischer Leiter des Küchlin-Theaters und der administrative Aufwand wird immer mehr. Die Fremdenpolizei sitzt ihm im Nacken. Sie verlangt immer detailliertere Auskünfte über die ausländischen Artisten, die er für Gastspiele engagiert. Sie brauchen eine Aufenthaltsbewilligung. Im Juni kommt es sogar so weit, dass der Polizeiinspektor eine Saison-Freikarte verlangt, damit er jederzeit die Vorstellungen besuchen und kontrollieren kann, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Das ist der offizielle Grund.

Nun schalten wir kurz nach Dessau in Deutschland: Bauhaus-Direktor Walter Gropius sitzt in seinem Büro auf einem Stahlrohr-Sessel und macht sich Gedanken über seine Nachfolge. Dafür käme Hannes Meyer in Frage, der Architekt der «Freidorf»-Siedlung in Muttenz, den er bewundert, wenn er nur nicht so vorlaut wäre. Auch dem Bauhaus gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund, schrieb er ihm doch jüngst nach einer Jahresfeier, einige Arbeiten erinnerten ihn spontan an Dornach und Rudolf Steiner, «sektenhaft und ästhetisch» kämen sie daher. Trotzdem übergibt Walter Gropius den Stab ...

1928

... dem radikalen Basler, (bevor er ihn 1930 wieder vom Thron stürzt – oder besser: vom Stahlrohr-Sessel).

In Basel sorgt derweil ein Gebäude nahe beim Bahnhof für Furore. In der Stadt verkehren immer mehr Automobile. Der Unternehmer Carl Schlotterbeck-Simon wittert seine Chance und lässt eine Grossgarage errichten, die nach dem Rampenprinzip funktioniert. 900'000 Kilo Eisen und Stahl werden verbaut, das neumodische Gebäude ist fünfstöckig. Ein Auto-Fliessband, das läuft und läuft und läuft ...

1929

Heuer kommt der Jazz in die Stadt. Die Basler Combo Lanigiro Syncopated Melody Kings spielt den ersten Jazz-Song der Schweiz ein und widmet ihn dem Mondmann. Ob auch die berühmte Josephine Baker zu «Me And The Man In The Moon» tanzt? Ausgeschlossen ist es nicht, denn 1929 tritt sie erstmals in der Schweiz auf, und zwar in Bern. Im Publikum sitzt auch der Küchlin-Theaterchef Josef Adelmann, denn er konnte Baker auch für einen Auftritt in Basel verpflichten. Postwendend hatte er wieder den Polizeiinspektor am Draht, der geltend machte, das sei zu frivol für die Stadt.

Adelmann kann ihn aber beruhigen, indem er ihm zurückmeldet, er habe sich persönlich davon überzeugen können, «dass Josephine Baker nicht das Geringste bietet, costümlich, wie in ihren Darbietungen, das Anstoss geben könnte zu Aergerniss (...). Auch im Privatgespräch fand ich J. B. sehr intelligent, ruhig und vornehm, ganz entgegengesetzt dem, was man sich bei ihr vorstellt, nach den sensationellen Zeitungsberichten aus allen Weltteilen.» Na dann ist ja gut.

Im Kulturteil der «National-Zeitung» ist von einer weiteren Sensation die Rede: Der Ton kommt ins Kino. Der überwältigte Berichterstatter schreibt über einen Besuch im Kino Capitol am 14. August: «Der Lautsprecher gibt wirklich den Ton an, den die Lippe gerade formt (...): Das Plätschern der Wellen, das Rauschen des Regens, das Krachen des Sturms (...), das alles tönt uns entgegen.»

Mit unserer Revue ist bald Schluss. Bevor wir aber die Lichter löschen und den Vorhang schliessen, nehmen wir nochmals die Basler Chronik zur Hand. Am 27. September notiert der Autor: «Dieser Tage werden die letzten öffentlichen Gaslaternen durch elektrische Beleuchtung ersetzt.» Eine Ära geht zu Ende, ein neues Jahrzehnt bricht an.

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