Mehrwertsteuer
Bagatellgrenze kratzt Einkaufstouristen nicht – trotzdem macht sich das Rheincenter Sorgen

Einkaufstouristen aus der Region tragen die drohende 50-Euro-Bagatellgrenze mit Fassung – das Rheincenter jedoch befürchtet Einbussen.

Tanja Opiasa
Merken
Drucken
Teilen
In Weil am Rhein sind an Wochenenden viele Schweizer Einkaufstouristen anzutreffen – hier in der «Einkauf-Insel».

In Weil am Rhein sind an Wochenenden viele Schweizer Einkaufstouristen anzutreffen – hier in der «Einkauf-Insel».

Juri Junkov

Samstagmittag am Grenzübergang Basel-Kleinhüningen: Teenager Kya Kode parkt den Trolley ihrer Familie im Schatten des Zollhäuschens. Einmal wöchentlich deckt die Familie ihren Wochenbedarf an Lebensmitteln im Rheincenter. Kyas Mutter lässt soeben den grünen Ausfuhrzettel abstempeln. Hinter ihr bildet sich bereits eine Schlange. Das könnte sich ab 2020 ändern: Das deutsche Bundesfinanzministerium beschloss am vergangenen Mittwoch in einem Gesetzesentwurf die Einführung einer Bagatellgrenze für die Mehrwertsteuer-Zurückerstattung: Einkaufstouristen müssten künftig Waren im Wert von 50 Euro oder mehr kaufen, um Geld zurückzuerhalten.

Die Einkaufstouristen pilgern auch an diesem Samstag in Massen ins Rheincenter. Dessen Kundschaft bestehe zu über 50 Prozent aus Schweizern, sagt die neue Centermanagerin Alev Kahraman zur bz. «Die Attraktivität des Weiler Standorts und das ungehinderte Einkaufen werden durch eine Wertgrenze von mehr als 25 Euro empfindlich gefährdet», betont Kahraman.

Viele Kunden würden nicht zu den einkommensstarken Gruppen gehören, fügt sie an. Für die zählten auch kleinere Beträge. «50 Euro Mindestwert sind zu hoch.»

Handelsverband Südbaden ist in Aufregung

Die einzelnen Beträge können zudem nicht kumuliert werden, der Gesamtbetrag müsse also in einem Geschäft erreicht werden. «Am Umsatz wird sich dadurch etwas ändern», vermutet Kahraman.

Um den Zoll zu entlasten, hätte bei einem digitalisierten Verfahren angesetzt werden müssen, betont Kahraman. Der Handelsverband Südbaden forderte die angeschlossenen Betriebe in einem Schreiben, das der bz vorliegt, Mitte Juni dazu auf, sich gegen die Wertgrenze einzusetzen. In wenigen Tagen seien so über 7000 Unterschriften zusammengekommen, sagt Kahraman.

«Es könnte für einige Kunden wie eine Barriere wirken», meint Drogistin Julia Hahnemann, deren Vater die Apotheke im Rheincenter seit 28 Jahren betreibt. Gerade bei Bedarfsmedikation zahlen Kunden oft weniger als 50 Euro, sagt Hahnemann. Eine Prognose über einen Umsatzrückgang will sie keine wagen. Sie bezweifle aber, dass sich der bürokratische Mehraufwand am Zoll durch die «Scheinlösung» verringern werde.

Dazu könne man sich, bis der Bundestag im kommenden Herbst über den Beschluss entscheide, nicht äussern, sagt derweil Antje Bendel, Mediensprecherin des Hauptzollamts Lörrach, auf Anfrage.

Entspannt sieht Mineralienhändler Ralf Ferkau den Mindestwert. Er rechne damit, dass sich der Stau an der Grenze dadurch reduziere. Problematisch könne sich die Bagatellgrenze auf die Stammkundschaft aus dem Grenzraum auswirken. Die komme mehrmals wöchentlich für kleinere Besorgungen ins Center.

Anni, die soeben für 20 Euro im «DM» einkaufte, bemängelt, dass die Einkäufe aus verschiedenen Geschäften am Zoll nicht addiert werden könnten. Kritik wird bei der spontanen Umfrage mit Schweizer Kunden ansonsten kaum geäussert. Eine Männerclique aus Bern kommt alle drei Monate ins Rheincenter, um einzukaufen: «Für weitaus mehr als 50 Euro», sagt Pravin. Das Gleiche sagt Sebastian Ebneter, ein junger Familienvater aus Basel: «Wenn wir im Rheincenter einkaufen, dann für grössere Beträge.» In erster Linie fährt er für Säuglingsbedarf und Lebensmittel über die Grenze. Er sagt, auch mit einer Bagatellgrenze wäre der Einkauf «im Dütsche» günstiger.

Viele zeigen Verständnis für die Bagatellgrenze

«Es lohnt sich immer», findet auch Sascha Studer aus Breitenbach, die einen vollen Wagen samt Decke für ihren Vierbeiner schiebt. Ein junges Paar wird am Zoll rund 30 Euro Mehrwertsteuer zurückerhalten. Emily Vollmer glaubt, dass die Kunden mit der Bagatellgrenze zwar weniger häufig im Ausland einkaufen gehen, pro Mal aber mehr ausgeben würden: «Statt täglich kaufen Kunden dann vielleicht einmal die Woche ein.» Verständnis für die Bagatellgrenze zeigt Nadine Hollmann: «Für 10 Euro würde ich die Mehrwertsteuer sowieso nicht zurückfordern!»

Kleinere Beträge würden den Aufwand am Zoll enorm erhöhen, betont auch Inka Schumacher aus Muttenz. Ihr Partner Franky Kalwie ergänzt: «Insofern ist eine Bagatellgrenze sogar durchaus sinnvoll.»