Integrationsprojekt
Bald könnten Flüchtlinge an der Baselworld reinigen

Das Reinigungsgewerbe ist bereit, Asylbewerber und vorläufig aufgenommene Ausländer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Branchenverband Allpura, Gewerkschaften und Behörden starten ein Pilotprojekt. Daran beteiligt sich die Honegger AG.

Daniel Haller
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Putzleute der Honegger AG, unter ihnen auch die Somalierin Qadan Axmed Ibraahin (mit Staubsauger), die im Rahmen des Pilotprojekts das Praktikum macht.

Putzleute der Honegger AG, unter ihnen auch die Somalierin Qadan Axmed Ibraahin (mit Staubsauger), die im Rahmen des Pilotprojekts das Praktikum macht.

Kenneth Nars

Reinigung ist ein hartes Geschäft: «2 Minuten und 40 Sekunden stehen den Mitarbeitenden gemäss Kalkulation zu Verfügung, um eine Nasszelle zu reinigen», berichtet Manuela Loretan, Personalchefin und Mitglied der Geschäftsleitung der Honegger AG. Wer zu Hause sein Badezimmer selber reinigt, kann sich diese Geschwindigkeit kaum vorstellen. Bei Honegger bedient man sich unter anderem eines Verfahrens, bei dem die Reinigungschemie bereits im Mikrofasertuch enthalten ist. Dieses muss man nur noch feucht machen. Lässt die Reinigungskraft nach, fliegt der Lappen in einen Eimer und wird später in der Wäscherei wieder aufbereitet.

Glossar

- Ausweis C: Niederlassungsbewilligung, unbefristet

- Ausweis B: Aufenthaltsbewilligung, befristet, also muss jeweils eine Verlängerung beantragt werden.

- Ausweis L: Kurzaufenthalter, maximal 1 Jahr

- Ausweis G: Grenzgänger

- Ausweis N: Asylsuchende/Asylbewerber

- Ausweis F: vorläufig Aufgenommene: Eigentlich wurde ihr Asylgesuch abgelehnt, aber eine Ausweisung ist nicht zumutbar, nicht möglich oder unzulässig, beispielsweise, weil im Heimatland Krieg herrscht.

Doch nicht nur an der Front steht die Branche unter Druck: «Unsere Marge beträgt einen Franken auf 40 Franken Umsatz», berichtet Loretan. Und Cosimo Minerba, Abteilungsleiter in der Münchensteiner Niederlassung der Honegger AG, ergänzt: «Deshalb sind für uns zusätzliche Kosten für die Bewilligungen ein Hemmnis, Flüchtlinge oder Asylbewerber einzustellen.»

Die Krux mit den Wartezeiten

Doch nicht nur die 250 Franken für die Arbeitsbewilligung für einen Flüchtling oder Asylsuchenden wirken als Einstellungsbremse, sondern auch die Wartezeiten: Vor allem in der Unterhaltsreinigung sind Teilzeitjobs die Regel. Geschäftshäuser muss man vor oder nach den Bürozeiten, Läden ausserhalb der Öffnungszeiten reinigen. Entsprechend teilen sich die 6000 Personen, die schweizweit bei Honegger arbeiten, rund 2040 Vollzeitstellen. Der durchschnittliche Beschäftigungsgrad beträgt 34 Prozent. «Hinzu kommt, dass Aufträge oft kurzfristig reinkommen», berichtet Cosimo Minerba. «Wir arbeiten in einem dynamischen Umfeld, in welchem wir flexibel agieren müssen.» Deshalb unterhält er eine Kartei mit den Daten von Leuten, die sich aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda per Blindbewerbung bei Honegger gemeldet haben. «Stehen diese kurzfristig zur Verfügung, kommt es zu einem ersten Einsatz. Bewähren sie sich, liegt später eine unbefristete Anstellung drin.»

Da haben Bewerber mit einem N- oder F-Ausweis oft das Nachsehen: Drei bis acht Wochen dauert es, bis die Firma die Bewilligung bekommt, sie einzustellen. «Es ist immer ein grosser behördlicher Akt, wenn man vorläufig Aufgenommene beschäftigen will», moniert Minerba. Und Loretan ergänzt: «Hinzu kommt, dass dies von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gehandhabt wird.»

«Wir sind Schweiz»

Die Niederlassung Baselland / Basel-Stadt der Honegger AG beschäftigt 850 Mitarbeitende. Jede Niederlassung ist selbstständig, um besser auf regionale Besonderheiten eingehen zu können. In der Region Basel zählt Honegger unter anderem die Messe Basel zu ihren Kunden und reinigt also an der Baselworld, der Art Basel oder der Swissbau. Auch Coop, Migros Bank, Roche oder die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) zählen auf ihre Dienste.

Bei der BVB kam es auch zum Gegengeschäft: Das Schienen-Reinigungsfahrzeug trägt einen nicht zu übersehenden Rastafari-Kopf, das Honegger-Logo und den Slogan: «Wir sind Schweiz, 6000 Mitarbeitende, über 100 Nationen, eine Heimat!». «2014 hat die Honegger AG sich zum 66. Firmenjubiläum diese Kampagne gegönnt», erläutert Loretan.

Zwar sei es in der Reinigungsbranche üblich, dass der Grossteil der Angestellten Migrationshintergrund habe. «Schweizer und Secondos arbeiten selten in dieser Branche», berichtet Minerba, selbst Sohn eines ehemaligen italienischen Saisonniers. Die multikulturelle Vielfalt offensiv als Teil der Schweizer Werte zu kommunizieren gehöre zur Honegger-Firmenkultur. So beteilige sich der CEO Stefan Honegger auch an einem Forschungsprojekt in dem untersucht wird, was Migranten daran hindert, Deutsch zu lernen.

Viele Partner – ein Pilotprojekt

Die Honegger AG ist interessiert daran, die Hürden für die Beschäftigung von Asylsuchenden und vorläufig aufgenommenen Ausländern zu senken und beteiligt sich aktiv an einem kürzlich lancierten Pilotprojekt. Vier bis zehn Personen können je in einem Reinigungsbetrieb ein dreimonatiges Praktikum absolvieren. Dieses besteht aus dreieinhalb Tagen Arbeit pro Woche und anderthalb Tagen Weiterbildung. Dafür bekommen sie eine Art Lehrlingslohn von 780 Franken im Monat. Die Kurse erfolgen in den Ausbildungszentren der Allpura, dem Branchenverband der Reinigungsunternehmen in der Deutschschweiz, in Rickenbach SO und Dietikon ZH. Den Lohn bezahlt die Firma, die Kosten der vorangehenden Eignungstests und für die Bewilligungen tragen die Kantone.

Honegger wird vier Personen aus den Kantonen Baselland, Solothurn, Bern und Zürich ein solches Praktikum ermöglichen. Das Bewerbungsgespräch einer in Dornach wohnenden Somalierin ist in der Niederlassung Münchenstein bereits erfolgreich verlaufen. «Am schönsten wäre es, wenn sie sich nach dem Praktikum hier bei uns bewirbt und sogar eine Lehre als Gebäudereinigerin machen möchte», hofft Loretan.

Getragen wird das Pilotprojekt vom Branchenverband Allpura, den Gewerkschaften Unia und Syna sowie «Dialog Integration». Hinter der letztgenannten Organisation steht die Tripartite Agglomerationskonferenz (TAK), deren Präsident der Basler Regierungspräsident Guy Morin ist. Die Koordination liegt bei der Paritätischen Kommission des Reinigungsgewerbes: «Wegen des hohen Anteils an Migranten verfügen die Unternehmen unserer Branche über grosse interkulturelle Kompetenzen und können so dazu beitragen, Flüchtlinge und Asylsuchende in den Arbeitsmarkt zu integrieren», meint Sara Baruffa, Koordinatorin für Weiterbildung.

Die Initiative wurde vom Staatssekretariat für Migration (SEM) der Eidgenosseschaft lanciert. «Staat und Wirtschaft wollen das Potenzial der Migrationsbevölkerung nutzen und fördern», heisst es beim SEM. Das Pilotprojekt diene dazu, Hürden aufzuspüren, welche die Arbeitsintegration von Flüchtlingen und Asylbewerbern erschweren, und diese abzubauen.

Raus aus der Sozialhilfe

«In der Schweiz leben rund 30 000 anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene im erwerbsfähigen Alter», heisst es im Konzept des Pilotprojekts. Die meisten seien in der ersten Zeit nicht in den Arbeitsmarkt integriert und von der Sozialhilfe abhängig. «Als hohe Hürde erweist sich der erste Eintritt in den Arbeitsmarkt.»

Auf einen anderen Aspekt weist Loretan aus Arbeitgeber-Perspektive hin: Mit der demografischen Entwicklung würden sich auch für das Reinigungsgewerbe Rekrutierungsschwierigkeiten abzeichnen. «Unter anderem auch wegen der körperlichen Belastung dieser Arbeit lassen sich viele Migranten mit 50+ die Pensionskasse auszahlen und kehren in ihr Heimatland zurück.» Also bangen nicht nur die Firmen der Life Science-Branche wegen der «Masseneinwanderungsinitiative», dass sie künftig hochqualifizierte Fachkräfte nicht mehr bekämen, sondern auch das Reinigungsgewerbe am anderen Ende des Qualifikations-Spektrums.

Zudem hat man bei Honegger gute Erfahrungen gemacht: «Asylbewerber sind in der Regel sehr motiviert und leisten gute Arbeit», berichtet Personalchefin Loretan. «Wir haben äusserst positive Rückmeldungen von Kunden.»

Umso ärgerlicher sei es, dass es beispielsweise in der Romandie fast unmöglich sei, Arbeitsbewilligungen für diese Mitarbeiterkategorie zu bekommen. Auch die Erfahrung, dass ein Top-Mitarbeiter ausgeschafft werde und dann erst per Anwalt wieder zurückkehren könne, sei aus organisatorischer Sicht unerfreulich.

Motivation wichtiger als Kultur

Wie steht es mit den kulturellen Differenzen? Davon hält Minerba nichts: «Meine Erfahrung zeigt: Es kommt nicht darauf an, aus welcher Kultur jemand kommt, sondern ob er oder sie interessiert, motiviert und willig ist.»

Und was ist mit der in Deutschland diskutierten Forderung, dass für Flüchtlinge der Mindestlohn gesenkt werden solle, was zu Dumpinglöhnen führen würde? «Das ist in der Schweiz nicht zu befürchten», betont Rita Schiavi, Geschäftsleitungsmitglied der Unia und zuständig für die Reinigungsbranche: «In der Schweiz gelten die Gesamtarbeitsverträge für alle gleich.»

Schiavi weist auf einen anderen Punkt hin: «Man muss darauf achten, dass man nicht Leute, die eigentlich höher qualifiziert wären, nur wegen der Sprache ins Reinigungsgewerbe steckt. Das könnte sie daran hindern, sich in höher qualifizierte Berufe zu integrieren, das Reinigungsgewerbe würde sich für sie als Sackgasse erweisen.»

Die Gewerkschaften würden das Pilotprojekt voll unterstützen: «Wer nicht frühzeitig in den Arbeitsmarkt integriert wird, bleibt in der Regel ohne Arbeit und von der Sozialhilfe abhängig», berichtet Schiavi. «Deshalb ist es wichtig, die Hürden für die Integration abzubauen, was mit der Revision des Ausländergesetzes auch so vorgesehen ist.»

Menschen in Kategorien einteilen kostet Geld

Zwölf Kategorien Ausländerausweise findet man auf der Tabelle, welche die Honegger AG für ihre Niederlassungen erstellt hat. Das reicht vom Ausweis C über vier verschiedene Varianten des Ausweises B, zwei Varianten beim Kurzaufenthalterausweis L bis hin zu F- und N-Ausweisen.
Zweck der Tabelle ist es, im Paragrafendschungel auf einen Blick zu erfassen, ob – und mit welchen Bewilligungen – jemand arbeiten darf. «Es bedeutet für unseren Betrieb mit den rund 850 Mitarbeitenden einen grossen Aufwand sicherzustellen, dass keine Gesetze verletzt werden», erklärt Cosimo Minerba, Abteilungsleiter in der Münchensteiner Niederlassung der Honegger AG. So muss die Firma intern überwachen, wann bei Mitarbeitenden die Bewilligung abläuft. «Wir machen sie dann darauf aufmerksam, dass sie sich um die Verlängerung kümmern müssen. Zudem verlangen wir eine Bestätigung der Migrationsbehörden, dass eine Verlängerung beantragt wurde.»
Diesen Aufwand muss Honegger nicht nur deshalb betreiben, um legal auf der sicheren Seite zu stehen: «Es wurden auch schon topmotivierte und gute Mitarbeitende von heute auf morgen ausgeschafft, weil sie das Bewilligungswesen nicht durchschaut haben», sagt Personalchefin Manuela Loretan. Dies führe zu Problemen: «Die Kunden haben die Reinigung bestellt. Fallen Mitarbeitende aus solchen Gründen kurzfristig weg, stellt das unsere Zuverlässigkeit infrage.» Sie ergänzt: «Läuft bei jemandem die Aufenthaltsbewilligung aus, müssen wir ihn fristlos kündigen. Dagegen gibt es aber oft internen Widerstand, weil niemand gute Mitglieder seines Teams verlieren will.»
In der Tabelle hat die zentrale Personalabteilung die einzelnen Kategorien mit vier verschiedenen Farben hinterlegt. Deren Bedeutung reicht von «Anstellung ohne Aufwand, Kosten und Wartezeit möglich» bei einem Ausweis C bis hin zu «Anstellung mit grösserem Aufwand, Wartezeit und hohen Kosten möglich». In diese letzte Kategorie fallen Menschen mit den Ausweisen N und F, also Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Ausländer.