Blickfänge sind die auf einem Wall thronende romanische Kirche und der Strang einer Befestigungsmauer, der sich unter einem mässig wolkenverhangenen Himmel quer durchs Bild zieht. Davor ist eine kleine Gruppe von einfachen, an Bauernhäuser erinnernde Bauten zu sehen, die einen vorsichtigen Abstand halten zum unbefestigten, im Moment aber friedlich plätschernden Bach im Vordergrund.

Das Bild erinnert an eine ländliche Idylle der frühen Neuzeit – was aber ganz und gar nicht gemeint ist. Es handelt sich vielmehr um die Rekonstruktion eines Handwerkerviertels am Basler Petersberg, dort wo sich heute der Spiegelhof an den Wall schmiegt.

Die Kirche ist der romanische Vorgängerbau der Peterskirche, die wie viele Bauten dem Basler Erdbeben von 1356 zum Opfer fiel. Und das Befestigungswerk ist Teil der alten Stadtmauer aus dem 10. Jahrhundert. Es ist ein Bild, das ein Stück der Stadt Basel zeigt, die unmittelbar nach der Weihung des Heinrichs-Münsters zum grossen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung anhob.

Versuch einer Rekonstruktion

Entstanden ist das Bild als 3-D-Computerillustration im Anschluss an Ausgrabungsarbeiten der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt im heutigen Spiegelhof. Die Grabungsspezialisten stiessen auf zahlreiche Fundstücke, Lederreste, Metallstücke und Balken. Sie lassen darauf schliessen, dass an dieser Stelle, kurz vor der Mündung des Birsig in den Rhein, einst Lederwaren hergestellt wurden und metallverarbeitendes Handwerk ansässig gewesen sein muss.

«Die Illustration ist der Versuch einer Rekonstruktion des mittelalterlichen Handwerksviertels aus der Zeit um 1100», sagt Sven Billo, Grabungsleiter beim Projekt Spiegelhof. Dabei legt er Wert auf den Begriff «Versuch»: «Abgesehen von den Fundstücken im Boden wissen wir relativ wenig über diese Zeit.» Zeitgenössische Dokumente seien beim Basler Erdbeben zerstört worden. «Die Illustration ist also nur eine Möglichkeit, wie es damals wirklich aussah.»

Einzig über die Grundrisse der ehemaligen Häuser, die beim Bau des Spiegelhofs in den 1930er-Jahren festgehalten worden sind, wussten die Rekonstrukteure ziemlich genau Bescheid. «Bei der Bauweise der Holz- und Steinhäuser mussten wir uns aber an erhaltenen alten Häusern orientieren», sagt er. Diese fanden die Archäologen zum Beispiel im Freilichtmuseum Ballenberg oder – geografisch um einiges näher – beim ältesten Bauernhaus der Region in Muttenz. Dieses ist zwar rund 200 Jahre jünger als die abgebildeten Bauten, aber die Verantwortlichen gehen davon aus, dass sich die Hausbauweise in dieser Zeit nicht massgebend geändert hat.

Geschichtlich interessant sind die Funde, weil sie den Zeitpunkt dokumentieren, als sich Basel mit der Weihung des Heinrichs-Münsters im Jahr 1019 – damals war die Siedlung ein Kaff mit rund 2000 Einwohnern – zur blühenden Handelsmetropole entwickelte. Das vermeintliche Idyll zeigt also quasi ein Bild des Umbruchs. Wenig später entstanden auf dem Petersberg die ersten vornehmeren Anwesen gut betuchter Bürger.

Billo sagt, dass die Illustration, die unmittelbar nach Abschluss der Ausgrabungsarbeiten entstand, lediglich einen ersten Eindruck vermittle. «Wir haben mehrere Hundert Gigabyte Daten gesammelt, die wir erst noch auswerten müssen, es ist also gut möglich, dass wir das Bild später anpassen müssen.» Vielleicht wird das Basel des Jahres 1100 dann ein bisschen urbaner werden.