Dieses «Gefühl» im Magen. Vor der Premiere am Freitag wird Javier Rodriguez Cobos es wieder spüren. Und in diesem Moment weiss er jeweils, wieso er Tänzer geworden ist. Wenig später wird er als Blaubart über die Bühne des Theaters Basel wirbeln und sich immer sicherer fühlen.

So weit ist es aber noch nicht. Heute tanzt er im Proberaum unter der Grossen Bühne. Da gibt es keine Scheinwerfer, die Musik trällert aus der Konserve, die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Basel trippeln in Trainerhose und Trägerhemd über den Gummiboden. Sie wärmen sich auf. Dehnübungen, Trockenübungen. Noch fünf Minuten, sagt Stephan Thoss, der deutsche Choreograf von «Blaubarts Geheimnis».

Dann wird es ruhig. Und wie die Musik einsetzt, löst sich Cobos von der Wand. Beginnt sich zu bewegen, kraftvoll und graziös, verlangend und sanft zugleich. Hoch konzentriert wirft der 30-Jährige sich in die verschiedenen Posen, jede Faser seines Körpers kontrollierend, und doch sieht alles federleicht aus.

An seine ersten Tanzschritte kann sich Cobos nicht erinnern. Als Dreijähriger begleitete er seine Mutter in Madrid in den Flamenco-Unterricht, schaute ihr zu und probierte die Schritte zu Hause selber aus. Er soll sich ganze Choreografien gemerkt haben.

Mit fünf erhielt Cobos seine eigenen Flamenco-Stunden. Bald wechselte er in eine grössere Tanzschule, er hatte Talent. Es waren aber nicht nur unbeschwerte Jahre; in der Schule hänselten sie ihn, den Buben, der lieber tanzte statt einen Ball ins Tor zu kicken. Das änderte sich mit dem Engagement in einer TV-Show: Nun beneideten ihn selbst die Jungs. Zudem konnte er seine Eltern finanziell unterstützen, die als Zugbegleiter und Haushälterin ein bescheidenes Leben führten.

Elfjährig entschied sich Cobos jedoch gegen den flüchtigen Ruhm und für eine «seriöse» Laufbahn als Tänzer. Er besuchte das Real Conservatorio Nacional de Danza in Madrid, bis er mit neunzehn einen Platz im Junioren-Ballett der Compañía Nacional ergatterte.

Die letzten Takte im Proberaum des Theaters sind mittlerweile verklungen, die erste Hälfte von Blaubarts Geheimnis ist erzählt. Zeit für Korrekturen. Der Choreograf tanzt vor, was es zu verbessern gilt; er winkt immer wieder andere Tänzer zu sich, die seine Anregungen umzusetzen versuchen – und dann schwitzend in die Pause verschwinden.

Auf einem Bürostuhl irgendwo im Untergrund des Theaters erzählt Cobos nun von seinem Traum, der wahr geworden ist. Seit elf Jahren tanzt er professionell. Wie er davon spricht, kommt sein Lächeln auch in den Augen an: «Obwohl es eine Routine ist, ist es nie dasselbe. Mein Körper und meine Seele lieben es.» Wenngleich er jeden Morgen mit Schmerzen aufwacht. Die Hüften machen Cobos zu schaffen, und mit jedem neuen Programm komme ein neuer Schmerz hinzu.

Auch deshalb folgt das «Gym» auf seinem Tagesplan direkt auf das Frühstück. Im Pool des Fitnesscenters fühlten sich alle Bewegungen leichter an. Er sei eben nicht superdehnbar, er gehe immer bis ans Limit. Um 10 Uhr beginnt der Alltag des Balletts Basel mit 90 Minuten Klassischem Unterricht. Getanzt wird – mit zwei kurzen Pausen – bis 17 Uhr. Und danach? «Wird gegessen», sagt Cobos und muss selber ein bisschen lachen, wohl wissend, dass das bei seiner Statur nicht die nächstliegende Antwort ist.

Cobos spricht mit den Händen. Weit ausholende Gesten unterstreichen seine Worte. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass er es gewohnt ist, über Bewegungen Geschichten zu erzählen. In «Blaubarts Geheimnis» tanzt Cobos Blaubart, einen harten Mann, der seinen weichen Kern entdeckt. Er mag die Entwicklung, die diese Figur durchmacht. «Blaubart lernt zu lieben, nicht wie zum Beispiel Romeo, der das von Anfang an kann.» Die Story sei wichtig für einen Tänzer, jede Bewegung «meine» etwas. «Manchmal muss man sein Herz zeigen, damit es fürs Publikum verständlich ist.»

Mit dem Choreografen Stephan Thoss arbeitet Cobos gerne zusammen: «Sein Stil ist sehr physisch, er geht in die Extreme. Er weiss genau, was er will und erwartet, dass wir alles zu 300 Prozent können.» Wenn er sich freue, etwas erreicht zu haben, wolle Thoss stets noch mehr. «Er gibt uns diese Energie, bis ans Maximum gehen zu wollen. Manchmal denke ich, dass ich nach Hause kriechen muss.» Cobos schmunzelt. Es ist die Freude am Weiterkommen, die nicht einmal die Ahnung eines Vorwurfs aufkommen lässt.

Cobos wurde vor sechs Jahren in Basel unter Vertrag genommen. Zuvor tanzte er im Ballet de l’Opéra National du Rhin in Mulhouse und bei Introdans in Holland. Er versteht sich gut mit dem hiesigen Ballettdirektor Richard Wherlock. Er schätzt, dass viele bekannte Choreografen nach Basel eingeladen werden und sich sein Repertoire ständig vergrössert. Und er mag die Atmosphäre im Ensemble, die vom Miteinander, nicht von Konkurrenz geprägt sei. Das glaubt man ihm zumindest ein bisschen: Nach jedem Pas de deux im Proberaum wuscheln sich die Tänzer durchs Haar oder berühren sich kurz an der Schulter, als Zeichen der Anerkennung.

Cobos tanzt sehr gerne in Basel. Wann immer es der Zeitplan will, fährt er in die Berge oder lässt sich im Rhein treiben. Er sagt denn auch: «Wenn ich an die Situation in Spanien denke, gibt es keinen besseren Ort zum Leben.» Erzähle er in Madrid einem Bekannten, er sei Tänzer, frage dieser: «Und was arbeitest du?» In der Schweiz werde ihm Respekt gezollt, und das Theater sei voll.

Manchmal aber, vor allem an Sonntagen, vermisst er seine Familie. Dann greift er zum Handy, hört den Bruder und die Eltern zusammen lachen und ist sich bewusst, dass dieser Teil immer fehlen wird.

Und doch weiss er nicht, ob er je zurückkehren wird. Sollte es mit dem Tanzen einst nicht mehr klappen, möchte es Cobos mit der Schauspielerei versuchen. Er ist sich bewusst, dass das nicht einfach wird: «Ich bin weder superjung noch superhübsch.» Aber einfach ist auch das Tanzen nicht. Er mag das Risiko.

«Blaubarts Geheimnis». Theater Basel. Premiere am 28. März.