Städteforum

«Basel 2050»: Eine Stadt sucht ihre Zukunft

Die Betonung der Vertikalen fordert gewohnte Stadtbilder heraus: Roche-Türme.

Die Betonung der Vertikalen fordert gewohnte Stadtbilder heraus: Roche-Türme.

Der Planungshistoriker Angelus Eisinger erklärt, warum sich die Stadt am Forum «Basel 2050» mit ihrer Zukunft beschäftigen muss.

Wie lebt, arbeitet und vergnügt sich Basel in drei Jahrzehnten? Das Forum Städtebau «Basel 2050» sucht bis Ende September Antworten auf diese Fragen. «Die Stadtplanung ist sehr oft getrieben vom Alltagsgeschäft», sagt Angelus Eisinger, Zürcher Planungshistoriker und Mitglied der Begleitgruppe «Städtebau für Basel 2050». Es sei sinnvoll, dass man sich jetzt die Zeit nehme und die Einzelteile als Ganzes betrachte.

Basel schneidet im Städteranking immer wieder gut ab. Warum?

Angelus Eisinger: Zunächst einmal würde ich diese Rankings nicht zu stark gewichten. Das meist verwendete Rating von Mercer basiert auf Befragungen von Expats, deren Wahrnehmungen und Bedürfnisse sich nicht mit den Einschätzungen und Empfindungen der übrigen Stadtbevölkerung decken müssen. Ich persönlich schätze an Basel die Trinationalität, die Nähe zur Grenze. Das mag für Baslerinnen und Basler banal sein, aber mich beeindruckt immer wieder, wie selbstverständlich diese Grenzen zwischen Kultur- und Sprachräumen überwunden werden. Dann gibt es ein aussergewöhnliches Mäzenatentum im Kunst- und Kulturbereich, das die Stadt massiv prägt, und natürlich die Intaktheit des alten Stadtkerns, der mittlerweile ohne grosse Beeinträchtigung durch das Automobil erlebt werden kann. Das sind wichtige Assets in der Städtekonkurrenz.

Weshalb leidet die Stadt trotzdem an einem Minderwertigkeitskomplex?

Dieses Gefühl, aber auch das oft damit verbundene Konkurrenzdenken, ist tatsächlich irritierend. Basel ist seit Jahrhunderten eine selbstbewusste Stadt und hat als Forschungsstandort auch internationale Ausstrahlung. Trotzdem begegne ich immer wieder diesem mentalen Zug, den ich nicht nachvollziehen kann.

Wie entwickelt sich Basel denn im nationalen Vergleich?

Grundsätzlich glaube ich, dass sich alle prosperierenden Städte mit denselben Themen auseinandersetzen müssen, und Basel erledigt seine Aufgaben gut. Gerade beim öffentlichen Raum und dem damit verbundenen Umgang mit dem Verkehr steht ein Paradigmenwechsel an, der zum Beispiel in skandinavischen Städten bereits vollzogen worden ist. Im Schweizer Kontext finde ich es beeindruckend, wie es Basel gelungen ist, den Verkehr in der Innenstadt zu kanalisieren. Da geht die Stadt mutig voran, in Zürich gibt es diese Entschiedenheit noch nicht. Allgemein gilt: Viele Ansprüche an die Stadt, die über die letzten Jahrzehnte Selbstverständlichkeiten waren, werden wohl in Zukunft neu verhandelt werden müssen, denken wir an die Herausforderungen durch Klimaanpassung, Digitalisierung und Wohnungsmarkt. Entscheidend dabei ist ein breiter politischer und gesellschaftlicher Dialog über die Ausrichtung der Stadtentwicklung und die Schwerpunktsetzungen, die es dabei braucht.

Wie findet diese Stadtentwicklung aktuell statt?

In Basel geschieht dies weitgehend durch die Transformation der freigewordenen Industrieareale. In Zürich fand dies bereits seit Mitte der Neunzigerjahre statt, sodass es heute keine grösseren Industriebrachen mehr gibt. Die Frage, wie sich Zürich weiterentwickeln soll, kann deshalb tatsächlich nur noch innerhalb des Bestands beantwortet werden. Da ist Basel an einem ganz anderen Punkt: Bei allen Herausforderungen, die sich mit den Arealen im Klybeck oder auf dem Dreispitz stellen, gibt es einen entscheidendenVorteil: Die städtebaulichen Aufgaben sind auf solchen Brachen wesentlich einfacher, das dazu notwendige Know-how ist vorhanden.  

Basel schiesst in die Höhe. Braucht es eine solche Skyline?

Mich erstaunt vor allem, wie nüchtern dieses Thema in Basel lange Zeit verhandelt wurde. Die Diskussion um den Roche-Turm fand zum Beispiel nicht primär städtebaulich oder ästhetisch statt, sondern sie fokussierte auf Fragen der Stadtentwicklung: Wie geht man in der baulichen Entwicklung mit dem Wirtschaftsstandort um und inwieweit will man einer Unternehmensstrategie Rechnung tragen, um die internationale Konkurrenzfähigkeit für Unternehmen und Stadt zu gewährleisten. Ich bin gespannt, wie diese Diskussion weitergeht. Denn tatsächlich illustrieren die noch geplanten Hochhäuser  Schwerpunktverlagerungen innerhalb der Stadt. Zum historischen Zentrum, das bis in die Gegenwart Impulse gegeben hat, kommen in Zukunft neue Brennpunkte. Basel wird damit zum polyzentrischen System, die Betonung der Vertikalen wird gewohnte Stadtbilder herausfordern.

Wann wird Architektur zu dominant?

Stararchitektur hat international nicht mehr die Bedeutung, die sie vor einigen Jahren noch hatte. Wir erkennen heute: Diese Architekturen waren oft austauschbar, nahmen kaum Bezug auf die Bedingungen vor Ort. Wir brauchen uns dazu nur die Stadterweiterungen in Valencia oder die neuen Hochhauscluster in London anzuschauen. Für Basel ist es ein Glücksfall, dass es so viele hochkompetente Architekturbüros gibt. Viele Bauten von Herzog & de Meuron beispielsweise fordern Basel heraus, was sich ja an den Kommentarspalten der Tagespresse ablesen lässt. Sie gründen aber immer in einer tiefen Kenntnis der Stadt. Oder sie sind – wie im Fall des Roche-Turms – plausibel durch ihr Programm begründet.

Welche Rolle spielt die Stadtplanung in Basel?

Es sind die starken wirtschaftlichen Akteure, die sich deutlich sichtbar in den Stadtraum einschreiben – am prominentesten das Roche-Areal und der Novartis Campus. Dies erfordert einen konstruktiven Dialog. Zürichs alter Slogan, die Stadt sei gebaut, hilft hier nichts. Die Kultur des Dialogischen zeigt sich in Basel aber nicht nur im Umgang mit global tätigen Unternehmen, sondern auch im Einbezug der Bevölkerung in die Planungsprozesse. Mit klybeckplus zum Beispiel tastet sich die Stadtplanung an neue Formate heran, wie solche Entwicklungen gemeinsam mit der Bevölkerung formuliert werden können.

Welche Perspektiven müsste Basel für die Zukunft entwickeln?

Um die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel kommt keine Stadt herum. Das wird für massive Diskussionen sorgen, weil es um eine Verschiebung der stadtentwicklerischen Prioritäten geht, die teils diametral zum existierenden Städtebau stehen. Das erfordert einen Lernprozess für alle Beteiligten, um zu einer neuen Praxis zu kommen. Ebenso grosse Themen sind die Digitalisierung des Verkehrs, die Schaffung preiswerter Wohnungen und die Weiterentwicklung der gewachsenen Quartieridentitäten. 

Wie steht es mit dem wirtschaftlichen Klumpenrisiko, das Basel hat?

Das ist politisch extrem schwierig, wenn man weiss, wie mobil Unternehmen mittlerweile sind, auch weil auf sie ganz andere Einflussfaktoren wirken als noch vor einigen Jahrzehnten. CEOs sitzen heute nirgends mehr im Stadtparlament. Die zentrale Frage lautet für mich deshalb, wie Politik Voraussetzungen schaffen kann, dass solche Unternehmen langfristig hierbleiben können – und gleichzeitig alle von dieser Stadtentwicklung  profitieren.

Wo halten Sie sich selber in Basel gerne auf?

(lacht) Ich besuche Basel schon lange, stelle jetzt aber vermehrt fest, dass mich oft die touristischen Orte in Bann ziehen: Ich finde den Münsterplatz unglaublich schön! Ich mag den Rhein, Kleinbasel und die Tatsache, dass alles zu Fuss gut erreichbar ist. Und dann mag ich noch den Blick vom Tüllinger Hügel in die Weite des Rheintals bis hinein in die Ausläufer der Vogesen und den TER Alsace nach Colmar.

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