Basel

«Basel fehlt das Selbstbewusstsein»: Wie sieht die Zukunft der Basler Clubkultur aus?

Beliebt ist sie, die Clubkultur. Aber strenge Betriebsauflagen schlagen bei den Machern auf die Partylaune. Was dazu führt, dass wieder mehr Veranstalter in den gesetzlichen Graubereich flüchten.

Beliebt ist sie, die Clubkultur. Aber strenge Betriebsauflagen schlagen bei den Machern auf die Partylaune. Was dazu führt, dass wieder mehr Veranstalter in den gesetzlichen Graubereich flüchten.

Obwohl das Clubsterben in Basel noch nicht stattgefunden hat, gibt es eindeutig Verbesserungspotential. Die Kulturstadt braucht endlich ein breites Bekenntnis zu ihrem Nachtleben.

Zu Silvester strömen die Massen in die Clubs. Doch wie sieht’s an den anderen Tagen des Jahres aus, wenn sogar ein Szene-Kenner wie Tobi Müller diesen Sommer zur Street Parade trocken konstatierte, dass die heutige Jugend lieber ihren Körper im Fitness statt an Partys stählen würde?

Ist der Club ein Auslaufmodell? Diese Frage stiess in der Podiumsdiskussion «Der Club ist tot, es lebe der Club» in der Kleinbasler Bar Renée vor einem Monat auf überraschend grosses, überregionales Interesse – und löste kontroverse Reaktionen aus.

So antwortete Alex Flach, einer der profiliertesten Kenner des Schweizer Nachtlebens im «Tages-Anzeiger», das «Clubsterben», das in den letzten Jahren oft als Schreckensbild durch die Szene geisterte, sei bisher ausgeblieben. Tatsache sei vielmehr, dass die Clubkultur seit ihrem Beginn vor 30 Jahren regelmässig totgeschrieben werde – sich aber dem Partygänger eigentlich so vielfältig zeige wie nie zuvor.

Zumindest für Zürich mag das stimmen. Doch die grösste Stadt der Schweiz hat die Techno-Kultur auch längst als Standortfaktor erkannt. Diese Einsicht steht in Basel, wo die Clubkultur von Politik und Behörden oft stiefmütterlich behandelt wurde, noch aus.

Das Problem dabei: Die Partyszene, die ständig zwischen den Polen Underground und Mainstream oszilliert, ist grundsätzlich längst erwachsen geworden und inmitten der Gesellschaft angekommen. Allerdings fehlt in Basel vielerorts noch das Selbstbewusstsein, das Städte wie Berlin oder Hamburg auszeichnet, die sich durch ihr Nachtleben definieren: Hier sind die Ausgehviertel nicht anrüchiger Störfaktor oder geduldetes Sündenbabel, sondern prägend für das Profil der Stadt.

Hat das Nachtleben also in erster Linie ein Imageproblem? Die Frage scheint berechtigt. Denn die Erkenntnis, dass ein aktives, blühendes Nachtleben, die Stadt bereichert und attraktiv macht, ist auch in Basel vorhanden. Noch fehlt aber, wie das Beispiel Hafen zeigt, die konsequente Umsetzung dieser Strategie.

Die Flucht in den Graubereich

Viel zu oft verlieren sich Behörden sowie Kultur- und Gastronomieunternehmer im juristischen Hickhack, liefern sich einen wenig produktiven Kleinkrieg um Öffnungszeiten und Betriebsauflagen, statt an einem Strang zu ziehen.

Das Ergebnis: Die Szene wandert in den Graubereich ab. Immer mehr Zwischennutzungen sprengen den herkömmlichen Rahmen von dem, was als «Clubbing» verstanden wird. Gefeiert wird an wechselnden Orten und somit auch die schwierige Bewilligungslage umschifft. Der Club wird als Wohnzimmer wiedererfunden.

In Basel wie Zürich schossen in den letzten Jahren Vereinslokale wie Pilze aus dem Boden. Das «Klaus» an der Zürcher Langstrasse etwa bleibt das ganze Wochenende hindurch geöffnet und verströmt den Charme einer abgeranzten Tanzstube aus den 70er-Jahren.

Diese After-Hour-Locations, die oft unregelmässig, dafür tagsüber geöffnet bleiben, sind zwar höchst heimelig, aber selten offiziell bewilligt. Ähnlich wie an der Fasnacht die Besenbeizen und Cliquenkeller handelt es sich um Liebhaberprojekte, die kaum Geld abwerfen.

Im Unterschied zu offiziellen Zwischennutzungen funktionieren diese Konzepte gerade über eine charmante Geheimnistuerei. Das Gesetz der Mundpropaganda, das einerseits den Reiz dieser Projekte ausmacht, macht sie gleichzeitig aber auch prekär. Dementsprechend mag sich von den Betreibern kaum jemand öffentlich äussern: «Die machen uns sonst gleich den Laden dicht», lautet unisono die Antwort auf Anfragen der bz.

Eigentlich wäre hier «Kultur und Gastro», der Verein, der sich in der Basler Politik bislang am meisten ums Nachtleben kümmerte, gefragt. Allerdings blieb es dieses Jahr politisch ruhig um das Thema. Dies, obwohl die Basler Locations spürbar alle mit denselben Problemen kämpfen: Behördenwillkür, fehlende Planungssicherheit, Geldnot aufgrund der Gratiskultur.

Dass hier das Konzept eines Nachtstadtrats oder Nachtbürgermeisters, wie dies in Städten wie Amsterdam oder Berlin bereits etabliert ist, helfen würde, scheint folgerichtig. Doch noch hat sich diese Idee in der Schweiz nicht etabliert. Wahrscheinlich auch, weil die Szene nicht geeint auftritt.

Sie ist auch geografisch versprengt, an den Rändern der Stadt: Dreispitz, Lysbüchel, Klybeck.
Das erste neue Experiment einer alternativen Ausgehmeile bildete vor fast 20 Jahren das zuerst bekämpfte, dann auch von den Behörden gefeierte «nt Areal».

Heute ist es der Hafen, dessen Zwischennutzungen die Gemüter spalten: Hier zeigen sich noch immer Kinderkrankheiten eines staatlich subventionierten, aber bestenfalls tolerierten Nachtlebens. Dabei wurde dieses Jahr das Projekt Shift Mode zwischen Behördenauflagen, Lärmbussen und Anfeindungen innerhalb der Zwischennutzer-Szene zerrieben.

Potenzial auf dem Dreispitz

Besser läuft es am anderen Ende der Stadt, dem Dreispitz: Wo im 2017 das Aus des Basler Vorzeigeclubs Hinterhof die Partyszene zunächst bestürzte, wird seither das «Viertel» betrieben – ein kommerzielles Grossprojekt ohne Berührungsängste, das neben elektronischer Musik auch auf Bravo-Hits-Partys und Gastro-Innovationen wie eine Winterjurte auf dem Dach setzt.

Dabei kann man den Namen Viertel auch sinnbildlich verstehen: Der Dreispitz könnte in Zukunft zu Basels wichtigstem Kultur- und Ausgehviertel werden. Könnte – denn das Quartier, dessen Boden grösstenteils der Christoph Merian Stiftung gehört, wächst erst zögerlich zu einem möglichen tonangebenden Kultur-Hub zusammen.

Pionier auf dem Dreispitz war vor 15 Jahren Guy Blattmann, dessen «baselcitystudios» und das Restaurant Schmatz zum Treffpunkt für Musiker, Bonvivants und Partygänger wurde. Mittlerweile betreibt der Unternehmer an seinem Domizil, der Frankfurtstrasse 66, den Club Elysia, der inzwischen für viele schweizweit als erste Adresse im Basler Nachtleben gilt.

«Wir haben uns im dritten Betriebsjahr gut positioniert», sagt er. Sein Club setzt dabei bevorzugt auf spannende, internationale Acts und Newcomer sowie junge lokale Labels. Wichtig für ihn: «Es darf nicht beliebig wirken, was bei uns gespielt wird.» Damit hätten sie inzwischen ein treues Stammpublikum gewonnen. Dass der Club über die Region hinaus etabliert sei, liege einerseits daran, dass ihm Glaubwürdigkeit wichtig sei. Kern des Konzepts sei hochstehende elektronische Musik, kuratiert von Booker Adrian Martin alias Martinesque, der ein gutes Gespür für kommende Trends aufweist sowie enge Kontakte nach Zürich pflegt.

Dass man im Dreispitz mit dem Haus der Elektronischen Künste, Radio X und dem Kunstcampus der FHNW einen veritablen Kultur-Hub kreieren konnte, begrüsst Blattmann. So, wie bekannte Techno-Produzenten abends bei ihm im Club gastieren auch mal tagsüber im Studio einchecken, kann er sich in Zukunft auch grössere Kooperationen mit anderen Playern auf dem Areal vorstellen.

Ähnlich äussert sich Danielle Bürgin, die Musikchefin von Radio X. Der Radiosender bindet die Clubszene im Programm mit Live-Übertragungen ein. Für 2019 sei ein gemeinsames Format mit dem Elysia angedacht, wo – ähnlich wie beim globalen Hype-Projekt «Boiler Room» – nicht nur DJ-Sets, sondern begleitend auch Interviews aus dem Club gestreamt würden.

Nächste Chance: Lysbüchel-Areal

Dass der Dreispitz auf der Kantonsgrenze liegt, scheint kein Hindernis. Im Gegenteil: Die Baselbieter Behörden werden von den Akteuren der Kreativwirtschaft durchs Band gelobt. Vielmehr scheinen alle auf ein Bekenntnis der Stadt Basel zu warten.

Die nächste Chance bietet das Lysbüchel-Areal, wo sich bereits eine Reihe Zwischennutzer angesiedelt hat. Noch fehlt hier allerdings der grosse, zukünftige Publikumsmagnet, einer wie der Club Nordstern, der einst am Voltaplatz zuhause war und nun ein wenig unglücklich auf dem Schiff der ehemaligen Tiefgang AG im Exil ist.

Gerüchten zufolge wird der Nordstern ins Voltaquartier zurückkehren. Dorthin, wo vor knapp dreissig Jahren die Basler Techno-Szene bei der Wurstfabrik «Bell» an der St. Louis-Grenze ihren Anfang nahm.

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