Die Basler Innerstadt brummt. Kaum ist Weihnachten vorbei, beginnt die Rabattschlacht des Ausverkaufs. Pfauen, PKZ, Companys oder Globus werben mit grossen %-Zeichen oder 50 Prozent Ermässigung. Vereinzelt, wie beim Schuhgeschäft Dune London in der Freien Strasse oder bei Sophys im Freienhof, werden auf ausgewählten Artikeln sogar Reduktionen von 70 Prozent angekündigt. Woanders sollen diskrete Hinweise wie sale inside bei Bally, winter sale bei Trois Pommes oder einfach sale bei Max Mara die Kunden in die edlen Läden locken.

«Unterhaltungselektronik und höherwertige Textilien sind in der Schweiz günstiger als im Ausland», betont der Wirtschaftswissenschaftler Rainer Füeg, langjähriger Herausgeber der Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz. Das macht sich bei Kleidung im Ausverkauf besonders bemerkbar.

Weniger Auswahl in Lörrach

Ein Augenschein in Lörrach verdeutlicht, dass dort vor allem grosse Ketten und Kaufhäuser um 50 Prozent herunterschreiben – Läden mit höheren Preisen sind seltener als in Basel und bieten meist wie das Herrengeschäft Reiff Boss Jeans für 99.95 Euro statt 119.95 Euro an oder offerieren wie die Damen Boutique Extra am Alten Marktplatz mit 30 Prozent beschränkte Reduktionen.

«Viele Marken gibt es in Lörrach, Weil am Rhein oder Saint-Louis gar nicht und werden deshalb in der Schweiz gekauft. Mit seiner besseren Auswahl hat Basel Zentrumsfunkton», präzisiert Füeg. «Basel spielt die Rolle eines Magneten», ergänzt Gabriel Barell, Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt.

Tatsächlich finden sich in der Bäumleingasse, in Teilen der Freien Strasse, am Spalenberg und in etlichen anderen Gassen und Strassen in der Innerstadt oder am Innerstadtrand eine Fülle von speziellen Boutiquen und Geschäften mit höherwertigen Textilien, die zudem in der Regel substanzielle Preisreduktionen, meist von 50 Prozent, anbieten.

Keine Zahlen von Deutschen

Untersuchungen oder konkrete Zahlen, inwieweit Deutsche zum Ausverkauf nach Basel kommen, liegen nicht vor. Mathias F. Böhm, Geschäftsführer der Pro Innerstadt, der den engsten Kontakt mit dem Detailhandel hat, war gestern nicht zu erreichen.

Insbesondere Drogerieprodukte und Lebensmittel wie Fleisch machen das Einkaufen im nahen Ausland für Schweizer allerdings weiter attraktiv. «Der Einkaufstourismus stagniert auf hohem Niveau», glaubt Barell (siehe Box) und befürchtet, dass vor allem wegen des Drucks auf den Eurokurs «das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht» sei. Dennoch sieht er Silberstreifen am Horizont und verweist auf Bestrebungen, den Einkauf in der Innerstadt durch Massnahmen wie Aussenbestuhlungen, Wlan, schönere Bepflasterung und ökologische Aussenheizung attraktiver zu machen. Die geplante deutsche Autobahn-Maut könnte Einkaufstouristen abschrecken. «Das sind alles kleine Mosaiksteine», sagt Barell und verweist auch auf die geplante Initiative für faire Preise, die sich gegen grosse Preisdifferenzen bei identischen Produkten einsetzt.

Basler Umsatz noch gewaltig

Bertram Paganini, Detailhandelsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein Bodensee, betont gegenüber der bz, dass der Umsatz des Basler Detailhandels «noch gewaltig» sei. Im Artikel zur Kaufkraftanalyse der Grenzregion, der im Oktober 2015 in der IHK-Publikation «Wirtschaft im Südwesten» erschienen ist, geht er von einem Betrag von über 2,5 Milliarden Euro aus.

Paganini schätzt, dass von 100 Franken, die ein Schweizer in den Grenzkantonen im Portemonnaie hat, derzeit fünf bis sechs Franken in die deutsche Grenzregion fliessen. Das würde die Bedeutung des Einkaufstourismus für die Schweiz relativieren. Die Ausgaben in Deutschland hätten zwar die letzten fünf Jahre zugenommen, aber «die Versorgungsfunktion für die ansässige Bevölkerung ist nicht gefährdet», schreibt er auch im Hinblick auf Basel.

Paganini leugnet damit nicht die grosse Bedeutung des Einkaufstourismus für die deutsche Grenzregion vom Bodensee bis Weil am Rhein: 30 bis 40 Prozent des Umsatzes kämen aus der Schweiz. Das sind bei einem Gesamtumsatz von 4,3 Milliarden Euro 1,6 Milliarden Euro. Von einer Verkaufsfläche von 1,3 Millionen Quadratmetern seien 500 000 Quadratmeter «mehr oder weniger schweizbeeinflusst».

Dem Experten macht das auch Sorge: «Ich sage schon seit Jahren, dass man im deutschen Grenzgebiet keine neuen Flächen bauen soll.» Er fürchtet heftigen Wettbewerb. Zum oberhalb des Weiler Bahnhofs geplanten neuen Einkaufszentrum «Dreiländergalerie» sagt er: «Das rechnet sich definitiv nicht ohne Schweizer Kunden.»

Bemerkbar mache sich in der Schweiz zudem, dass Migros und Coop zum Teil Preisabschläge vorgenommen hätten sowie die Präsenz von Lidl und Aldi.