Sturmglocken, die vor Feuer warnen. Die Stadt brennt. Mit Wassereimern versuchen Männer, das Feuer zu löschen. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Ein Haus nach dem anderen wird von den Flammen ergriffen. Das Feuer bricht beim Barfüsserplatz aus und breitet sich rasch in Richtung Freie Strasse aus. Mehr als 250 Häuser fallen den Flammen zum Opfer, darunter das Kloster St. Alban und die St. Ulrichkirche.

Mit dem Stadtbrand von 1417 beginnt das neue Buch von Helen Liebendörfer. Die bekannte Stadtführerin spannt darin den Bogen von der verheerenden Brandkatastrophe bis zum Ende des Konzils 1448. Dieses Konzil von Basel (1431 bis 1448) ist eine wichtige Kirchenversammlung, an der Bischöfe und Kardinäle über die Lehren der katholischen Kirche beraten haben. Das Konzil hat wesentlich zur Entwicklung der Stadt Basel beigetragen, weil sich über Jahre viele Gelehrte in Basel aufgehalten haben. Auch Kaiser Sigismund hat Basel in dieser Zeit besucht. Auf die Umstände seines Besuchs spielt der Titel des Romans an.

Helen Liebendörfer, Sie schildern in Ihrem neuen Buch «Des Kaisers neue Socken» die Ereignisse in Basel vom gossen Stadtbrand am 5. Juli 1417 bis zum Ende des Konzils am 5. Juli 1448. Was hat Sie daran interessiert?

Helen Liebendörfer: Es war eine unglaublich spannende Zeit in der Geschichte der Stadt Basel. Es fielen in dieser Periode viele Entscheide, die lange später Auswirkungen hatten. Ich habe zudem gemerkt, dass viele Leute sehr wenig aus dieser Zeit wissen. Man weiss zwar, dass in Basel ein Konzil stattgefunden hat, kennt aber die Hintergründe nicht. Was die Stadtväter in dieser Zeit haben bewältigen müssen, das ist enorm. Das wollte ich darstellen.

Henman Offenburg, Ihre Hauptfigur, war ja ein richtiger Abenteurer. Ein Basler, der in Rom vom Kaiser zum Ritter geschlagen wurde und nach Jerusalem pilgerte – wie sind Sie auf ihn gekommen?

Den kann man in dieser Zeit nicht übersehen. Das war damals eine wichtige und eine zentrale Figur. Auch da: Die meisten Basler kennen ihn nicht. Dabei ist er eine ganz wichtige Person, nicht nur in der damaligen Zeit. Er hat mit seiner Tätigkeit wesentlich zur Entwicklung der Stadt Basel beigetragen.

Henman Offenburg hat 1445 eine autobiografische Rechtfertigungsschrift verfasst. Haben Sie ihn auch deshalb ausgewählt, weil es gute Quellen über sein Leben gibt?

Wenn ich einen historischen Roman schreibe, gehe ich zuerst auf die Suche nach geeigneten Quellen. Diese Selbstbeschreibung des Henman Offenburg ist natürlich eine wichtige Quelle. Darüber hinaus gibt es über ihn, seine Aktivitäten und über das Konzil viele Quellen, die sehr reichhaltig sind. Wenn man einen Roman schreiben will, der sich nicht nur auf trockene Daten beschränken kann, ist es wichtig, dass man nicht nur die geschichtlichen Fakten hat, sondern dass man darum herum über Informationen verfügt. Natürlich kann man sich vieles vorstellen und muss immer auch einiges erfinden. Ich möchte mich aber entlang der Fakten bewegen und bin deshalb auf gute Quellen angewiesen.

Bisher haben Sie Bücher über Wibrandis Rosenblatt, die Frau von Reformator Oekolampad, und über Angela Böcklin, die Frau des Kunstmalers Arnold Böcklin, geschrieben. Fand sich aus der Konzilzeit denn
keine Frau, über die Sie schreiben konnten?

Oh, doch, es hätte schon interessante Frauen gegeben. Aber ich habe bewusst keine Frau gewählt, weil ich sonst als Frauenschriftstellerin abgestempelt gewesen wäre.

Welche Frauen hätte es da gegeben?

Zum Beispiel Sophie Zibol. Familie Zibol hat am Rheinsprung gewohnt, da, wo sich heute die Universität befindet. Die Zibols waren eine wichtige und wohlhabende Familie. Frau Zibol hat am Schluss im Steinenkloster gewohnt. Sie ist nicht ins Kloster eingetreten, hat aber da gelebt. Das wäre eine interessante Frauenfigur gewesen, die auch mit Adeligen verkehrt hat. Aber ich habe bewusst nach einem Mann Ausschau gehalten und musste in der Konzilszeit nicht lange suchen.

Was hat Sie bei den Recherchen persönlich am meisten überrascht?

Seine intensive Reisetätigkeit. Es ist selbst aus heutiger Sicht sehr erstaunlich, wie viele Reisen Henman Offenburg unternommen hat.

Er ist allein acht Mal nach Wien gereist, um für Basel zu verhandeln, bei seiner letzten Reise war er schon über 70 Jahre alt.

Ja, das ist doch unglaublich für diese Zeit und das auf dem Rücken eines Pferdes und nicht in einer relativ bequemen Kutsche.

Wie wichtig waren diese Reisen für Basel?

Sehr wichtig. Offenburg war Diplomat im Dienste der Stadt Basel. Man hat ihn später den Wettstein des 15. Jahrhunderts genannt. Er hat praktisch alle diplomatischen Beziehungen des Rats betreut, er hat Kaiser Sigismund gut gekannt, er hat sich mit dem Papst und mit den Marktgrafen getroffen und er hat auch mit den Eidgenossen verhandelt. Was dafür eine wichtige Voraussetzung war: Offenburg hat zu den Patriziern gehört. Man konnte zu so wichtigen Verhandlungen nicht irgendjemand schicken. Das musste ein Mann sein, der sich auch am Hof des Kaisers zu bewegen wusste und der da auch ernst genommen wurde. Auch das macht ihn als Hauptfigur für einen Roman natürlich interessant.

Seine Frau hat die vielen Reisen hingenommen, wohl hinnehmen müssen?

Das habe ich mir so vorgestellt. Die Frau blieb natürlich zu Hause, ein Mann führte sein Leben nach aussen, die Frau führte ihr Leben nach innen. Aber es ist immerhin eindrücklich, dass Anna und Henman so lange miteinander verheiratet waren: fast 50 Jahre. Das ist selten für diese Zeit.

Selten, weil man sich vorher trennte oder weil einer der Partner starb?

Es war selten, dass nicht einer der Partner vorher starb.

Die beiden haben zum Beispiel die Pest überlebt.

Genau. Aber auch aus heutiger Sicht kleinere Erkrankungen waren damals lebensbedrohlich. Jede starke Erkältung war gefährlich, eine Lungenentzündung oder ein entzündeter Blinddarm sowieso.

Henman Offenburg war von Haus aus Apotheker, Aber in einer Apotheke des 15. Jahrhunderts hatte es nicht viele Heilmittel?

Es gab viele Heilmittel, aber wenige, die eine echte Wirkung hatten. Das sieht man auch, wenn man in Basel ins Pharmazie-Historische Museum geht. Es ist sehr eindrücklich, ja rührend, mit was sich die Menschen damals zu helfen versucht haben.

Henman Offenburg war massgeblich daran beteiligt, dass das Konzil in
Basel stattfinden konnte. Der katholischen Kirche hat das Konzil in Basel aber ausser Frieden mit den Hussiten mehr Ärger als Nutzen gebracht, oder?

Das kann man so sagen, ja. Und selbst der Friede mit den Hussiten war nicht von langer Dauer. Wie heftig damals gestritten wurde, ist kaum verständlich aus heutiger Sicht. Die Kontrahenten haben sich im Münster sogar gegenseitig von der Kanzel gestossen. Wenn man das liest, glaubt man es kaum. Meine Leserinnen und Leser fragen mich oft, ob diese Szenen tatsächlich wahr seien.

Für die Entwicklung von Basel war das Konzil aber sehr wichtig, oder?

Es hat Basel viel gebracht, weil viele Menschen nach Basel kamen. Die Stadt konnte von ihnen profitieren. Die Papiermühlen, die entstanden, der Buchdruck, später die Universitätsgründung, das ist alles aufs Konzil zurückzuführen. Auch baulich hat sich die Stadt verändert. Man hat zum Beispiel Brücken über die Wiese und die Birs gebaut, das hat auch dem Handel viel gebracht.

Mit Angela Böcklin haben Sie sich dem 19. Jahrhundert gewidmet, mit Wibrandis Rosenblatt dem 16. Jahrhundert, mit Offenburg dem 15. Jahrhundert – was kommt jetzt?

Ich schaue nicht auf die Jahrhunderte. Es kommt drauf an, was mich gerade beschäftigt und worauf ich stosse. Je weiter man zurückgeht, desto schwieriger ist es, einen Roman zu schreiben, sich in die Menschen und ihre Zeit hineinzudenken. Das Lebensgefühl im Mittelalter, die Angst vor Krankheiten oder vor dem Jüngsten Gericht, der enorme Stellenwert der Kirche, das alles kann man heute kaum mehr nachvollziehen. Entsprechend schwierig ist es, sich in einen Menschen hineinzudenken.

Und welches Jahrhundert ist das nächste?

Soll ich das jetzt wirklich verraten? Das nächste ist wieder das 19. Jahrhundert.

Mann oder Frau?

Mann.