Global Summit of Women

Basel im Zeichen der Frauenpolitik

In Basel findet zurzeit der globale Wirtschaftsgipfel für Frauen statt. Eingeladen hat Irene Natividad, Präsidentin des Global Summit of Women. Trotz renommierter Gäste: Der Anlass findet hier kaum Beachtung.

Etwas unangenehm ist es ihnen schon, schliesslich trauen sich die zwei Frauen aber doch: Wo es denn hier zum Messeplatz gehe? Sie stehen an der Schifflände, den Basler Stadtplan in der Hand. Hinter ihnen, hoch über der Mittleren Brücke, wehen es die Fahnen in die Stadt: Der Global Summit of Women findet statt, der weltweite Wirtschaftsgipfel für Frauen. «CNN» und «Financial Times» berichteten darüber, zu den Teilnehmerinnen gehören nicht nur Bundes-, National- und Regierungsrätinnen, sondern auch zahlreiche Premierministerinnen und Abgeordnete aus der ganzen Welt.

In Basel selbst aber scheint das Ereignis auch am zweiten Tag nicht wirklich angekommen zu sein. Das hier ist eben doch kein WEF, das wird bei einem Besuch vor Ort schnell klar: Der Messeplatz ist menschenleer, das Restaurant gleich neben dem Messecenter wegen der Sommerferien geschlossen.

Es geht ums Netzwerken, nicht ums Debattieren

Auch ausgeschildert ist kaum etwas. Die zwei Frauen an der Schifflände, in weisser Bluse und schwarzem Bleistiftrock, fragen sich durch, vom Tram zum Messeplatz, vom Platz zum Congress Center, vom Eingang ins Foyer im dritten Stockwerk. Und dann, die Türen schnell und leise wieder geschlossen, fällt der Blick auf die grossen Leinwände neben der Bühne. Ein Mann erzählt, woran es Frauen fehlt. Und der Mann, Peter Voser, Vorsitzender des Technologiekonzerns ABB, appelliert an die Frauen: Sie würden sich viel mehr hinterfragen als ihre männlichen Kollegen. Das habe er selbst beobachtet.

Schliesslich legt Irene Natividad, die Präsidentin des Wirtschaftsgipfels, Zahlen vor, die einmal mehr zeigen: Gut ausgebildete Frauen gibt es viele, doch nur die wenigsten von ihnen schaffen es in Kaderpositionen. Firmen müssten lernen, Frauen gezielt auch intern zu fördern. Und sie plädiert für Frauenquoten: «Ich weiss, viele Frauen finden, sie wollen keine Quotenfrauen sein. Diesen Frauen sage ich: Kommt darüber hinweg.»

Gegenstimmen sind an diesem Freitagmorgen indes nicht wahrnehmbar. Überzeugt werden muss niemand. Stattdessen wird applaudiert, fotografiert. Aus der ganzen Welt sind die Besucherinnen hergereist. Nun stehen sie im weiten Foyer, in ihren perlenbestickten Roben und bunt bedruckten Gewändern, mit Kopftuch oder Longchamp-Tasche, und spannen ihre Beziehungsnetze.

Der Austausch bleibt das Kernelement des Anlasses, der seit 1997 jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet. Auch Altnay Mukanova, Tourismusexpertin aus Kasachstan, ist deswegen hier. Sie habe hier neue Freundinnen gefunden, die sie inspirieren: «Bei uns wird es nicht begrüsst, wenn Frauen leitende Funktionen haben. Ich hoffe, dass sich Frauen künftig mehr zutrauen.» Dann packt sie eine Tafel Schokolade aus der Heimat aus, einfach so, als Geschenk.

«Alle sind so freundlich und dankbar»

Ein Anlass von Frauen für Frauen sei eine Seltenheit. Das sagt der Techniker, der neben dem Haupteingang Headsets für die Simultanübersetzungen verteilt, mit Bedauern. Nicht nur wegen der schönen Vietnamesinnen in ihren «traumhaften» Kleidern, wie er betont. Vor drei Wochen habe er hier an einem Militärkongress gearbeitet. Die Stimmung sei bei weitem nicht so gut gewesen: «Bei Männern ist es ernster. Hier herrscht eine richtige Aufbruchstimmung.»

Alle seien so freundlich und dankbar, sogar für Selfies werde er angefragt. «Ich bin sehr, sehr positiv überrascht. Man merkt richtig, dass die Frauen etwas mitnehmen wollen.» Vielleicht ist es auch diese beschwingte Stimmung, die den Anlass wie eine Mischung aus Wirtschaftsforum und Eurovision Song Contest wirken lässt.

Im Untergeschoss verkaufen Unternehmerinnen aus aller Welt ihre eigenen Produkte, das Shoppingerlebnis wird zum feministischen Statement. Erfolgsgeschichten gibt es hier einige. Zum Beispiel jene von Farah Khan, die seit 18 Jahren am Kongress teilnimmt. Die Textildesignerin aus Kalkutta profitiert von den Anlässen, um ihre Schals zu verkaufen. Die Treffen haben es ihr ermöglicht, Frauen aus der ganzen Welt als Kundinnen zu gewinnen. Khan kennt die Frauen hier, man grüsst sich, freut sich über das Wiedersehen. Die wenigsten Inderinnen hätten das Privileg, um die Welt zu reisen. Khan hofft, dass künftig auch in ihrer Heimat Kongresse stattfinden. Sie greift zu einem bunten Schal: schon wieder ein Geschenk.

So schön die Harmonie ist: Die familiäre Atmosphäre lässt schnell vergessen, welch illustre Gäste momentan in Basel weilen. Auch der Internetauftritt des Wirtschaftsgipfels im Stile der frühen Nullerjahre trägt dazu bei, dass aus dem WEF für Frauen ein lässiges Zusammensein mit Ferienfeeling wird. Basel wird als Stadt der Uhren und Schokolade angepriesen, die Abgeordneten zu Touristinnen degradiert. Ein Attribut, das ihnen schlicht nicht gerecht wird. Auch wenn sie manchmal nach dem Weg fragen müssen.

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