Fotografie

Basel in einer anderen Zeit: Die atemberaubenden Bilder von Claude Giger

Der Basler Fotograf Claude Giger übergibt seine berufliche Hinterlassenschaft dem Sozialarchiv Zürich. Anlass genug, auf sein Lebenswerk zurückzublicken.

Zuerst ist nur ein leises Summen zu vernehmen. Als Claude Giger das Licht anknipst, wird klar, woher das Geräusch kommt: Hier, im Keller seines Hauses an der Eulerstrasse, werden Materialien gelagert, die eine gute Belüftung und eine gleichbleibende Temperatur brauchen. Diese Anlage surrt hier leise vor sich hin und schützt all das, was Giger (67) in seinem ganzen Arbeitsleben geschaffen hat: Fotografien von Ereignissen und Menschen, ab den Siebzigerjahren bis heute.

Wobei seine Passion für die Fotografie eigentlich schon früher begonnen hat, ab dem Alter von acht Jahren nämlich. Er greift in ein Regal mit farbigen Alben. Als Knirps bereits hat er in den frühen Sechzigern das bunte und doch geordnete Treiben in sozialistischen Kinderlagern in Osteuropa für sich dokumentiert. Giger entstammt einer PdA-Familie und fand sich in seinen Ferien oft in solchen politisch grundierten Kinderwochen wieder.

Ikonische Momente der Basler Geschichte festgehalten

Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen. Giger ist stets ein Dokumentarist des sozialen und linken Basels geblieben. Die fein säuberlich nach Alphabet geordneten Hängeregister in seinem Keller sind wie ein «Who is Who» der Basler Alt-Kommunisten, der Sozialdemokratie und auch der einstigen Progressiven Organisation. Man wird in seinem Archivraum unweigerlichen in die Siebziger- und Achtzigerjahre zurückversetzt, als es noch eine schier unfassbare Zahl von parteipolitisch geprägten Publikationen gab und die ideologischen Kämpfe in dieser Stadt noch auf der Strasse ausgefochten wurden. Gigers Bild eines «Stadtgärtners», welcher der schwerbewaffneten Polizeifront gegenübersteht, gehört auch dazu. Oder das Foto einer Demonstration in den frühen Siebzigern. «Gegen Wohnungsraub, Mietzinswucher, Verkehrschaos» steht dort auf einem Transparent geschrieben. So weit weg – und thematisch doch so nahe an der Gegenwart. Weitere ikonische Beispiele für sein Schaffen sind auf dieser Doppelseite zu sehen. In den Bildlegenden schildert Claude Giger die Entstehungsgeschichte der einzelnen Fotografien.

Es ist nicht erstaunlich, dass sich das Sozialarchiv für Claude Gigers Lebenswerk interessiert. 400'000 Bilder warten darauf, erschlossen, digitalisiert und online zugänglich gemacht zu werden. Die Christoph-Merian-Stiftung hat dafür vor kurzem 270'000 Franken gesprochen. Die Wahl fiel aufs Sozialarchiv, weil er dort mehr Mitspracherechte eingeräumt bekommen habe als zum Beispiel beim Staatsarchiv, wie Giger sagt. Und er betont, wie erleichtert er darüber sei, sein ganzes Lebenswerk wegzugeben. «Ich kann meine Nachfahren doch nicht mit einem solchen Erbe belasten.»

Protest in Kaiseraugst

AKW-Gegner

Protest in Kaiseraugst

Dieses Foto erschien am 2.11.1989 im «Basler Volksblatt». Die damalige Bildlegende lautete: «Unüberschaubar war die Menschenmenge auf dem Platz schon bald nach Ankunft des ersten Teils des kilometerlangen Protestzuges geworden. Weit über eine Stunde dauerte es, bis auch die letzten Teilnehmer eintrafen. Unser Bild vom Rednerpult aus vermittelt einen Eindruck davon, wie dicht die Menschen standen. Mit der Erklimmung des ausgedienten Informationspavillons der KKW Kaiseraugst AG löste die Jugend das Platzproblem auf ihre Weise.»

Claude Giger ist jener Tag gut im Gedächtnis geblieben. «Ich blickte von der Rednertribüne auf eine der ganz grossen Kundgebungen auf dem Gelände in Kaiseraugst. Die Stimmung war gut und die Demo ein Erfolgserlebnis für alle Teilnehmer. Die Grösse der Demo erregte schweizweit Aufmerksamkeit. Damit wurde klar, dass der Widerstand gegen den Kraftwerkbau grossen Rückhalt in der Bevölkerung gewann.»

Eine Zeitreise zu uraltem Handwerk

Gerberei in Gelterkinden

Eine Zeitreise zu uraltem Handwerk

Veröffentlicht wurde das Bild am 12.10.1983 im damaligen «Brückenbauer». Das Foto knipste Giger für eine Reportage mit dem Journalisten Iso Ambühl. Die damaligen Lederstühle im Kultkino Atelier stammten aus der Gerberei Baader, deren Herstellung sollten Giger und Ambühl dokumentieren.

«Diese Fabrik, ein verwinkelter Bau, stand mitten in Gelterkinden. Eine Brücke führte vom Vorderhaus über das Rickenbächli zur Halle mit riesigen Fässern», erinnert sich Giger an jenen Auftrag. «Es war eine Zeitreise zu einem uralten Handwerk.»

Das grosse Baselbieter Jubiläum

Liestal

Das grosse Baselbieter Jubiläum

Am 17. März 1982 feierte der Kanton Basel-Landschaft offiziell sein 150-jähriges Bestehen. In der Stadtkirche Liestal findet der Festakt statt. Vertreter aller 26 Stände waren zugegen, dazu zwei Bundesräte, auch der Regierungspräsident von Basel, Eugen Keller, hielt eine Rede. Die Baselbieter Chronik notiert: «Die Feier wird musikalisch umrahmt, und zum Schluss wird gemeinsam das Baselbieterlied gesungen. Ein anschliessender Festzug, angeführt von der Stadtmusik Liestal, führt zur Sporthalle Frenkenbündten, wo rund 1000 geladene Gäste das Mittagessen einnehmen.» Dass der Kanton Baselland sein 150-Jahr-Jubiläum anschliessend mit einem Militärdefilee feierte, wurde im Nachgang verschiedentlich kritisiert, so zum Beispiel von der damaligen SP-Landrätin, Angeline Fankhauser, die in «Die Woche» vom 26. März 1982 wie folgt zitiert wird: «Das Defilee war schon aus historischer Sicht falsch.» «Der Zuschaueraufmarsch war eher bescheiden», erinnert sich Giger. Das Foto zeigt, dass es bei dem Anlass zu unerwarteten Begegnungen zwischen den Militärs und anderen Menschen kam.

Emotionen nach «Schweizerhalle»

Kundgebung

Emotionen nach «Schweizerhalle»

Diese Bilder kennen wohl die meisten Baslerinnen und Basler: Bilder vom Inferno in der Chemie, Rauch über Muttenz und toten Fischen im rotgefärbten Rhein. Am 1. November 1986 brach im Industriegebiet Schweizerhalle, das zur Chemiefirma Sandoz gehörte, Feuer aus. In der Lagerhalle befanden sich zu jenem Zeitpunkt 1350 Tonnen giftige Chemikalien. Mehrere Menschen erlitten durch den Brand akuten Schäden. In den Folgetagen mussten darüber hinaus noch über 1250 Personen aufgrund von Atemwegsreizungen behandelt werden. Es war eine der grössten Umwelthavarien überhaupt.

Auf die Katastrophe folgten Kundgebungen, die in den Tagen danach in Basel stattfanden und international für Aufsehen sorgten. Aufgebracht Demonstranten brüllten «Tschernobâle» und «Sandobyl» in ihre Megafone, schrieb die «Neue Zürcher Zeitung». Um die Welt ging auch ein Transparent mit der Aufschrift «Requiem für den Rhein».

«Ich war in jenen Tagen ständig unterwegs in der Stadt und habe Demonstrationen, Aktionen und weitere Veranstaltungen fotografiert», erzählt Giger. In diesem Zusammenhang entstand auch das Bild oben mit dem weinenden Mädchen vor der Litfasssäule auf dem Basler Marktplatz, das die Emotionen jener Tage fast schon überzeichnete. Am 11.11.1986 publizierte der «Tages-Anzeiger» dieses Bild unter dem Titel «Protest von Basler Künstlern». «Die Stimmung war gut, die Menschen waren verärgert, viele äusserten ihre Wut auf kreative Weise. Die Szene mit dem Mädchen war ein ganz kurzer, flüchtiger und starker Moment», sagt Giger.

Die Proteste hatten Folgen, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft.

Linke Männershow am 1. Mai

Tag der Arbeit

Linke Männershow am 1. Mai

Mit seinen politischen Überzeugungen hielt Claude Giger nicht hinter dem Berg. Die jährliche Teilnahme an der Demo anlässlich des Tags der Arbeit gehörte für ihn zum Pflichtprogramm. «Ich machte das Foto als junger Mann, ohne einen Auftrag, sondern als Mensch, für den die Erst-Mai-Demo zu den jährlichen Ritualen gehörte», sagt Giger heute. Nicht ohne kritische Reflexion: Der Tag der Arbeit sei zu jener Zeit selbst in linken Kreisen «eine reine Männershow» gewesen.

Auf dem Bild treffen sich Andreas Gerwirg, Jean Ziegler und Helmut Hubacher zum Stelldichein der Schweizer Sozialdemokratie.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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