Es ist ein wenig verkehrte Welt: Flüchtlinge kommen nicht in die reiche Schweiz, sondern sie verlassen sie. Und werden ennet der Grenze gefasst. Basel ist nicht Ort der Ankunft für Verzweifelte, sondern Durchgangspunkt für die Reise, deren Ziel weiter nördlich liegt.

Schlagzeilen gemacht hat vor rund zwei Wochen der Fall von 16 westafrikanischen Flüchtenden, die im Bahnhof Weil am Rhein aus einem Container geholt wurden. Allein über die Ostertage haben die deutschen Behörden fast doppelt so viele Personen festgestellt, die illegal aus der Schweiz nach Deutschland einreisten. Dabei handelt es sich laut Auskunft der deutschen Bundespolizei vorwiegend um Männer aus Somalia, Eritrea und Nigeria.

Auf der Schweizer Seite schreibt das Grenzwachtkorps (GWK) dagegen auf Anfrage der bz: «Eine deutliche Zunahme der Aufgriffe an der Nordgrenze haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten nicht festgestellt.» Die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden sei «seit vielen Jahren etabliert, sehr eng und professionell».

Letzte Fluchtetappe per Tram

Nahezu sämtliche Transportmittel seien genutzt worden, melden die deutschen Behörden. Haupttransportmittel für die illegal Einreisenden war aber klar die Tramlinie 8 nach Weil. Hier wurden 14 Personen aufgegriffen. Beim GWK heisst es allerdings: «Die Tramlinie 8 wird zwar von Migrantinnen und Migranten genutzt, hat aber keinen entscheidenden Einfluss auf die Migrationszahlen an der Schweizer Nordgrenze.»

Zwei Somalier, die am Karsamstag in einem Tram erwischt worden waren, übergaben die deutschen Polizisten der Schweizer Grenzwache. Denn die Beiden wollten kein Asylgesuch in Deutschland stellen, mussten also zurück nach Basel.

Damit sind sie aber die Ausnahme, denn die meisten der afrikanischen Flüchtlinge wollen nach Deutschland. Die Schweiz ist für sie nur Teil der Reise. «Migration verläuft entlang von sozialen Netzen», sagt Renata Gäumann, die Basler Asylkoordinatorin. Sprich: Wer Verwandte oder Freunde hat, die in Deutschland oder in Skandinavien leben, der will da hin und nicht in die Schweiz.

Schnelle Arbeit zahlt sich aus

«Zudem ist bei den Migranten bekannt, dass man in der Schweiz innert weniger Tage weggewiesen wird, wenn man ohne Asylgründe ein Asylgesuch stellt.» In anderen Ländern kann dies wesentlich länger dauern. Die Schweiz ist dadurch viel weniger attraktiv für Flüchtlinge als Länder, in denen sie lange auf einen Entscheid warten müssen oder dürfen.

Also versuchen die Migranten, möglichst unentdeckt von Süden her durch die Schweiz zu kommen. Und werden erst an der deutschen Südgrenze entdeckt. Gemäss Dublin-Abkommen dürfen die deutschen Behörden sie nur dann wieder in die Schweiz zurückschicken, wenn klar ist, dass sie von hier gekommen sind. Oder zurück nach Italien, wenn sie dort bereits registriert wurden.

Einfaches Fahndungsgebiet

Den «8er» als Erschwernis der polizeilichen Tätigkeit zu bezeichnen, wäre gemäss den betroffenen Ordnungshütern verfehlt. Im Gegenteil, heisst es, wenn man sich bei den Polizisten umhört: Die Trams seien ein idealer Ort für Kontrollen: übersichtlich und in sich geschlossen. Zudem wollen sich die Flüchtlinge auch nicht mehr verstecken, wenn sie einmal in Deutschland angekommen sind.

In Basel selbst sei die Lage ruhig, sagt Gäumann. Die Zahlen sind auch gesamtschweizerisch deutlich rückläufig. Die Flüchtlinge kommen beinahe nur noch via Italien in die Schweiz, seit die Reise über die Balkanroute massiv erschwert wurde. Da Italien zum Dublin-Raum gehört, werden 95 Prozent der von dort in die Schweiz Einreisenden umgehend zurückgewiesen.