Die Menschenschlange der Wartenden reicht bis zum Tinguely-Brunnen. Es ist Samstagvormittag um 10 Uhr, als das Theater Basel endlich seine Türen öffnet. Doch für einmal strömen nicht nur die Kulturbeflissenen ins Theater, sondern auch Liebhaber alter Klamotten. Im Inneren werden die Leute nach einer Weile sogar via Lautsprecherdurchsage gebeten, nach ihrem Einkauf das Gebäude schnell zu verlassen, um noch anderen Wartenden die Gelegenheit zu geben, es ihnen gleichzutun.

Somit ist es der erste Eindruck, der bestätigt, dass der Kostümverkauf des Basler Theaters ein Erfolg ist. Für Karin Schmitz keine Überraschung. «Der Anlass ist ein grosser Magnet. Denn wann hat man sonst die Gelegenheit, solch exklusive Kostüme zu erstehen?», fragt die Leiterin der Kostümabteilung und verkneift sich die offensichtliche Antwort. Etwa 2000 Exemplare stehen zum Verkauf. Was keinen Abnehmer findet, wird wiederverwertet. Karin Schmitz rechnet aber damit, dass der Grossteil davon einen neuen Besitzer finden wird: «Ob Kostümpartys, Fasnacht oder Halloween – in den letzten Jahren haben die Anlässe, zu denen man sich verkleidet, zugenommen.»

Volle Einkaufstüten

Doch wer kauft eigentlich heutzutage Theaterkostüme? Zwar sieht man Familien mit Kindern genauso wie ältere Ehepaare beim Stöbern. Selbst das Shopping-Klischee, bei dem der Mann leicht genervt der Frau die Kleider hinterherträgt, ist vereinzelt vorhanden. Doch überwiegend sind es junge modebewusste Leute, die den Weg ins Theater gefunden haben. Beispielsweise Eva Winnips und Iva Protic, die deswegen zum ersten Mal zu so früher Stunde («Normalerweise sehen wir uns nur abends im Ausgang!») verabredet haben. «Eine Nachbarin, die viel ins Theater geht, hat mir von diesem Anlass erzählt», so Protic, die es ihrer Freundin weitererzählt hat. Der Grund, den Winnips für ihren Besuch nennt, ist besser als jeder Werbeslogan: «Ich will Kleidungsstücke, die sonst niemand anderes trägt, zu günstigen Preisen.» Der Wunsch der Baslerin geht in Erfüllung, ihre Einkaufstasche ist um ein Kleid und zwei Mäntel schwerer geworden.

Ebenfalls weiblich und jung ist Sandra Zurfluh, die als Facebook-Likerin des Theaters an den Kostümverkauf erinnert wurde. «Sonst hätte ich die Sache vielleicht vergessen», lacht die Fricktalerin, deren Erscheinen auch mit ihrem Beruf zu tun hat. «Als Tänzerin habe ich gehofft, ein Tutu zu finden», erzählt die 23-Jährige. Sie wird fündig und verlässt das Theater nicht mit leeren Händen.

Auch der Deutsche Ulrich Jäger hat eine volle Einkaufstüte, als er zum Ausgang geht. Er spielt mit dem Gedanken, dem nächsten Bancomaten einen Besuch abzustatten, um mit gefüllter Kriegskasse zurückzukehren. Der Mittelalter-Fan aus Bad Krozingen hatte aus der Zeitung von diesem Anlass erfahren und wurde positiv überrascht. «50 Euro habe ich schon ausgegeben und ein weiteres Stück im Wert von 100 Euro reservieren lassen. Soll ich das wirklich auch noch kaufen?», fragt er beinahe verzweifelt. Deutlich entspannter schlendern dagegen Sarah Staehlin und Peter Zhang an den zahlreichen Kleiderstangen vorbei. Beide haben sich Pharao-Kopfbedeckungen aufgesetzt. «Die werden wir definitiv kaufen!»

Die beiden Schüler vom Gymnasium Oberwil decken sich bereits jetzt für die Mottotage vor ihrer Maturfeier im November ein. «Sonst werde ich diese schrägen Sachen wohl nie tragen», grinst der Allschwiler. Seine Binninger Freundin würde das allerdings nicht von jedem Kleidungsstück in ihrem Shopping-Bag behaupten. Sie kramt eine Napoleon-Jacke hervor und sagt: «Für die wird sich sicher ein Anlass finden.» Dass der Kostümverkauf des Theaters eine tolle Sache ist, finden nicht nur die beiden Teenager. «Ich könnte jeden Tag hier verbringen», lacht Sarah Staehlin und spricht aus, was wohl die meisten Besucher denken.